Betontod – Wir fangen jetzt erst an – Betontod Records 2026

Von Guido Dörheide (30.09.2026)

Die Toten Hosen verabschieden sich und die – nach meiner Schätzung – ungefähr 10 Jahre jüngeren Betontod aus Rheinberg in NRW „fangen jetzt erst an“ – und wie!

Ääh – wie? Na mit „All die schönen Menschen“, einem Rundumschlag gegen Korruption, Populismus und Volksverarschung. Und wie wir es von Betontod kennen, machen sie das nicht etwa irgendwie subtil, sondern mitten in die Fresse rein und leider frei von zitierbaren Stadionrockslogans, die Betontod so gut können. Dennoch leitet „All die schönen Menschen“ das Album gut ein, es gibt Ohoho-Chorgesänge, melodische Gitarrenriffs, die irgendwo aus dem Punk kommen, aber doch auch im Rock angekommen sind, eine Melodie, die nicht wehtut, und vor allem ein Schlagzeug, das mit einem Quantum Schmackes die Band munter vor sich hertreibt.

Auf „Du killst mich“ überrascht Oliver Meister mit einem Gesang, der irgendwo zwischen furchterregend und von tiefer Furcht erregt changiert und sich textlich dann Zweiterem zuwendet. Der Song handelt von Toxizität und Dennoch-nicht-rauskönnen in bzw. aus einer Beziehung. Die furchterregend inszenierten Gesangsparts bringen die Gefühle und Ängste des Protagonisten/der Protagonistin des Songs in beängstigender Art und Weise auf den Punkt, so heißt es dort zu Beispiel: „Du bist der kalte Finger, angelegt an meiner Pumpgun, das frische Blut an meinem Messer hinter Dir im Wandschrank, Du bist der Anker, der mich am Boden hält, das Armageddon für meine kleine Welt.“ Und so geht es weiter in brutalen und dunklen Bildern, bis der Refrain dann durchaus stadiontauglich „Sag’ mir, warum kann ich Dich nicht verlassen, kann ich nicht von Dir lassen? Sag’ mir, warum ich Dich nicht hassen kann. Du killst mich irgendwann.“ Das ist dann wieder simpel, aber eingängig, gut verständlich und mitsingbar.

Mit „Eine letzte Runde“ schwingen sich Betontod dann wieder einmal mehr zu einer Melange aus den Santiano und den Höhnern des Punkrocks auf – ein Prosit auf die Freundschaft und auf die guten alten Zeiten inkl. „Döp döp döp, dödödödö döp döp döp döp“ gleich zu Anfang der ersten Zeile – da simmer dabei, dat is prihiima! Auch ein Sportsfreunde-Schnuller/Heinz-Wäscher-mäßiges „singen wir zusammen dieses Lied“ sei Betontod verziehen, sie bringen das einfach zu charmant rüber.

Mit „Alles für den [nein nicht für den Dackel, sonder für den] Content“ können fünf um die fünfzigjährige Deutschpunkrocker eigentlich nur auf dem Bauch landen, denn es geht um dieses für unsere Generation immer noch suspekte Internetz aus Amerika (das sich m.E. ohnehin nicht durchsetzen wird) im Allgemeinen und Sozialmedia im Besonderen. Aber weit gefehlt, mit „Alles für den Content, nichts für die Kunst“ wurde ein wieder einmal mehr mitsingtauglicher und nicht peinlicher Slogan gefunden, der das Anliegen der Band auf den Punkt bringt, ein 80er-Jahre-Keyboard unterstützt die Gitarre und liefert zusammen mit dem teilweisen Vocoder-Gesang einen prima gestrigen Kontrast zu einem heutigen Thema. Und der aus Socialmediasprechfloskeln zusammengesetzte Spoken-Words-Einspieler gegen Ende des Songs ist witzig und zutreffend.

Betontod ist weder eine übertrieben politische (aber schön im linken Spektrum und vor allem gegen Nazis verankerte) noch eine unpolitische Band, aber der Schwerpunkt liegt hier wie schon in der Vergangenheit auf dem Privatleben und den damit verbundenen Problemen und wie man sie lösen kann. Mit Freundschaft, Menschlichkeit und sich gegenseitig supporten, natürlich: „Keep calm and carry on“ handelt von Substanzengebrauch und Sucht, Ausweglosigkeit und am Ende dem Hoffnungsschimmer, dass ein neuer Tag kommt (dessen Tauglichkeit mit „ein neues letztes Mal“ gleich wieder infrage gestellt wird, Betontod sind eben nicht nur schwarz und weiß (sie hören sich nur oft so an, was aber nicht weiter was macht), es gibt auch betonfarbene Schattierungen jeglicher Couleur).

