Von Matthias Bosenick (09.07.2026)
Das ist schon interessant: Auch ohne Kenntnis, dass es sich bei Red Sun um eine italienische Band handelt, käme man allein angesichts des Gesangs auf die Idee, dass dies der Fall sein könnte. Denn der Gesang von Elisa Brusati erinnert in Ausdruck und Intensität stark an den Italopop der Achtziger, man ahnt „Ti sento“ von Matia Bazar, beispielsweise. Da steckt ein Feuer drin, das noch heller lodert als die Musik drumherum, und die siedelt das restliche Trio im psychedelischen Spacerock an. Restlich deshalb, weil Gesang auf dem vierten Album „Songs From Hidden Places“ erstmals zum Einsatz kommt, es also bereits drei Alben zu dritt gibt. Und es gibt noch mehr Entwicklungen hier.
Denn der Einsatz von Gesang verlangt von den Kompositionen eine andere Struktur, schließlich wollen die Zeilen in ein nachvollziehbares Format passen, da müssen sich die ansonsten für instrumentale psychedelische Spacerockmusik typischen ausufernden Endlosigkeiten unterordnen. Besser: anpassen, denn fahren lassen Red Sun das Psychedelische nicht, sondern integrieren es, kombinieren es mit der Stimme. Was dabei herauskommt, würde bei unscharfer Betrachtung möglicherweise auch als Progrock durchgehen. Dabei passt Indierock hier sogar besser: Ungewöhnliche Strukturen und unangepasste Kompositionen lassen sich dort ja ebenso finden, ohne dass man gleich an episches Gniedeln denken muss.
Denn wo Progrocker gniedeln, versinken Indierocker eher in so etwas wie Shoegaze oder Post Rock, sobald sie reguläre Ufer übertreten, oder machen sich – wie hier – gleich auf in den Kosmos. Zu diesem Behufe bemühen Red Sun auf „Songs From Hidden Places“ auch gleich mehr Synthies und mehr Theremin, wie sie wissen lassen, und in der Tat, das sind ja nun wirklich spacige Instrumente. Noch ein Pluspunkt von Red Sun ist, dass sie die Songs sich nicht ähneln lassen, jeder hat ein anders Gesicht. Eröffnet die Band mit „Hidden Places“ noch – trotz des synthetisch wirkenden Intros – genrekonform, versetzt mit einem leicht orientalischen Einfluss, bekommt „Sleeping Brain“ eine Ambient-Stille verabreicht und klingt „The Hidden Truth“ ganz überraschend nach einer Kombination aus Anuseye (Kuhglocke im Stonerrock) und The B-52’s (Gesang). „All Thinsg Are Written Here“ ließe sich mit seinem zwischenzeitlichen Madchester-Rhythmus wieder eher in den Indierock einordnen. Und das Solo-Gniedeln in „A Hidden Bond“, abgelöst von Synthiespielereien, passt definitiv besser zum Spacerock als zum Progrock. Sobald sich die Band ins tanzbar Selbstversunkene begibt, mag man auch an Stereolab denken.
Als Trio gründeten Schlagzeuger und Keyboarder Federico Rivoli, Bassist Mirco Dugaria und Gitarrist Stenao „Eno“ Dusi Red Sun 2014. Drei Alben gab’s seitdem: „Triosophy“ 2015, „The Wind, The Waves, The Clouds“ 2017 und „From Sunset To Dawn“ 2024. Zwischenzeitig traten alle drei dem The Old Mill Free Ensemble bei, dem auch der Würzburger Horst Prokert von Ax & Sunhair angehört – und Ricardo „Cavitos“ Cavicchia von Da Captain Trips, und die kennt man von Davide Pansolins Label Vincebus Eruptum. Auf diesem Label veröffentlichten Red Sun nämlich auch die Split-12“ „Psychedelic Battles – Volume Four“ mit The Luck Of Eden Hall. Ihre Sängerin Elisa Brusati übernahmen Red Sun von einer Band namens Noema, über die sich nichts herausfinden lässt. Und das mit der Alten Mühle: Die steht in Albone in der Emilia-Romagna, woher die Band kommt, und dient ihr als Proberaum. Den Schriftzug vom Cover, so lässt die Info wissen, ritzte der Schlagzeuger eigenhändig in die Mühlenwand. Das hat er sich bei The Young Gods angeguckt, oder?
