Von Onkel Rosebud
Im österreichischen Braunschlag, im Waldviertel an der Grenze zu Tschechien, herrscht eine Hitzewelle. Die Menschen sind aggressiv und die Gemeinde ist pleite. Durch eine fingierte Marienerscheinung wollen der Bürgermeister Gerhard Tschach (Robert Palfrader) und sein Freund, der zwielichtige Discobetreiber Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek), den Ort wieder aufwerten. Das klappt so gut, dass die beiden bald nicht nur Wallfahrttouristen, sondern auch den Vatikan an den Hacken haben.
Braunschlag stammt von dem großartigen Regisseur David Schalko, der ganz tief in die Keller der österreichischen Seele schaut, dahin, wo auch meine Freundin gerne blickt. Vor Braunschlag war der mit dem Schalk im Namen ihr schon mit dem Fernsehfilm „Aufschneider“, in dem der Handel mit Hornhäuten von Verstorbenen einen sehr unterhaltsamen Nebenstrang bietet, positiv aufgefallen.
Von himmelhoch-jauchzenden Priestern und zu Tode betrübten Taxidermisten – und allem was in der Österreichischen Pampa sonst noch seinen irrwitzigen Gang geht – bietet Braunschlag eine Provinz-Posse par Excellence, die selbst meine Freundin in Ihren unglaublichen, aber ebenso realistischen Strudel aus Absurd- und Skurrilitäten gezogen hat.
Gepaart mit Bildern der wunderschönen Tristesse, sei es auf der Couch, im Tanzlokal oder auf dem Dorfplatz, bietet das fantastische Schauspielerensemble die ganze Bandbreite aus Ehebruch, Mauscheleien, Alkoholismus, Erbstreitigkeiten, Bestechung, dem Zölibat und wundersamen Erscheinungen und schafft eine ebenso tragische wie urkomische Geschichte von Verlierern, die am Ende doch irgendetwas gewonnen haben. Und sei es nur eine Erkenntnis. Schalko driftet dabei manchmal schon fast in David-Lynch-artige Gefilde ab, wenn beispielsweise Herta, die frustrierte Ehefrau vom Bürgermeister (Maria Hofstätter), den äußerst bizarren Kuschelclub aufsucht. Österreichische Abgrundforschung par excellance.
Verbrechen passieren natürlich auch. Der örtliche Trikotagen-Magnat lagert Atommüll aus dem Nachbarland im Garten. Frau sperrt Ehemann Jahre in den Keller. Das Szenario kommt einem bekannt vor, war im Original aber wohl andersrum und ist im Mostviertel passiert.
Die Atmosphäre und Geschehnisse sind unglaublich seltsam und die Ästhetik in den Bildern lässt keine Wünsche offen: Spießige Wohnungen mit wunderbaren Kombinationen unterschiedlichster Muster aus Tapeten und Klamotten. Die Kameraeinstellungen erinnern an die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl. Häufig steht die Kamera gerichtet auf eine Einstellung, in der zwei Personen gegenüber oder nebeneinander oder eine Person in der Bildmitte zu sehen sind und wunderlich aussehen. Asymmetrie ist Trumpf – mit große Liebe zum Detail.
Heuer, fast zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen, gönnten meine Freundin und ich uns eine Zweitsichtung. Es nervt ein bisschen, dass all‘ die windschiefen Protagonisten ständig besoffen sind. Auch den Humor hatten wir weniger albern in Erinnerung. Aber sonst leiwand.
Braunschlag ist Pflichtprogramm für jeden Österreich-Liebhaber und unumgänglich für jeden David-Schalko-Fan! Seit Jahren kursieren Gerüchte, eine zweite Staffel ist in Arbeit. Sei nicht deppert, Herr Schalko, erzähle uns weiter von gestörten Menschen in kranken Beziehungen und zünde uns wieder ein Feuerwerk des schwarzen Humors.
Onkel Rosebud
