Morrissey – Make-Up Is A Lie (Digital Deluxe Version) – Sire 2026

Von Guido Dörheide (30.03.2026)

Morrissey, der unsympathische ehemalige Gladiolenschwinger aus „Top Of The Pops“, hat es wieder getan: Mit „Make-Up Is A Lie“ veröffentlicht der unsympathische Künstler Stephen Patrick Morrissey aus Old Trafford, Greater Manchester, UK (former member of the EU) sein gefühlt fümmensiebzichstes Soloalbum seit Auflösung der The Smiths, an deren Auflösung der unsympathische britische Sänger nicht unbeteiligt war, im Gegenteil, er war ursächlich dafür. Seitdem kämpft er für den Brexit, setzt sich für Rassismus ein und alle paar Jahre kommt er um die Ecke geschissen und beschuldigt in den mehr oder weniger sozialen Medien den ehemaligen Smiths-Gitarristen Johnny Marr, einer Smiths-Reunion im Wege zu stehen. Was dieser jedes Mal sinngemäß damit pariert, von SPM nicht gefragt worden zu sein und ohnehin für so einen Mumpitz nicht zur Verfügung zu stehen.

In dieser Frage und auch ansonsten bin ich ganz klar Team Johnny, eine Smiths-Reunion (die nach dem frühen Tod des Bassisten Andy Rourke auch gar nicht mehr richtig möglich wäre) würde meines bescheidenen Erachtens zu einer kompletten Entzauberung der Indie-Sensation der 80er Jahre führen und außerdem gibt es ja Morrissey und Marr, die regelmäßig neue Musik auf den Markt schmeißen und dabei zeigen, wie weit sie sich auseinanderentwickelt haben. Ich habe haufenweise Lob & Anerkennung (Lob & Anerkennung!) für Marrs Solowerke übrig und finde es auch klasse, wenn er auf seinem Live-Album alte Smiths-Songs ohne Morrisseys Gesang zu Besten gibt, denn sein Gitarrenspiel ist für das originäre Smiths-Gefühl unverzichtbarer als Morrisseys Gesang (auch wenn dieser immer zu jedem Zeitpunkt großartig war), und die Texte kann er ja auch selber singen, es gibt Schlimmeres, als Marr beim Singen zuzuhören.

Wo war ich? Ach ja – Morrissey hat ein neues Album veröffentlicht und wie beim sprichwörtlichen Unfall auf der A7 kann ich nicht umhin, es mir anzuhören. Morrissey ist von allen von mir regelmäßig gehörten Künstlern derjenige, der mir am meisten abverlangt, wenn es um die Trennung von Werk und Künstler geht. Und ja, Scheiße, verdammt, auch „Make-Up Is A Lie“ ist wieder ein hervorragendes Album geworden.

Goethe war gut, aber Morrissey ist doch immer noch der bessere Texter, wenn es um in Erinnerung bleibende, markante und mitten ins Gesicht gehende Textzeilen wie „Hang the DJ“, „Margaret On The Guillotine“, „The Queen is dead, Boys“, „Heaven Knows I’m Miserable now“ oder „Oh Manchester, so much to answer for“ (letztzitierter Song, „Suffer Little Children“, handelt von der Kindermörderin Myra Hindley) geht, und verdammt, Scheiße, auch das aktuelle Album ist voll von solchen Momenten. Hinzu kommt, dass Morrissey – vermutlich in dem Wissen, dass Marr musikalisch durch niemanden zu ersetzen ist – sich immer der Mitarbeit kompetenter Kollaborateure versichert hat, die ihm die Musik zu seinen Texten schreiben. Früher war es über Jahre hinweg (zu der Zeit von Morrisseys legendärsten Alben wie „Your Arsenal“, „Vauxhall And I“ oder „Ringleader Of The Tormentors“) Alain Whyte, der auch hier an einigen Titeln mitgewerkelt hat, und ansonsten haben verschiedene Mitglieder aus Morrisseys aktueller Band – allen voran die Keyboarderin Camila Grey – Morrisseys immer noch grandiosen Texten wunderschöne und an Stilwechseln nicht eben arme Musik an die Seite gestellt.

Fazit also: Obwohl der Künstler seit Jahren ein ekeliger Unsympath ist (laut New-Order-Bassist Peter Hook war SPM schon in den 80er Jahren kein netter Kerl, andere Zeitgenossen sehen es anders, die einen sagen so, die andern sagen so, es ist also auch in Manchester mal wieder fast wie im richtigen Leben), ist „Make-Up Is A Lie“ ein wirklich gutes und angenehm hörbares Album geworden.

