Jomi – Den kærlighed – Glorious Records 2026

Von Matthias Bosenick (26.02.2026)

Was aus dem Noiserock alles so werden kann: Seit einigen Veröffentlichungen rückt die Kopenhagenerin Jomi, nunmehr ohne den Zusatz Massage, eigentlich Signe Høirup Wille-Jørgensen und ehedem Stimme von Speaker Bite Me, ihre Solo-Aktivitäten in Richtung Jazz. „Den kærlighed“, „Diese Liebe“, ist die dritte Veröffentlichung seit 2021, auf der sie fein ziselierte, wunderschöne, kontemplative bis kraftstrotzende Popmusik macht, die sehr starke Jazz-Anleihen hat. Man ist sofort gefangen von diesen 13 Stücken und Jomis Stimme.

Tja, „Diese Liebe“, die bringt seit Menschengedenken Grundlagen für Kunst hervor, und man kann nur grob ahnen, was Jomi hier bewegt und zusammenträgt. Mit dem „Rum af rav“, dem „Bernsteinzimmer“, beginnt sie das Album noch einleitend-zaghaft, „Du skal gå væk“, „Du musst weggehen“, wird da schon in allen Belangen deutlicher. Zunächst mit dem ohrwurmigen Grundthema, das sie auf einem Tasteninstrument spielt, das nach Spinett klingt, und das sich wellenartig fortbewegt, inklusive schleppendem Schlagzeug im Refrain, und man ist längst hingerissen. Das Synthie-Pluckern in „Lad lyset brænde“, „Lass das Licht brennen“, erinnert leicht an das in „Why Can’t We Live Together“ von Timmy Thomas, auch so ein Lied über „Diese Liebe“, hat aber eine völlig andere Anmutung, mit Piano, mehrstimmigem Gesang und ohne Beats. So bleibt es zuvorderst auch, das Klavier und gelegentliche Streicher begleiten den ausdrucksstarken Gesang, Jomi beschließt die erste Seite watteweich, gleichsam ernsthaft und emotional versonnen.

Erst mit „Sidste duel“, „Das letzte Duell“, bekommt das Schlagzeug wieder etwas mehr zu tun und prescht dann sofort in „Når støvet har lagt sig“, „Sobald sich der Staub gelegt hat“, ordentlich nach vorn. Streicher und Piano bleiben, die Struktur aus Melodie und Rhythmus mit den zwei Schlägen am Ende eines Taktes übernimmt Jomi von „Du skal gå væk“, legt einen davon losgelösten Gesang darüber und garniert es sogar noch mit einem Gitarrensolo. So bleibt es indes nicht, bereits das Piano-Streicher-Interludium „Trampestier“, „Fußwege“, fährt die Energie wieder auf das Niveau der A-Seite zurück. „Verden venter“, „Die Welt wartet“, könnte von den früheren Sigur Rós sein, gesungen von Björk. „Hvad laver du dig her“ überrascht mit vermutlich Harfe zum dezenten Schlagzeug und einem Refrain-Gesang, der an Call-And-Response-Shouts aus dem Gospel erinnert. Mit einem Retro-Synthie-Rhythmus ist das abschließende „Uden forbehold“, „Ohne Vorbehalt“, unterlegt, wie in „La vie en rose“ von Grace Jones, nur abermals mit Jomis perlendem Klavier und Gesang – und ganz zum Schluss noch mit einem echten Schlagzeug, das die berauschende Wucht dieser Musik letztmalig befeuert.

Das Album nimmt einen warm gefangen, obschon „Diese Liebe“, manche Titel verraten dies zumindest, nicht immer nur von Wärme zeugt. Nach der LP „Lyst“ (2021) und der 10“ „Skråt over marken“ (2022) verfeinert die Avantgarde-Experimental-Noiserockerin Jomi ihren klassisch instrumentierten Jazz-Pop auf „Den kærlighed“. Für das Album holte sie sich bei vielen Gästen Unterstützung, darunter ihren alten Bows-Mitmusiker Luke Sutherland sowie Jazzschlagzeuger Kresten Osgood, die Bassisten Ida Duelund, Thomas Vang und Tove Sørensen, Sängerin Raymonde Gaunoux, das Streichquartett Who Killed Bambi, Cellist Jakob Kullberg, Klarinettistin und Saxophonistin Maria Dybbroe, Trompeterin Anne Andersson, Saxophonist Jesper Løvdal, Gitarrist Dennis Block und Baldur Mortenson alias Phtalo mit der Rhythmusbox.