Von Matthias Bosenick (13.05.2026)
Als Best Of The Blues könnte man „Open Road“ zunächst auffassen, das Debütalbum der Nürnberger Band Crimson Roots. Die fünf Musizierenden können so gut wie alle Bluesstile und wenden sie auch an. Wunderbar instrumentiert und gespielt bis hin zur gelegentlich eingebrachten Orgel, lassen sich damit die Herzen klassischer Bluesfans erobern. Einzig der Gesang lässt Wünsche offen – und beim zweiten Wurf dürfte zudem gern etwas mehr Experimentierfreude eingebracht werden, analog zur zweiten, progressiver strukturierten Albumhälfte.
Musikalisch lässt sich hier nichts einwenden, die Instrumentenbedienenden beherrschen ihr Werkzeug, auch der Sound ist angemessen dicht und fett, wo es erforderlich ist, also rauhe Gitarre, saftiges Schlagzeug, förderlicher Bass, im Bedarfsfalle eine groovende Orgel, da beißt die Maus keinen Faden ab. Kompositorisch hingegen orientiert sich das Quintett in der ersten Albumhälfte einmal quer durch die Bluesrockgeschichte, lässt den Delta Blues indes eher außen vor und demonstriert, dass es sattelfest ist in dem, was man so kennt.
Hat man sich erstmal auf die vertrauten Strukturen eingelassen, überrumpeln einen die Crimson Roots plötzlich und unerwartet: „Nowhere“ auf Platz 5 ist das erste bemerkenswertere Stück, es beginnt als Pop-Ballade, bratzt dann gemächlich los und kehrt zurück zum Reduzierten. Im Anschluss probt „Falling Through“ einen klassischen Glam-Rock-Rhythmus. Ab Platz 8 wird es mit „The Tower“ progressiv: Das Stück hat eine Prog-Rock-Verschachtelung und gegen Ende ein Kitsch-Keyboard, das irgendwie gemütlich passt. „The Crossing“ und „The Crossing Part II“ nehmen die Prog-Anmutung auf. Solche experimentellen Ansätze tun dem Sound der Band ausgezeichnet gut.
Die größte Herausforderung bei den Crimson Roots ist indes die Stimme. Über dem Bluesrock von Gitarrist Kristi Dhimitri, Bassist Kolja Becker, Organist und Keyboarder Idris Voegeli sowie Schlagzeuger David Vinogradov liegt der Gesang von Ina Salaj, und da liegt er sehr dominant, beinahe aufdringlich. Man hört, was gemeint ist, also eine Art soulful Bluesrock-Gesang, doch ist ihre Stimme viel zu klar für diese grundsätzlich eher rauhe Musik und fällt dann zu prominent ins Gehör.
Die „Open Roads“ folgen einer Strecke, die elf Songs erzählen eine Geschichte, es handelt sich also um ein Konzeptalbum. Der Titel verrät, dass es um eine Reise geht, die indes stellvertretend steht für Sinnsuche in turbulenten Welten, von der sich die Bandmitglieder selbst nicht ausnehmen. Bei den Crimson Roots übrigens scheint es sich um etwas aus Minecraft zu handeln – der Begriff passt aber bestens auf eine progressive Bluesrockband, ein gleichfarbiger König nickt das freundlich ab.