Warum ist das so? Nun, ich lasse mich nun mal über einige Titel aus und überlasse es Ihrer Beurteilung, liebe Lesenden, zu entscheiden, ob es sich lohnt, dem Album einige Aufmerksamkeit zu schenken, zu widmen, angedeihen zu lassen, wot the fuck:

Gleich beim ersten Song, „You’re Right, It’s Time“, macht Morrissey in den ersten Zeilen deutlich, dass er a) ein Unsympath ist, der sich permanent irgendwelcher Zensur ausgesetzt sieht, b) tatsächlich noch Weisheit sieht, die über seine eigene hinausgeht, und c) die selbsmitleidige Weinerlichkeit erfunden hat. Aber „I want to speak up and not be trapped by censorship / In search of wisdom so much wiser than my own / I wanna let somebody love me if they can“ geht gut ins Ohr, und spätestens, wenn er sich in der zweiten Strophe mit der Endlichkeit des eigenen Seins beschäftigt („Till gentle doctors, tell me why I now must die?“) und dann den Refrain „You’re right – it’s time“ anfügt, das hat wirklich Klasse und kommt böse-humorvoll rüber. Die Musik dazu ist toller gitarrenbasierter Indie-Pop, der Einstieg ins Album macht neugierig auf das, was noch kommen mag, und nichts davon enttäuscht.

Vor allem der Einstieg in den zehnten Song, der von dem vor über 40 Jahren verstorbenen Musikjournalisten und Pionier des New Journalism Lester Bangs handelt, zeigt, dass Morrissey auf der Klaviatur des sarkastischen Zynismus’ immer noch einer von den ganz Großen ist: „Another tight beer-can night in your basement of despair / Naked ladies on the wall because they belong there / Detroit T-shirt, worn and torn, with seven days of stains“, das sitzt und das klingt vernichtend, und dann preist Morrissey Bangs als wichtigen Kommentator für ein Leben und eine Jugend, die „oh so wrong“ verliefen. Also mal wieder Selbstbemitleidung in Reinkultur. Roxy Music wird als Gegenstand des Bangs’schen Schaffens genannt, und folgerichtig covert Morrissey mit „Amazona“ einen Song des dritten Roxy-Music-Albums „Stranded“, und das macht er richtig gut. Ab der Hälfte des Songs ertönt ein nicht enden wollendes Gitarrensolo und ich staune, wie sehr der unsympathische selbstmitleidige Jammersänger in der Lage ist, sich selber mal zurückzunehmen und seinem Gitarristen Jesse Tobias das Feld zu überlassen. Und dass der alte Morrissey (66 Jahre ist er inzwischen alt, hört sich aber viel jünger an) es gesanglich mit dem jungen Bryan Ferry aufnehmen kann, das ist schonmal was.

Der Titelsong „Make-Up Is A Lie“ beginnt als düsteres, von monotonem Getrommel dominiertes Stück melancholischen Indie-Pops (jahaa, auch Streicher sind vorhanden), dann folgt ein in typischem Morrisseygejammer vorgetragener, melodischer Refrain, dann wieder Getrommel und Sprechgesang, ganz groß.

Auf „Notre Dame“ legt die Band monotone Elektronik-Bässe unter eine dezent jammernde Gitarre und Morrissey singt unpathetischer als auf den vorherigen Songs, dieser Song ist sehr zeitlos und sehr schön.

Das getragene und wieder einmal mehr sehr unaufgeregt gesungene „Boulevard“ hätte ich mir auch gut auf Morrisseys Debüt „Viva Hate“ vorstellen können, so sehr erinnert es mich an dieses Album, das mich damals nach all den Smiths-Großtaten so ernüchtert hat und das ich heute gerne höre.

„The Night Pop Dropped“ baut auf einem funkigen Zusammenspiel von Gitarre und Bass auf, musikalisch überraschend und überraschend gut gelungen, warum der Pop in jener Nacht gefallen ist, verstehe ich nicht ganz, aber das trübt das Hörerlebnis in keinster Weise.

Auf „Many Icebergs Ago“ zählt Morrissey Kneipen- und Getränkenamen auf und jammert sich um Kopf und Kragen, genauso wollen wir ihn hören, der Song ist auf jeden Fall einer der besseren auf einem an besseren Songs nicht eben armen Album.

Mein persönliches Highlight auf dem Album ist „The Monsters Of Pig Alley“: In teils rätselhaften Worten singt Morrissey (seine beste und smithsmäßigste Gesangsleistung auf diesem Album, wie ich finde) von einem Kind (ob Sohn oder Tochter, wird nicht ganz deutlich, ich tendiere eher in Richtung Tochter), das in der Fremde nach Ruhm und Erfolg sucht und anscheinend scheitert, zuhause jederzeit wieder willkommen wäre, aber dann in der Fremde verschillt und verstirbt. Gerade ob seiner Rätselhaftigkeit und Angedeutetheit geht dieser Text zu Herzen und sowas konnte Morissey schon immer sehr gut und kann es noch.

Hier endet dann die Spielzeit des ursprünglichen Albums, die digitale Deluxeversion wartet noch mit „Hello Hell“ und „Happy New Tears“ auf, beide Songs sind gut, aber „The Monsters Of Pig Alley“ ist der eigentliche und würdige Abschluss dieses sehr guten Albums, das anzuhören ich momentan nicht müde werde.