Von Matthias Bosenick (23.02.2026)
Nach „Let’s Just Werewolf Them“ fällt das Duo Teen Prime in seiner Veröffentlichungsbenennung endlich wieder in die eigene Tradition zurück und nummeriert durch, was so herauskommt: Mit „No. 11“ gibt’s eine neue LP – und mit „No. 6“ füllen Sebastian Fäth und Jörg A. Schneider endlich die klaffende Lücke in der Reihenfolge, und zwar, indem sie es als Split-Tape mit Disonancia Espansiva aus Benicarló in Spanien, auf halber Strecke zwischen Barcelona und Valencia gelegen, herausbringen. Auf beide Projekte lässt sich das Etikett Impro-Noise-Jazz anheften.
Eine gemeinsame Spanien-Tour war der Anlass für Teen Prime und Disonancia Expansiva, „No. 6“ herauszubringen. Dabei handelt es sich mitnichten um zwei Live-Mitschnitte. Jedes Projekt füllt eine Tape-Seite mit exklusiver Musik, beginnen wir mit Teen Prime: Fünf Tracks, länger als eine LP-Seite und offensichtlich tatsächlich die bisher verschollenen Aufnahmen aus dem Jahr 2023. Die beinahe typische Nervosität des Duos dringt hier abermals aus den Spuren, wenn Schneider arhythmisch und ultraschnell sein Schlagwerkzeug bearbeitet und Fäth dazu die E-Gitarre ohne Verzerrer Kapriolen schlagen lässt. Auch wenn dabei passagenweise noisy Stuff herauskommt, belasten die Tracks das Nervenkostüm nicht, denn Teen Prime strahlen trotz ihres Umgestüms aus, dass sie mit Bedacht improvisieren. Es lässt sich unendlich viel entdecken, in der Menge der Schlagzeugschläge und in den Gitarrenfiguren. So fährt Schneider bisweilen seine Intensität zurück, indem er von der Snare auf Rimklicks zurückfällt, und Fäth neigt nur selten zum ausgelassenen Schrammeln und gestaltet lieber selbstversunkene Gniedelmeditationen.
Kleinen Kuriositäten lassen Teen Prime immer wieder ihren Platz. Etwa in „Gravity, Perpetuate“, in dem Schneider eine Art Military-Rhythmus anschlägt und Fäth dazu punktiert repetitive Töne generiert. Überhaupt ist dies eine der wenigen Sequenzen, die tatsächlich so etwas wie vertraute Taktstrukturen tragen. Wobei das nicht vollständig zutrifft: Im Grunde kann man feststellen, dass jeder der beiden Beteiligten seiner eigenen Struktur folgt und sich beide wie Interferenzen zu etwas Neuem überlagern. Denn während Schneider sehr wohl zumeist einem inneren Takt folgt, lässt sich bei Fäths Gitarrenanschlägen so mancher zählbarer Abstand ermitteln, verbunden mit so etwas wie rudimentären Melodien, brüchigen Flächen oder warmem Fuzz, wenn er denn mal den Verzerrer bedient. Eine Soundausnahme stellt das finale und bereits im Titel warmherzige „You Will Always Have A Home With Me“ dar, das zunächst ganz ohne Schlagzeug beginnt, von Fäth sanft eingegniedelt, und das sich behutsam und allmählich zu einer Art Neil-Young-Fuzz-Orgie ausformuliert.
Erstaunlicherweise ist der Geist, von dem die spanischen Kollegen Disonancia Expansiva beseelt sind, dem von Teen Prime so ähnlich, dass man erstmal nachguckt, ob die Besetzung nicht vielleicht identisch ist. Findet dann aber heraus, dass man über die Besetzung gar nichts herausfindet, jedenfalls nicht auf Bandcamp; andernorts ist von den Brüdern Victor López und Raúl López die Rede. Das Schlagzeug ist hier etwas sanfter angeschlagen als bei Schneider, die Gitarre etwas traumhafter, aber man merkt im Verlauf des ersten überlangen Tracks „Chaflán“, dass das lediglich ein Warmspielen ist. Doch selbst unter mehr Last, Fuzz und Noise erscheint der Sound von Disonancia Expansica weicher als der von Teen Prime, zudem nehmen die Brüder das Volumen bisweilen auch wieder ins Behutsame zurück. Weniger beseelt ist diese Musik deshalb noch lang nicht.
Die Aufnahmen von Teen Prime für „No. 11“ fanden mehr als ein Jahr nach denen für „No. 6“ statt. Aufschlussreich ist, wie unterschiedlich die Veröffentlichungen von Fäth und Schneider ausgerichtet sind: Es gab bereits ausnehmend stressige Alben, es gab zurückgenommene Experimentierabenteuer und es gab einiges dazwischen. Das abermals sehr freundlich betitelte „This One’s For You And You Know It“ startet gleich mit so etwas, das man grob in Richtung Afrobeat einsortieren könnte, ausgehend von der Art, wie Fäth die Gitarre spielt. Solcherlei Spielereien gönnen sich die beiden hier weit mehr als zuvor, mit Gitarrenfiguren aus allerlei Genres, die man zumeist gar nicht konkret zuordnen kann; ist das in „He Was Last Seen Climbing Mount Ego“ beispielsweise eher Blues-Slide oder gar Neo-Klassik? Überhaupt erscheinen einige Momente hier deutlich songorientierter zu sein, obschon Schneider weiterhin beharrlich auf feste Rhythmen verzichtet. Bisweilen scheint sich Fäth mit sich selbst zu duellieren, Entschuldigung: duettieren, und dann klingt seine Gitarre sogar wie ein Bass. Und weil’s zum Duettieren mit noch mehr Instrumenten noch spannender wird, gesellt sich in „Your Library Of Stories“ ein bedächtig klimperndes Piano hinzu, an anderer Stelle schaltet Fäth seine Orgel ein.
Strukturen erhalten die Stücke überdies nicht ausschließlich über das, was Fäth beisteuert, auch Schneider leistet seinen Beitrag, selbst unter Verzicht auf Rhythmen: Er integriert überraschende Breaks in manche Tracks, variiert die Intensität und die Auswahl der Elemente seines Equipments, die er bearbeitet, und bei allem Freiheitlichen schlüpfen ihm mitunter dann doch mal nachvollziehbare Takte durch, etwa zuletzt zu Beginn von „All About Bangs“, das Fäth noch mit ordentlich Getöse anfüllt.
Für „No. 11“ fallen Teen Prime nicht nur zur Nummerierung zurück, sondern auch zum Layout: Cover sehen bei diesem Duo immer aus wie Rückseiten, zarte Schrift auf monochromem Grund. Anders noch „No. 6“, das einen roten Totenschädel mit weißen Flammen aus den Augenhöhlen auf pinkem Grund zeigt, allein schon ein Kaufgrund. Die Split-Variante der Brüder aus Spanien zeigt den Schädel aus einer anderen Perspektive und auf Orange. Und dennoch, Schädel bleibt Schädel, auch mit pinkem Hintergrund und am Mittelmeer.


