Was Guido gehört hat… im Juli 2026 – Teil 3

Von Guido Dörheide (10.09.2026)

Motionless In White – Haken – The Hu – Charli XCX – Ariana Grande

Das hier ist dann auch der letzte Teil der Juli-Kolumne. Mehr habe ich im Juli nicht gehört. Reicht ja aber auch.

Motionless In White – Decades – Roadrunner Records 2026

Ja hui, das hier geht ganz schnell: Motionless In White aus Pennsylvanien in den Vereinigten Staaten von Amerika machen seit 2004 Metalcore, eine Musikrichtung, mit der ich mich schwer tue, meistens wegen des stadionorientierten Klargesangs in den stadionorientierten Klargesangsphasen, die diese Musikrichtung für mich ausmachen. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich entblöde mich auch nicht, zu sagen, das Chris „Motionless“ Cerulli seinen Job echt gut macht. Er kann screamen, er kann klar singen, ohne mich zu nerven, und die Musik dazu ist echt gut. Im Hintergrund spielen oft superfreakige Elektrosounds munter vor sich hin, das Schlagzeug ballert mit viel Energie und die Gitarrenriffs kriegen mich meistens auf Anhieb. Probleme habe ich mit „R.I.P.“, das MiW zusammen mit Skylar Grey aufgenommen haben: Weder Frau Greys Gesang noch Herrn Motionless’ „gefühlvoller“ Schmachtgesang hauen mich bei dieser, ähem, Metalcoreballade von den Socken, die schnelleren und teilweise beinahe industriell ratternden Stücke mag ich deutlich lieber. Im Großen und Ganzen ist „Decades“ ein Album, das mir Spaß macht beim Hören, und das mir zeigt, dass ich Metalcore nicht gänzlich unhörbar finde. Auf „Fight Like Hell“ ist Chris Cerulli zwischendurch sogar mal am Rappen, und ich mag es.

Haken – In A Fever Dream EP – Inside Out Music 2026

Haken aus London haben sich dem Progressive Metal verschrieben und ich stecke sie gerne in eine gemeinsame Kiste mit TesseracT aus Milton Keynes, vermutlich, weil ich bei beiden Bands mit dem Gesang nicht so recht warm werde und beide eine in meinen Augen artverwandte Art von Progressive Metal spielen. Nicht so wie Mastodon, sondern sehr englisch mit Djent und filigranen Melodiespielereien.

Hakens aktuelle EP trägt sehr dazu bei, dass ich mit Ross Jennings’ Gesang meinen Frieden mache. Ich finde hier nichts auszusetzen: Der Titelsong mit dem Namen „In A Fever Dream“, nach dem Haken anscheinend die EP benannt haben, da sie seinen Namen trägt, ist Midtempo, aber schöön hart, teilweise djentig, und Jennings singt zumeist sehr schön klar, schickt sich aber dann und wann an, so richtig bööse loszugrowlen, was ich auf das Entschiedenste begrüße. Melodisch und songwriterisch liefern Haken hier etwas richtig Großes ab, Pathos trifft Detailverliebtheit trifft Spannungsaufbau trifft musikalisches Können und trifft mich vor allem so richtig mitten in die Fresse rein. Dazu noch Chorgesang im Abspann und zwischendurch. So Was Schönes!

„Delirium“ startet richtig giftig, unverständliche Chöre singen, das Schlagzeug klingt bedrohlich, dann wartet Ross Jennings voller Schmackes mal wieder mit einer betörenden Melodie auf. Dazu Gitarre, Bass und kreischende Synths, die sich aber sehr im Hintergrund halten; das ist Metal, der irgendwie nicht typisch, aber dennoch vertraut klingt und an allen Ecken und Kanten mit Details aufwartet, die das genaue Hinhören lohnend machen.

„Eclipsed By You“ startet dann mit einem Gitarrenintro, das eigentlich auf einem Cembalo gespielt gehört haben würde, und Jennings singt hektisch-neurotisch, wie ich es jetzt nicht erwartet hatte. Dann wird der Gesang ruhiger und entspannter, ab Minute 1:20 brummt der Bass und klappert das Schlagzeug, Jennings singt durch einen Vocoder oder mit Autotune oder was weiß ich, auf jeden Fall passt es gut in den Song hinein. Das wirkt ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm, und ebendieser bricht dann kurz vor Ende auch los, aber sehr kontrolliert und die Melodie nicht außer Acht lassend. Hören Sie hier, liebe Hörenden, mal konzentriert auf das Schlagzeug, Sie werden es lieben.

„Bleeding Sky“ startet mit verfremdeten Lauten, die (nein, nicht von einer Laute) entweder aus der Gitarre oder aus einem Synth entspringen, ich vermag es nicht genau zu sagen. Jennings sorgt wieder einmal mehr für schöne Melodien, zwischendurch wird es mal kurz laut, aber nicht schnell, die irgendwie elektronisch leicht verfremdete Gitarre macht Djent, dann wird es wieder ruhiger, im Hintergrund pluckert irgendeine Elektronik, dann nochmal lauter und dann ein elektronisches Outro samt Vogelgezwitscher und dann Schluss.

Das die EP beschließende „Lotus“ ist mit knapp Siemenhalbminuten der längste Song, und Haken geben ihm Zeit, sich langsam aufzubauen. Das „Out In A Fever Dream“-Motiv des Titelsongs wird wieder aufgegriffen, auch melodisch ähnelt der Closer dem Opener, auch hier wird wieder zwischendurch gegrowlt, während die Gitarre warme und dennoch irgendwie leicht kreischende Töne von sich gibt, das Schlagzeug rattert und Jennings’ Gesang verhindert, dass es jetzt irgendwie hektisch klingt. Wenn ich nicht wüsste, dass ich damit im Taumel des euphorischen Augenblicks schwer übertreiben würde – ich täte behaupten, dass diese, knapp halbstündige EP Hakens bisher beste Veröffentlichung ist.

