Von Matthias Bosenick (03.04.2025)
Der gute, alte Neunziger-Noiserock kann immer noch was, und er muss dabei gar nicht altbacken klingen. Zum vierten Mal bescheren uns Trigger Cut aus Stuttgart mit „A History Of Junk“ auf Albumlänge ein zeitgenössisches Update dieser Rock’n’Roll-Spielart, die sich an keine Regeln hält und gerade damit Raum lässt für unerwartete Spielereien, abseitige Strukturen und einen enormen Schwung an Energie. Und das nur zu dritt!
Keine herkömmlichen Strukturen bedeutet nicht, dass Trigger Cut nichts generieren würden, was in Kopf und Herzen haften bleibt. Dafür haben sie viel zu viele Ideen, die sie in den elf neuen Stücken unterbringen. Die Gitarre kann zwar schön Riffs und so, aber auch Figuren, die nicht zur Melodie- oder Rhythmuserzeugung gedacht sind, sondern primär einen Sound, ein Geräusch, einen Effekt generieren, mitten hineingestreut in den bereits auf Hochtouren laufenden Song. Den Bass und Schlagzeug nicht nur als Grundgerüst stabil halten, da passiert ebenfalls so einiges mehr, als es der Zweck vorsieht, beim Bass gelegentlich mit einer ausgefransten Verzerrung versehen, während das Schlagzeug mit Breaks und Überschlagungen inmitten der Tracks arbeitet. Und dann die Stimme, die jedes Mal zunächst in ihrer höheren Tonlage überrascht, in der sie mal druckvoll zu erzählen scheint und mal wütend herausbrüllt, und die Hörenden komplett für sich einnimmt.
Die klassischen Strophe-Refrain-Brücken-Strukturen braucht man im Noise Rock zwar nicht mehr, gar keine Strukturen aber auch nicht: Die Songs folgen eigenen Gesetzen, die es durchaus zulassen, dass die Band innerhalb eines Songs nach einem staunenswerten Zwischeneffekt zum vorherigen Vorgehen zurückkehrt, man also sehr wohl seine Schleifen findet, Hooks mithin, und seien dies rhythmische Loops, repetitive Ausbrüche, wiederkehrende Harmonien. Ja, solche gibt es, denn ganz ohne kommt auch eine Protestmusik wie Noise Rock nicht aus, und das ist richtig so.
Zwar lehnen sich die Süddeutschen an den Noise Rock der Neunziger an, mit Blick auf Helden wie Big Black und Shellac – allem voran eben auch nur irgendwas von und mit Steve Albini –, Unsane oder The Jesus Lizard, doch haben auch die so ihre Vorläufer, die man bei Trigger Cut ebenfalls durchschimmern hört, etwa die absichtlich unkonventionelle, aber stark rhythmusbetonte No-Wave-Bewegung aus dem New York der Achtziger. Von der Kompromisslosigkeit des Punk der Siebziger ganz zu schweigen. Nicht enthalten indes ist metallische Härte, wie man sie von manchen Vertretern des Genres kennt; Trigger Cut sind ja auch weder Kopie noch Tribut.
Wie gut, dass sich das Stuttgarter Trio von dem Proberaumbrand im November 2021 längst wieder erholt hat. „A History Of Junk“ ist bereits das zweite Album nach dem Verlust, den Heerscharen von befreundeten Bands mit diversen Unterstützer-Compilations zu bewältigen halfen. Das Trio besteht aus Vinyl- und Katzenliebhaber Ralph Schaarschmidt, zuvor bei Buzz Rodeo, an Gitarre und Mikro, Daniel Wichter am Bass und Mathias H. aka Mat Dumil (Esperanto für Zweitausend) am Schlagzeug, parallel noch zugange bei Blooddust und Lakes Of Wada. Die CD-Version des Albums hat eine andere Schriftfarbe, aber dieser hoch energetische Noise Rock empfiehlt sich ohnehin auf Vinyl.