Muto – Muto – Davide Martiello 2026

Von Matthias Bosenick (04.09.2026)

Dieses Album erfordert Zeit, und zwar Zeit, sich fallen zu lassen, alles auszuschalten, was Alltag bedeutet, seine Gedanken zu lockern und in die Leere zu schicken, seinen Körper vom Untergrund zu lösen und Worte wie Nebel zerstieben zu lassen. Muto nennt Jazzgitarrist Davide Martiello sein Soloprojekt, „Muto“ nennt er auch sein Debüt, und auf dem spielt der wohnhafte Florentiner seine Gitarre als Chill-Out-Instrument, indem er Tracks generiert zwischen Neoklassik, Ambient und Post-Rock, und zwar ausschließlich auf seiner Gitarre.

Nicht, dass Martiello keine Konturen zulässt, im Gegenteil. Er spielt Melodien, er zupft Akkorde, er generiert Harmonien, häufig übereinandergelegt, somit haben seine Stücke sehr wohl einen Rhythmus, generiert vermittels des Anschlags auf den Saiten. Echo, Loop und Hall tragen das Ihre dazu bei, dass seine Musik strukturiert und dennoch still, ruhig, entspannt, wie leer wirken kann.

Dieses Album könnte als Soundtrack herhalten, als Filmbegleitung, und diesen Film hat man nach Art psychologischer Traumreisen oder meditativer Geistesexkursionen von ganz allein im Kopf, wenn man den Zustand des bedingungslosen Fallenlassens erreicht hat. So kann man nicht wirklich festmachen, welche Stimmung dieses Album hat – es ist nicht melancholisch oder gar depressiv, es ist keine Aufforderung zum Tanz oder zur Gewalt, es ist einfach da, es existiert, existiert in unseren Träumen, begleitet unsere Seele.

Woran „Muto“ erinnert: Knattermetaler Devin Townsend veröffentlichte 2011 so am Rande ganz nebenbei ein „Unplugged“-Album sowie 2016 die „Iceland“-EP, und auf beiden verhallt, äh: verhält es sich mit der Musik ähnlich, im leeren Hall langsam gespielte Gitarre, nur dass Martiello nicht singt, deshalb auch der Name „Muto“, also „stumm“. Strukturell und kompositorisch lässt sich Klassik bis Neoklassik ausmachen, bisweilen komplett freie Ambient-Flächen, ebenso etwas vollere Momente, die an Post Rock erinnern, mit einem dezent jubilierenden Ansatz. Heißt auch: Die Stücke haben trotz der Gemeinsamkeit im Ruhigsein unterschiedliche Ausprägungen; so sehr Rock’n’Roll unter diesen Bedingungen wie „Esterno“ etwa ist kein anderes Stück hier.

Jazzmusiker ist der im toskanischen Montevarchi geborene Wahlflorentiner Martiello von seiner Ausbildung her, abgeschlossen bei namhaften Meistern. Recherchiert man seinen Namen, während man das zerbrechliche „Muto“ hört, ist man überrascht, dass da von Dark Ambient und Electronic mit InSanaParte, Black Metal mit Rexor, Thrash Metal mit Sofisticator bis Doom Metal mit Sulfur alles herauskommt. Auch in dieser Vielseitigkeit lässt sich eine Verwandtschaft zu Devin Townsend ausmachen. Muto indes ist nicht zu verwechseln mit der ebenfalls italienischen Death-Grind-Band Mūto.