„An Deiner Seite“ ist dann ohne weiteres in der Lage, Fans von sagen wir mal Michael Holm und den Hosen miteinander zu versöhnen, ohne die Santiano-Armee vor den Kopf zu stoßen. Hier jetzt Teile des Textes zu zitieren, würde lächerlich rüberkommen, in einem Stück gehört und nach der zweiten Zeile blind mitgesungen funktioniert das Teil aber tatsächlich problemlos.

Eine für Betontodverhältnisse erstaunlich dada-mäßige Aneinanderreihung sozialkritischer Saufslogans findet sich dann auf „Das schöne Leben ist vorbei“: „Immer mehr, mehr, mehr für Wenige und den Rest als faul verhöhnt.“ „An manchen Tagen hat es uns zum Strand von Mexiko getrieben – doch wär’n wir lieber mal in Düsseldorf geblieben.“ „Immer lauter, leerer, härter – wir machen uns heut’ richtig voll, mit einem Wild-wild-wild-Berry-Lillet, wir wollten nie nach Südtirol“ – das ist ein Rundumschlag gegen vieles und das macht Spaß beim Zuhören.

Danach nimmt das Album eine melancholisch-nachdenkliche Wendung, die ihm aber gut zu Gesicht steht: „Für Dich“ ist das Liebeslied eines Menschen, der sich selber als nicht einfach im Umgang einstuft: „Ich will Dich küssen, wo auch immer Du grad steckst; will, dass Du weißt, dass ich ohne Dich verreck’. Wie all die Blumen, die Du nie bekommen hast, an den Terminen, die ich wieder mal verpass’“ – das klingt ehrlich und unbeschönigend, musikalisch sehr schön in Szene gesetzt und Oliver Meister singt das Ganze so, dass man ihm abnimmt, dass es ihm leid tut. „Es gibt 1.000 Gründe, mich zu hassen, jede and’re würde mich verlassen, und das zu Recht.“ – so geht ehrliche, wahre Liebe auf Betontod-Art, der Text funktioniert und klingt gut, pathosfrei und wieder mal echt schön getextet.

„Weltuntergang“ ist dann weder textlich noch musikalisch noch stimmlich überzeugend, macht aber nichts, denn „Küchentisch“, getragen von einer akustischen Gitarre, versöhnt uns hernach mit der Welt im Allgemeinen und Betontod im Besonderen: Hier liefert die Band einen hochgradig tollen Trauersong ab: „Küchentisch“ rührt zu Tränen, macht neugierig, was für ein Mensch der/die Betrauerte gewesen sein mochte, und Oliver Meister zeigt, dass er auch überzeugend gefühlvoll singen kann. „Vielleicht sind wir die Letzten“ besteht aus einem tollen Riff – simpel und effektiv – und einem Text, der den hoffentlich noch nicht endgültig eingeleiteten Niedergang der Freiheit durch eine selbstgerechte politische Elite ohne Bodenhaftung an die Wand malt, hier zeigen Betontod auch mal, dass sie subtil ebenfalls können.

„Abwesenheitsnotiz“ holt die Hörenden dann wieder ein wenig raus aus der berechtigten Sorge um unser Land und die Welt: „Du kannst uns hierbei ruhig vertrauen, man muss auch mal Scheiße bauen. Auch wenn Du denkst, das ist ein Witz, schreib folgendes in Deine Abwesenheitsnotiz: ‚Ihr könnt mich alle, alle, alle, alle mal am Arsch lecken. Behalte Dein Problem heut’ mal für Dich, ob ich wiederkomme, weiß ich nicht.‘“ Klingt wie die Quintessenz aus „Hals, Maul, Arsch, Gesicht“ und „Glück auf!“ (der 2006er Song mit der Hakenlinie „Wir müssen aufhör’n, weniger zu trinken“). Mit dem abschließenden Titelsong „Wir fangen jetzt erst an“, der nach dem Titel des Albums benannt wurde, gibt es nochmal Pathos, Bengalos und – überraschend – Klavier.

Betontod machen mehr Deutschrock (Was ist das überhaupt? Im Fall von Betontod ist es Rock’n’Roll von Leuten, die ihre Instrumente gut und die deutsche Sprache als Ausdrucksmittel sogar unheimlich gut beherrschen) als Punk, haben aber was zu sagen und das machen sie besser als viele andere. Die Texte gefallen mir vom Handwerklichen her besser als vieles von DTH, und BTs Gespür für mitgröhlbare Melodien ist faszinierend. Außerdem ist Maik Feldmanns Schlagzeug Weltklasse – auf Deutschpunkrockverhältnisse heruntergebrochen deutlich näher an Wölli Rohde als an Vom Ritchie.