The Hu – HUN – Better Noise Music 2026

Oh Hammer, wieviel Schlechtes respektive Ernüchterndes musste ich im Vorfeld über „HUN“ von The Hu lesen. Schmeißen sich die ewigen Kritiker:innenlieblinge aus der Mongolei jetzt dem Mainstream an den Hals und verwässern und verraten alles, für was sie bisher zu stehen imstande gewesen sind? Na komm, irgendwann muss jeder Lieblingshype mal Federn lassen. Hm? Häh? Oder? Oder nicht?

Aber auch hier wird nur mit Wasser gekocht, bzw. nicht so heiß gegessen, wie es herausschallt: Bitte, liebe Lesenden, einfach mal das erste Stück „Warrior Chant“ anhören und vergewissert sein, dass The Hu nicht verlernt haben, die Musik zu machen, für die wir sie zu lieben gelernt haben: Das Schlagzeug gibt einen kriegerischen Takt vor, die Pferdekopfgeige ist nach wie vor sehr präsent und Galaa, Enkush und Yaya praktizieren immer noch den das Auditorium spaltenden Kehlkopfgesang. Monotonei in der Mongolei, allet jut und alles beim Alten, glücklicherweise. Auf dem darauf folgenden „Lost Soul“ biedern sich The Hu dann zusammen mit Jonny Hawkins von Nothing More für mein bescheidenes Dafürhalten ein wenig zu viel beim westlich orientierten Mainstream an. Das Resultat ist aber nicht durchweg Kacke – im Gegenteil, der Kontrast aus Hawkins’ Gesang und dem Gegröhle der Mongolen hat durchaus Charme, der Song hat Schmackes und ist eingängig wie Sau. Also alles richtig gemacht, es muss ja nicht jeder mögen. Live stelle ich mir „Lost Soul“ als apselute Abrissbirne vor, zumal ja Jonny Hawkins nicht bei jedem The-Hu-Konzert als Gaststar mit von der Partie sein und das kehlige Gegröhle der drei mongolischen Sänger also nicht jedes Mal verwässern können wird.

The Hu bleiben sich auf „HUN“ treu und liefern wieder einmal mehr ihre wunderbare Mischung aus mongolischer Folklore und eigenständigem Metal ab – besser geht Folk Metal eigentlich nicht.

Charli XCX – Music, Fashion, Film – Atlantic 2026

Nach dem der „Brat summer“ 2024, als Charli XCX unter anderem die Präsidentschaftskandidatur von Kamala Harris unterstützte und damit ein ganz eigenes, energiegeladenes Lebensgefühl schuf, durch das auf einmal alles möglich schien, infolge des wiederholten Triumphs des bigotten bernsteinfarbenen Brechmittels in der Pennsylvania Avenue 1600 leider auf ein Minimalmaß zusammengestaucht wurde, befürchtete ich zunächst, dass die großartige englische Künstlerin aus Cambridge erstmal ähnlich in der Versenkung verschwinden könnte wie ihre kalifornische Brat Sister von der Demokratischen Partei.

Aber weit gefehlt – mit „Music, Fashion, Film“ meldet sich Charli nach dem wunderschönen und unter anderem von John Cale bereicherten „Wuthering Heights“-Soundtrack aus diesem Februar lautstark zurück. Das aktuelle Album besteht aus Pop, Elektronik, Rock und Charlis energiegeladenem und dennoch immer latent gelangweilt klingendem Gesang. Allein das Cover-Artwork mit John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese in Schwarzweiß ist Weltklasse, die Musik auf dem Album ist es ebenfalls. 30 Minuten genresprengende Popmusik und Kurzeweile – und dann noch das abschließende „No One Lasts Forever“ mit erstmal monotonem Gesang von Charli und dann einem vom kanadischen Filmregisseur David Cronenberg (Warum ist dann eigentlich Scorsese auf dem Cover abgebildet und nicht Cronenberg?) vorgetragenen Sprechtext, der in einer endlos verlorenen Wiederholung von „They are dead, they are gone, no one lasts forever“ endet. Und nun hoffe ich, dass sich Kamala Harris sich ein Vorbild an Charli nimmt und weder dead noch gone sei und irgendwann forever (oder zumindest für zwei Amtszeiten) lasten möge. Verdient hätte sie es allemal.

Ariana Grande – Petal – Republic Records 2026

Wir bleiben im Pop verhaftet, wenn auch nicht so schmackesgeladen wie bei Charli XCX oder so originell wie bei Olivia Rodrigo (siehe dazu meine Juni-Kolumne): Auch Ariana Grande hat heuer ein neues Album auf dem Markt, und es ist echt gut. Frau Grande bringt mich, der ich geschmacksmäßig erst von Gothic und Alternative über Metal, Folk, Singer/Songwriter, Grunge, Jazz und wasweißichnoch erst den Weg zum „reinen“ Pop (und jahaa – ich weiß, das Pop eigentlich keine Musikrichtung ist – wenn die frühen Einstürzenden Neubauten von fast allen Menschen gefeiert worden wären, wäre „Kollaps“ jetzt Pop) gefunden habe, nicht so vollkommen zum Ausrasten, die Musik auf „Petal“ würde ich tatsächlich wider besseren Wissens als „einfach nur Pop“ beschreiben, aber ein Refrain wie „Yeah, I, I, I hate that I made you love me, sorry if I made me your type. Yeah, I, I hate that I made you love me, ‘cause I barely tried“ auf „Hate That I Made You Love Me“ hat schon Tiefe, finde ich.