Von Axel Klingenberg (13.09.2026)
2026 wird 50 Jahre Punk gefeiert! Ein goldenes Jubiläum! Ein halbes Jahrhundert Renitenz! Ein halbes Jahrhundert Resistenz!
Das ist in vielerlei Hinsicht erstaunlich:
1. Sind es wirklich schon 50 Jahre? War Punk nicht mal eine Jugendkultur? Wer also schon vor 50 Jahren dabei war, ist heute locker 64 Jahre alt – steht also schon kurz vor der Rente oder ist sogar schon im Ruhestand. Punk ist damit also keine (reine) Jugendkultur mehr, sondern eine – gesellschaftlich durchaus anerkannte – Subkultur.
Das war damals nicht unbedingt so gewollt. Denn Punk führte sich auf wie ein Überfallkommando, das mit einer Abrissbirne einen Frontalangriff auf die damaligen ästhetischen Konventionen und herrschenden Moralvorstellungen durchführte. Das war das Grandiose am Punk – und das ist bis heute das Großartige an dieser Musik. Dem Punk hört man in seinen besten Momenten bis heute die Zerstörungswut an, die Lust an der Attacke und die Leidenschaft der Rebellion.
Das kann übrigens durchaus melodiös sein, das kann sogar fröhlich klingen. Nur langweilig darf es nicht sein. Langeweile ist das Gegenteil von Punk! Punk kam, um die Langeweile zu verscheuchen, die Geruhsamkeit des Spießbürgers zu stören. Punk war purer Vitalismus.
Ja, Punk war zerstörerisch! Aber es war eine kreative Zerstörungswut! Das ganze langatmige Radiogedudel wurde hinweggefegt – und durch etwas Neues ersetzt. Durch etwas Aufregendes!
Die Konsequenz daraus ist, dass Punk sich immer wieder neu erfinden muss. Stillstand ist der Tod! Stillstand würde den Tod dieser Musik bedeuten! Und den Tod der Szene, die diese Musik trägt.
Das verläuft natürlich nicht immer ganz ganz konfliktfrei. Derzeit wird zum Beispiel darum gerungen, ob Männer oberkörperfrei auf oder gar vor der Bühne stehen dürfen.
Aber natürlich gibt es diese Konflikte, weil die Zeit nicht stehenbleibt. Jede neue Punk-Generation steht vor dem Dilemma, Punk neu erfinden zu müssen und dabei unzähligen gesellschaftlichen Entwicklungen ausgesetzt zu sein.
Punk kennt keine Regeln, höre ich da jemanden rufen, aber das stimmt so nicht! Es gibt immer Regeln: Schubsen ja, umschubsen ja, aber bitte ganz schnell wieder aufheben.
Heute sollen zum Beispiel Flinta-Moshpits dafür sorgen, dass alle Gästinnen und Gäste ihren Spaß haben dürfen.
Ist das eine gute Einrichtung? Ist das eine gute Regel? Oder wäre es nicht besser, wenn sich im regulären Moshpit alle Beteiligten wohlfühlen würden?
Wäre es besser, es gäbe diese Regel nicht?
Wäre es besser, es gäbe gar keine Regeln?
Nein. Denn die Regel, dass es keine Regeln geben darf, ist eben auch eine Regel, nur noch dazu eine unsinnige.
2. Dass im Jahr 2026 das Jubiläum „50 Jahre Punk“ gefeiert wird, ist schon von daher erstaunlich, dass lange Zeit 1977 als das Jahr galt, in dem Punk geboren wurde. Das hing maßgeblich damit zusammen, dass das Sex-Pistols-Album „Never Mind The Bollocks“ 1977 erschienen ist – und damit der Punk aus seinem Nischendasein in irgendwelchen Londoner und New Yorker Clubs gezerrt wurde.
Auch das Debütalbum von The Clash erschien übrigens in diesem Jahr. Die Band selbst wurde jedoch schon 1976 gegründet und auch die Sex Pistols traten schon vorher – ab 1975 – unter diesem Namen auf, während die Ramones sogar schon 1974 unter diesem Namen firmierten. Ihr erstes Album erschien jedoch eben 1976, was es vollkommen rechtfertigt, dies als Geburtsjahr der Punk-Bewegung festzulegen.
Ich habe eingangs behauptet, dass Punk gegen die herrschenden ästhetischen Konventionen rebelliert hätte, was allerdings nur so halb richtig ist.
Tatsächlich orientierten sich alle drei genannten Gruppen an den Rock’n’Roll-Konventionen der (späten) 50er und (frühen) 60er Jahre, vor allem, was die Musik selbst angeht. Aber auch der Name Ramones ist eine Reminiszenz an ein von Paul McCartney benutzten Pseudonym. So gesehen hatte der frühe Punkrock durchaus auch konservative Züge. Vielleicht lässt sich das am besten als einen dialektischen Prozess beschreiben, in dem der Punk den Rock’n’Roll im doppelten Sinne aufhob: Er bewahrte und negiert ihn gleichzeitig – und schuf damit etwas ganz neues.
Das Neue war die Aggressivität des Punk, wie er vor allem bei den Sex Pistols zu finden war. Eine offene Kampfansage an die Musikindustrie und sogar an die hochheilige britische Monarchie! No future for you!
Überhaupt bezog man sich einerseits positiv auf den Rock’n’Roll und saugte gleichzeitig alle möglichen neuen Einflüsse auf. Das gilt vor allem für The Clash, die schon auf dem gleichnamigen Debüt-Album einen Reggae-Song spielten und auf ihren späteren Doppelunddreifach-Alben alles integrierten, was nicht bei one-two-three-four auf den Bäumen war: Rockabilly, Soul, Funk, Disco und immer wieder Reggae. Damit waren sie ihrer Zeit weit voraus und schufen die Blaupause für hunderte weiterer Bands, die sich an dieser „punky Reggae-Party“, wie es Bob Marley nannte, beteiligten. Auch das Genie Manu Chao – vormals Sänger bei Mano Negra – ist undenkbar ohne The Clash.
Die Ramones entfachten das Feuer, die Sex Pistols gossen literweise Brandbeschleuniger darauf und The Clash sorgten dafür, dass die Flamme immer heller loderte! Und weil sie bis heute nicht erloschen ist, gibt es 1000 gute Gründe zu feiern!
Punk erfindet sich immer wieder neu und hat von Anfang an auch andere Musikstile beeinflusst oder gar erst entstehen lassen. Die New Wave of British Heavy Metal, Thrash Metal, New Wave und Gothic seien hier genannt, aber auch Grunge, Alternative Rock und Crossover sind undenkbar ohne den Geburtshelfer Punkrock!
Punk ist wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, oder vielleicht eher wie ein Katalysator, der Dinge verarbeitet, ohne sich dabei selbst zu verändern.
Natürlich: Der Vorwurf des Ausverkaufs, des Sellout, ist so alt wie die Musik selbst und traf die Ramones genauso wie die Sex Pistols und The Clash. Und selbstverständlich ist das Anbiedern prominenter Punkrock-Musiker an das Establishment, das man doch mal bekämpfen wollte, manchmal kaum zu ertragen (Campino beim Dinner mit dem britischen König!), aber letztlich ist das unerheblich, denn es sind vor allem die jungen Bands, die das Punk-Feuer am Lodern halten!
Möge diese Flamme auch die nächsten 50 Jahre leuchten!
