Von Matthias Bosenick (09.09.2026)
Die Begriffe Cold Wave und Synthpop passen perfekt als Bezugspunkte für das Projekt Alarm!systemen – in Eigenschreibweise komplett klein – und dessen selbstbetiteltes Debütalbum. Hinter diesem merkwürdigen Namen steckt Jorne Leurs aus Bilzen-Hoeselt in Belgien, der bereits einige musikalische Meriten erwarb. Auf „alarm!systemen“ belegt er, dass das mittlerweile uralte Genre auch ohne Klischees am Leben erhaltbar ist.
Wehmut, Melancholie, Beklemmung strahlen die zehn Songs ab. Ja, Songs: Leurs macht nicht einfach nur funktionale Tanzmusik mit Retrocharme oder so, er taucht seine Synthies tief in seine Gefühlswelt ein und zieht sie als Lieder wieder heraus, wenn auch mit ungewöhnlichen Strukturen. Die Achtziger liegen selbstverständlich hinter allem, aber nicht die der Neonfarben, sondern eher die verchromten, die minimalistischen, der dunklen. Durchaus möglich ist, dass eine Musik dieser Art vor 45 Jahren einen Platz in den Charts bekommen hätte, aber sie klingt nicht so, wie sich junge Leute heute Chartsmusik der Achtziger vorstellen.
An mancher Stelle fühlt man sich durchaus an die eigene Plattensammlung erinnert, an A Flock Of Seagulls etwa, an The Cure aus den früheren Achtzigern, an Martha & The Muffins, also dunklere Musik, die Synthies mit Gitarren kombiniert, die ihre schwermütigen Melodien in die trockenen Songs einfließen lassen. Wiederholung und Loops bestimmen Teile der Stücke, die dadurch dennoch nicht ihre Songstruktur verlieren; Leurs reichert vielmehr die Idee von Komposition mit noch mehr Ideen an, auch mit ungewöhnlichen Elementen, die er darin einbindet. Ein Drone im Opener „Kapot“ etwa. Selbst erbauliche Melodien und fröhlich grundierte Sounds ändern nichts daran, dass die Grundstimmung hier eher der Schwermut zugeneigt ist. So war das damals nämlich gar nicht so selten, und das hat den wertigen Synthiepop vom billigen getrennt. Das hier ist weder „Miami Vice“ noch Stock-Aitken-Waterman, das hier ist näher an Throbbing Gristle oder Cabaret Voltaire. Ganz zu schweigen von anderen stilprägenden Bands jener Zeit aus Belgien, natürlich.
Viele der Sounds, die Leurs hier einsetzt, sind einem vertraut, man kennt sie aus der Zeit, als sie erstmals genutzt wurden. Dazu gehören bestimmte synthetische Drums, Keyboardflächen, Samples, Bassläufe, doch bringt Leurs sie in einen neuen Kontext, indem er sie in seine Kompositionen einbettet, mit denen er sicherlich die Achtziger erkennen lässt, aber Songs produziert, die es damals so nicht gab. Das erfolgt so vielseitig, wie seine Soundideen sind: Manche Stücke sind balladesk-deprimierend, manche treibend wie Proto-Techno, manche wie Synthiepop tanzbar, zu manchen singt er klar, bei manchen hält er seine Stimme flüsternd im Hintergrund. Dazu lässt er wissen, dass diese zehn Tracks zwischen 2019 und 2024 entstanden, was zusätzlich ihre Vielseitigkeit erklärt.
Wenn das Internet nicht täuscht, kommt alarm!systemen nicht aus dem Nichts. Dann ist Jorne Leurs nämlich Teil des Duos FultiMunctional, zusammen mit Gilles Celis, und trat außerdem bereits als Komponist von Filmmusik in Erscheinung. Mit dem vorliegenden Album scheint er indes auf dem Terrain des Synthiepops neu aufzutreten, und bei der Qualität, die dieses Debüt hat, darf man sich darüber nur freuen.
