Bill Leeb – Machine Vision – Metropolis 2025

Von Matthias Bosenick (06.12.2026)

Ein erstes Solo-Album von Bill Leeb? War nicht „FLAvour Of The Weak“ von Front Line Assembly 1997 eigentlich bereits ein Solo-Album, nur unter seinem Namen? Schließlich ist er der Bandkopf, so sehr der vor 25 Jahren aus- und zwischenzeitig wieder eingestiegene Rhys Fulber als vollwertiges Mitglied gelten mag. Der trägt drei von fünf Remixen auf der Begleit-EP „Machine Vision“ bei und rückt diese 12“ dadurch wieder näher in Richtung dessen, was man von Front Line Assembly erwartet. Die anderen – wären teilweise nicht nötig gewesen. Es zeigt sich einmal mehr, dass der EBM-Electro-Erneuerer (von Industrial sprechen hier nur Nordamerikaner) aus Vancouver in jüngerer Zeit die Muse verlor.

Mit Greg Reely ist zudem der dritte Mann von Front Line Assembly ebenfalls involviert, wenigstens als Mixer, und im eigens für dieses Album ins Leben gerufenen Co-Produzenten-Team Dream Bullet ist Ex-FLA-Gitarrist Jared Slingerland enthalten; das Etikett „Solo-Album“ trifft auf „Model Kollapse“, von dem die drei hier gemixten Tracks stammen, also nur bedingt zu. Sei’s drum. Im Sound ist „Model Kollapse“ dem jüngeren, bedauerlicherweise schwächeren FLA-Output schon recht nahe, lässt aber wie jene an Härte und auch an Kompromisslosigkeit vermissen. In die Nähe dessen, was man so kennt, mixt Rhys Fulber „Neuromotive“, und das gleich dreimal. Die elektronische Tiefe und Vielfalt kommen hier zum Tragen, die Dunkelheit liegt über der Spannung, die der „Sehr Geil One Mix“ mitbringt.

Ganz anders „Infernum“ in der Hand von Dream Bullet, die bereits das Album mit-produzierten: Das ist Futurepop-Schlager mit Kreisch-Synthies wie aus der Vorstadt-EBM-Hölle. Danach wieder Fulber, wieder „Neuromotive“, dieses Mal der bereits im April digital veröffentlichte „Stacks Mix“: minimalistisch, karg, technoid, modernisierter Sequenzer-EBM alter Schule, partiell lässt sich die mildere Seite von Fixmer/McCarthy heraushören, die mit der Nähe zu DAF vielleicht.

Nach dem Schock mit „Infernum“ fürchtet man sich davor, den „Black Chromium Mix“ von „Fusion“ anzumachen, den nahmen nämlich abermals Dream Bullet vor. Doch Überraschung, die beginnen das Stück reduziert und karg und lassen es im Verlauf zu einem angenehmen Tanztrack werden. Als letzter Remixer ist Fulber mit dem „Sehr Geil Two Mix“ von „Neuromotive“ an der Reihe, und hier spielt er abermals seine Fähigkeiten aus: Transparent, detailreich, tanzbar, packend. Zum Abschluss gönnt sich Leeb mit „Fireshow“ einen Track, der mit dem irrsinnigen Hi-Hat-Gerassel und den Handclaps an modernen Downbeat-Radio-Rap erinnert. Das könnte Ihnen auch gefallen, wenn Sie TikTok mögen. Mit seinen epischen Electro-Sounds kommt dieser Track kurioserweise tatsächlich ganz gut.

Etwas befremdlich sind indes die Textfetzen, die man bei „Neuromotive“ heraushört: Der gebürtige Österreicher Leeb singt, nicht zum ersten Mal, auf Deutsch, und es klingt verstörend, was man da offenbar über die Betrachtung einer Frau ahnen muss. Mit „Sehr Geil“ trägt Fulbers Remix einen daran angelehnten Titel. Nun handelt „Model Kollapse“ aber von irgendwelchen Zukunfts-Dystopien, so kann es also Teil eines kritisch dargestellten Szenarios sein, nicht Haltung. Das wäre auch enorm unpassend.

Und wie geht es mit Front Line Assembly weiter? Das jüngste Album ist die 2025 erschienene eher furchtbare Remix-Version des ganz passablen 2018er Videospiel-Soundtracks „WarMech“ mit dem Titel „Mechviruses“, das letzten Studioalben „Mechanical Soul“ aus dem Jahr 2021 und „Wake Up The Coma“ aus dem Jahr 2019 waren überwiegend Scheiße. Damit ist „Echoes“, das Remix-Album zu „Echogenetic“, aus dem Jahr 2014 das letzte durchgehend gute Album, das es von den auch bald 40 Jahre alt werdenden EBM-Helden aus Vancouver zu hören gab. „Machine Vision“ gibt es physisch übrigens ausschließlich als limitierte 12“.