Von Matthias Bosenick (24.09.2026)
Zwei Bariton-Saxophone und ein Schlagzeug, freie Improvisation und Musikentwicklung live in Echtzeit: Endlich liegt die „Baritone Conspiracy“ der drei Musiker Sergei Khramtcevich, Ilya Kruchinin und Dušan Petrović komplett als Album vor. Loops sind da ein Werkzeug, mit dem sich komponiert wirkende Tracks erstellen lassen, und die setzt das Trio gern ein, lässt sie aber bald unter der Ausgestaltung verschwinden. Das ist vieles, Jazz vorrangig, und ganz besonders ist es gut gelungen. Live mitgeschnitten in Belgrad.
Das Bariton-Saxophon arbeitet in tieferen Lagen, dadurch ergeben sich akustisch keine Oberflächlichkeiten, wenn die beiden Instrumente spielen. „Reliktno zračenje“ beginnt mit Tönen, die man zunächst nicht zuordnen kann – langgestreckt, könnte eine Bratsche sein, eine Sackpfeife, irgendetwas, mit dem man langanhaltende Töne generieren kann, Drones, die aus dem Unendlichen kommen, sich langsam dem Ohr und dem Bewusstsein nähern, und sobald sie angekommen sind, doppeln sie sich, beginnen, Melodien zu generieren, nebeneinander und miteinander leichtfüßig umherzuwanken, zueinanderzufinden. Es dauert bis ans Ende des zweiten Tracks „Koordinata nula“, dass sich auch das Schlagzeug aus der Unendlichkeit erhebt, mit zischelnden Hihats zunächst, und damit ist dann beinahe eine Viertelstunde vergangen.
Figürlich wird es erst ab dem dritten Track „Obraz generacije“, wenn eines der Saxophone ein repetitives, schwersattes Loop spielt und das andere dazu improvisiert, während das Schlagzeug aus der Ferne anrollt. Das Stück endet dann wie ein gebremster Doom Metal oder wie etwas von den Swans, mit tiefen Tönen und nur fünf in acht Schlägen, die sich wiederholen. Auf einer leisen Sirene basiert der Anfang von „The Abyss Is Necessary“ („Бездна Необходимая“), leise genug, um nicht zu nerven, aber Spannung zu erzeugen, und sobald man sich daran gewöhnt hat, kippt der Track ins von freiem Tröten begleitete Klickern. Und von da aus in einen munteren Offbeat, man glaubt es nicht, und weiter in einen Swing.
Mit einem geraden Rhythmus groovt sich das Trio dann in „Crveni pomak“ hinein, lässt die Saxophone behutsam kreisen und gleitet still aus dem Track hinaus. Wie ein Stück Neoklassik oder Minimalelektronik, ungefähr nach Art von Philip Glass, beginnt „Nedostaju još dve…“, das auf nur zwei Tönen einen Unterbau formt, auf dem das andere Saxophon höchstens haarfein abweichend mitgleitet. Bis es sirenenhaft ausbricht. Es dauert ewig, bis das Schlagzeug auf dem Hihat einen leichten Windhauch dazumengt, und erst weit nach der Hälfte wirbeln die Saxophone mit etwas mehr Inbrunst in dieses ansonsten chillige dreizehneinhalbminütige Stück hinein. Mit dem speedy Free-Jazz-Stück „Self-Taught People Were“ groovt das Album aus.
Moskau trifft Belgrad in der Baritone Conspiracy: Saxophonist Sergei Khramtcevich (Сергей Храмцевич) und Schlagzeuger Ilya Kruchinin (Илья Кручинин) kennen sich schon lang aus der Moskauer Jazz- und Improvisationsszene, etwa aus Projekten wie Baritone Domination, The Omy und The Rig oder vom Label Topot, und Saxophonist Dušan Petrović (Душан Петрович) gehört einer vergleichbaren Szene in Serbien an. Das nun als Album veröffentlichte Konzert spielte das Trio am 2. März 2023 im DIM in Belgrad ein. Kennengelernt hatte sich das Trio im Jahr davor beim Changeover-Festival in Belgrad. Drei Singles gab es vorab, die alle hier enthalten sind.
