Von Guido Dörheide (11.09.2026)
Mines Album „BAUM“ war 2024 eins der Großereignisse für mich: Jasmin „Mine“ Stocker, die seit 2014 bis dahin sechs großartige Alben veröffentlicht hatte (davon war eins eine Koproduktion mit dem Rapper Fatoni und eins ein Livealbum mit Orchester), macht nicht nur verdammt gute Popmusik, gerne auch mit Orchester, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht, sie singt auch extrem schön, hat ein zielsicheres Gespür, wie ein Text klingen muss, und eine über jeden Zweifel erhabene Themenauswahl.
Wäre „Killer“ das erste Album, das ich von Mine höre, hätte ich mich deutlich schwerer getan, zum entschiedenen Befürworter ihrer Kunst zu werden als mit den drei davor erschienenen Alben „Klebstoff“ (2019), „Hinüber“ (2021) und „BAUM“ (2024). Das Debütalbum „Mine“ (2014), den sophomoren Nachfolger „Das Ziel ist im Weg“ (2016) sowie die Mine/Fatoni-Kollaboration „Alle Liebe nachträglich“ (2017) und das Livealbum „Mine und Orchester (Live in Berlin)“ (2018) habe ich erst nach den späteren Werken kennengelernt und sie taugen mir ebenfalls sehr.
„Killer“ ist ebenfalls ein sehr gutes Album geworden, aber mit Entsetzen stelle ich fest, dass Mine hier im Gegensatz zu sämtlichen vorherigen Veröffentlichungen bei fast jedem Lied ihre Stimme verfremdet – ob ich da nun Autotune oder Vocoder zu sagen soll, ist mir eigentlich wurscht, und der künstlerische Gesamteindruck ist passend wie aus einem Guss – ABER: Ich mag Mines Stimme und möchte diese lieber unverfremdet hören. Außerdem erschwert die Stimmverfremdung das Textverständnis, und das ist schade, denn Mines Texte machen für gewöhnlich mehr als 25% der Gsamthörfreude aus. Es nützt also nix: Einen Punkt Abzug in der Gesamtwertung, Kopfhörer aufsetzen und nochmal auf die Texte hören.
Der erste Song „Dicht“ macht musikalisch da weiter, wo Mine auf „BAUM“ aufgehört hat: Stimmungsvolle elektronische Effekte, viel synthetische Streicher, eine tolle Melodie, nur die Stimme erklingt viel weiter im Hintergrund und eher wie ein weiteres Instrument als wie eine Stimme eingesetzt. Der Gesamteindruck ist toll, ich hadere dennoch. „Lass die Läden runter, lass bloß niemand rein. Lass mich nicht allein. Alles geht hier unter, schließ uns еin. Mach alles dicht, ich mache dicht“ ist aber ein überzeugend düsteres Statement und alles in allem gefällt es mir sehr gut. Musikalisch bin ich mit allen Songs auf „Killer“ mehr als OK: Elektronik steht im Vordergrund, es wabert, es pluckert, es klingt sehr melancholisch und erzeugt eine wunderschöne, dunkle bis unheilvolle Atmosphäre. Ich gebe auch zu, dass Mine ihre Stimme hier richtig gut einsetzt und überzeugend wirken lässt, nur eben mit mehr Instrumentcharakter und weniger als Textübermittlerin, als ich es erwartet hätte; dementsprechend haut mich das Resultat trotz aller Großartigkeit eben teilweise vor den Kopf. Hinzu kommt das ästhetisch anspruchsvolle und toll gemachte Video zum Song „Dunkel“, das ich Alles in Allem dennoch mit dem Prädikat „Künstlerisch wertvoll, aber irgendwie saueklig“ versehe. Sorry!!!
Aufgrund der von mir oben in ungelenken Worten geschilderten Gesangsgemengelage bleiben bei mir zunächst von „Killer“ keine ganzen Texte, sondern nur Fragmente hängen, aber die haben es durchaus in sich und machen neugierig auf die Gesamtzusammenhänge. Hier einige Beispiele:
- „Mein Rückgrat ist kaputt, mein Körper liegt in Schutt […] Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei“ („Lichter aus“)
- „Ich bin mit mir nicht einig, und denk’, es sei nicht schwer; manchmal will ich ewig leben, manchmal gar nicht mehr.“ („Einig“)
- „Ich weiß, woran es liegt. Ich geh’ in Therapie, doch ich geh’ in die Knie.“ („How“)
- „Alles umdrehn, wenn die Türen zu sind, keiner hat’s geseh’n, also ist es nicht gescheh’n“ („Bild von mir“, ein verstörendes Lied über Missbrauch, der schon in der Kindheit begann und sich weiter fortsetzt)
- „Der Schnee tropft von oben, so eklig und kalt, ich hab nicht verloren, ich suche nur Halt. Manchmal muss ich lachen, der Mensch ist so dumm. Er weiß es zwar besser, doch bringt er sich selber um. Es wird dunkel, so dunkel, um uns und um uns herum.“ („Dunkel“)
- „Alles ist relativ, doch da komm’ wir nicht zusamm’. Überall hängt was schief, und es riecht verbrannt. […] Dass alles um uns braun aussieht. Streich’ die Welt neu an.“ („Relativ“, hier schafft es Mine, die AfD-Apokalypse in poetische Worte zu fassen, der Song erzeugt Gänsehaut und entfesselt eine bedrohliche Stimmung)
- „Und sie schlagen sich die Fressen ein, bis einer weint.“ („Bis einer weint“)
- „Ich möchte nicht mehr, ich möchte nicht mehr weniger.“ („Killer“)
- „Was ich von Dir haben will, ist Oxytocin, das ist gut, denn ich hab’s mir verdient.“ („Oxytocin“, hier besingt Mine ein Geburtswehen auslösendes Hormon)
- „Meine Therapeutin sagt ‚Du machst alles richtig’, doch es fühlt sich nicht so an.“ („Gegen die Wand“, ein sehr bewegender Song über Angst und Gewalt in einer toxischen Beziehung, Text und Musik sorgen hier für Angst und Unwohlsein beim reinen Zuhören)
- „Alle um mich sind aufgebracht, mir hat es nie was ausgemacht. Ich bin betroffen, mich hat es nie erwischt, warum sollt’ es jucken, denn ich hab’ den besten Tisch. Eat the rich.“ („Eat the rich“ – Ignoranz auf hohem Niveau prima auf den Punkt gebracht)
- „Und wenn das auch traurig ist – es geht mir besser ohne Dich“ („Ohne Dich“ – dieser Abgesang auf eine gescheiterte Beziehung klingt gleichermaßen traurig als auch nach neuer Hoffnung, am Ende explodiert der Song förmlich und hinterlässt die Hörenden aufgewühlt und jede Menge gelernt gekriegt habend.)
In tatsächlich jedem Song finden sich solche Zeilen für die Ewigkeit, eingebettet in betörende, hypnotische und wunderschöne Musik. „Killer“ ist ein Album, das ich erst weniger verstanden habe als Mines vorherige Veröffentlichungen, dann allerdings umso mehr. Ein Verständnis, das ich mir erst erarbeiten musste, und das hat sich sehr gelohnt.
