Von Matthias Bosenick (29.09.2026)
Oh: Aus der reinen Verköstigung des Vorgängeralbums „Club Atlético Voces Y Gritos“ des Industrial-Künstlers Petrolio alias Enrico Cerrato aus Asti ergab sich nicht, dass es sich dabei um ein Konzeptalbum handelte, das die argentinische Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla und dessen im Titel genanntes Folterlager behandelte. „Estádio Nacional“ ist die Fortsetzung, mit einem Wechsel nach Chile und den dortigen Diktator Augusto Pinochet, dessen Folterlager abermals den Titel bildet. Für dieses beklemmend-düstere Ambient-Industrial-Werk holte ich Petrolio Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten ins Studio, der mit seiner Gitarre die Drones liefert.
Jenen Drones nun hört man die Quelle nicht an, die Gitarre klingt nicht nach Gitarre, das sollte klar sein – Riffs und Licks spielt Arbeit also nicht, sondern bleibt im Ambient, im Experiment. Mit dieser Vorgehensweise ist Arbeit nicht allein, das ist also nicht unüblich, und es passt perfekt zu der Elektronik, die Cerrato hier einsetzt. Dunkelheit dominiert, das sollte ebenfalls klar sein, fröhlich ist hier nichts, und das liegt einerseits im Genre begründet und andererseits im Thema. Entsprechend startet „El Condor“ als darkwavige Dronelandschaft. Die bekommt erst in „Dina“ eine klirrende Percussion dazu, sehr langsam, sowie Sounds, die man eigentlich als schön auffassen könnte.
Den ersten harten Beat hört man in „1973“, benannt nach dem Jahr, in dem sich diese politischen Katastrophen zutrugen. Das Tempo bleibt schleppend, der Sound dieses Beats erinnert an die Schläge in „Taschen“ von den Einstürzenden Neubauten. Dazu generiert Cerrato knarzige Sounds. In „La Pasioni“ wechselt die Stimmung, ein Piano und eine Art Orgel sind erkennbar, wenigstens ahnbar, dazu hellere Drones. Klare Pianoschläge und leichte Percussion sind dezidiert eingesetzt. Erst „Valparaiso“ ist etwas schneller rhythmisch, und zwar vermittels eines IDM-Rhythmus‘, der an Aphex Twin oder Autechre denken lässt, nur nicht so hart, dazu begleitet von hellen Sounds und schwirrenden Tönen. Das finale Titelstück basiert auf einer langsam pulsierenden Orgel mit Sprachsamples, abgelöst von einem Pluckern, dessen Sounds hernach wie gequetscht wirken.
Mit dieser Doppel-Veröffentlichung geht es Cerrato nicht um billige Effekte oder plakative Sensation, und das ist gut so. Er will die politische Gewalt deutlich machen, die damals ausgeübt wurde, und an die Traumata erinnern, die bis heute in der Bevölkerung nachbeben. Man könnte festhalten, dass dies furchtbarerweise eine geeignete Zeit ist, solches zu thematisieren, und stellt dann mit Schrecken fest, dass es eine Zeit, in der es vielleicht weniger passend gewesen wäre, gar nicht gab, gibt und geben wird. Menschen sind Scheiße.
