Von Matthias Bosenick (01.10.2026)
Trauer, Demut, Motivation – „Thank You“ ist das erste Album, das nach dem Tod von Adam Yauch alias MCA von einem der verbliebenen Beastie Boys solo erscheint. Als Beastie Boys wollten Adam Horovitz alias Ad-Rock und Michael Diamond alias Mike D ohne ihn nicht weitermachen, allein indes bisher ebenso wenig. 14 Jahre später, als man damit auch schon gar nicht mehr rechnete, liegt nun „Thank You“ vor, das Solo-Album von Mike D, und es – nun: erinnert selbstredend an die Beastie Boys in all ihren Fassetten, ohne gottlob eine Kopie zu sein, eine billige zumal, es vermengt dennoch die Genres von Hip Hop über Breakbeat und Nonsense bis Pop, lässt aber zwei Stimmen vermissen. Ein tolles Album, zeitlos, und auch demütig, das sagt ja bereits der Titel, der besser nicht hätte gewählt sein können.
„Thank You“ hat etwas von einer Compilation, denn Diamond bringt alles unter, worauf er Bock hat. Dabei ignoriert er, ob seine Songs und Tracks gefällig sind, er bettet nach Gusto auch gern mal Noise, Albernheiten und Experimente ein. Dadurch wirkt das Album angenehm unkommerziell, nicht wie etwas, das im Herbst des Lebens nochmal für etwas Gehalt auf dem Rentenkonto sorgt, denn dafür ist es zu sperrig. Aufmerksamkeit bekommt es allein dadurch, dass es mit den Beastie Boys verbunden ist, das trifft zu, doch nicht unwahrscheinlich ist, dass „Thank You“ manchen Gefolgsleuten in seiner Unangepasstheit vor den Kopf stößt. Und das ist gut so.
Das heißt natürlich nicht, dass hier gar nichts Schönes zu hören ist, mitnichten! „Secrets, Pt. II“ etwa trippt auf einem gebrochenen Technobeat vor sich hin, dazu gibt’s schönen Gesang. „I Don’t Care“ lässt an Electro-Country denken, der sanft reitet und in eine schöne harmonische Synthiewolke führt. „Back To Start“ lässt einen entspannten Achtziger-Electro-Rhythmus unter einer Akustikgitarre und hübschen Synthieflächen laufen. Und derlei gibt es hier noch viel mehr zu entdecken.
Aber dann gibt’s ja auch noch die Abweichungen. Hip Hop ist das, was man von einem früheren Beastie Boy erwartet, und zumindest den Rap bekommt man, in der typischen höheren Tonlage, die man von Mike D kennt. Und bei der man feststellt, dass ihr das Gegengewicht der anderen beiden fehlt, dass sie sich im Dreieck besser entfalten konnte, als wenn sie alle Wortbeiträge allein liefert. Sei’s drum. Hip Hop bekommt man auch, nur eben nicht ausschließlich, oder besser: anders erstellt. Eben mit Breakbeat-Einschüben, die auch mal an The Chemical Brothers denken lassen, mit harschen Beats, mit Verzerrungen, auch mit der Gitarre, die den Beastie Boys bereits vor ihrer Hip-Hop-Karriere in ihrer Hardcorepunkzeit ein wesentliches Instrument darstellte, sowie moderne Elemente wie Trap, Hyperpop, Dubstep; naja, das ist schon auch nicht mehr modern. Wer die Beastie Boys in all ihren diversen Inkarnationen mag, findet an „Thank You“ gewiss seine Freude, zumal davon ausgegangen sein darf, dass hier Sounds und Entwicklungen zu hören sind, die auch das Brooklyner Trio beschritten hätte. Besser als dessen etwas unausgegorenes letztes Album „Hot Sauce Committee Part Two“ ist es allemal.
Ein Solo-Album hingegen ist „Thank You“ nicht richtig, Diamond spielte es mitnichten allein ein. Haupthilfe erhielt er von seinen Söhnen Davis und Skyler Diamond, mit den nicht mit ihm verwandten Brüdern Milo und Eddie Ruscha formte er das Live-Quintett 5D, noch bevor er das Album ankündigte. Das alles geschah erst im Frühjahr 2026, und plopp, begleiteten vier Singles das Album, das wie aus dem Nichts vorliegt. Weiter zu Gästen: Annäherns zwei Dutzend Produzenten und Mitmusiker listet „Thank You“ auf, darunter Mitglieder von Okkerville River und Boombass. Nicht vertreten ist indes Ad-Rock, der zuletzt lediglich als Remixer und als Schauspieler in Erscheinung trat.
„Thanky ou for having me all around like family“, titelsingt Mike D zum Schluss, und man drückt eine Träne weg.
