Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Schmerzen beim Wasserlassen mit Stephen King – Mr. Mercedes

Von Onkel Rosebud

Bevor meine Freundin sich einer neuen Serie nähert, geht sie sicher, dass mindestens drei Kriterien erfüllt sind: ein hervorragender Cast, ein inspirierender Soundtrack und eine schnittige Handlung, die nicht schon mal dagewesen ist.

Deshalb stand für „Mr. Mercedes“ ihre interne Ampel auf Grün, weil erstens: Brendan „Mad-Eye Moody“ Gleeson in der Hauptrolle und dazu Mary-Louise Parker, Ann Cusack, Justine Lupe, Kate Mulgrew (die Küchenchefin Red aus „Orange Is The New Black“ in einer bitterbösen und abartigen Rolle) und so weiter. Zweitens King Crimson, Kinks, Ramones, The Impressions, T-Bone Burnett im Titelvorspann, Leonard Cohen, The Drifters, Unwound, Pixies, The Flaming Lips, Sonic Youth, The Black Keys und viele andere Sympathen. Während wir die Serie geschaut haben, warf sie immer wieder „wauzi“ ein, was bei ihr so viel heißt wie: den Song kannst Du mir auch bitte auf die Playlist packen.

Und schließlich, handlungsmäßig ist alles wie ein zauberhafter Zufall inszeniert. In drei Staffeln gehen mehrere unvorhersehbare Plots ineinander über. Ein knurriger, pensionierter, leicht desillusionierter und dem Alkohol zugewandter Ermittler versucht mit einer verhaltensgestörten Gehilfin und weiteren schrägen Charakteren, die im Laufe der Zeit zu seinen engsten Verbündeten und Freunden werden, einen hochintelligenten und perfiden Massenmörder aus dem Verkehr zu ziehen. Der manipulative und psychologisch raffiniert vorgehende Bösewicht weiß irgendwann, dass der gute Ex-Bulle ihm immer näher auf den Fersen ist, leidet jedoch ebenfalls an einem ausgeprägten Narzissmus, dessen Intention es ist, bis ans Ende aller Tage in den Köpfen seiner Mitmenschen zu verbleiben.

Trotz der trostlosen und deprimierenden Aura, die öfters durch leisen Humor durchstoßen wird, ist die Serie aus den Jahren 2017 bis 2019 sehr unterhaltsam, wäre da nicht die skrupellose Eröffnungsszene: Eine junge Frau wartet frierend mit ihrem Baby in der Menschenmenge vor dem Jobcenter. Sekunden später fährt ein Mercedes-Fahrer in Clownsmaske mit Vollgas in die Menge der Arbeitslosen. In Zeitlupe sterben zahlreiche Menschen. Das ist zwar schwer zu ertragen, gibt aber ein Versprechen, was die Serie, die auf dem ersten Band einer Stephen-King-Trilogie basiert, leider nicht einlösen kann. Auch mörderische Kuscheltiere oder mystische Türme kommen nicht vor, sondern sehr viele Krimi- und Thrillerelemente mit nur einer Prise Mystery.

In Zeitlupe schreitet auch die Handlung voran. Quälend langsam breiten die Drehbuchautoren aus, wie das Leben des Rentners den Bach heruntergeht – vom ersten Schluck Bier am Morgen bis zum Schmerz beim Wasserlassen. Wer kennt das nicht. Das Grauen kommt, wie in vielen von Kings Geschichten, nicht von außen, sondern von den Charakteren. Was „Mr. Mercedes“ vielleicht an Tempo fehlt, gleicht die Serie mit scharfzüngigen Dialogen, überzeugenden Charakterstudien und der Erkenntnis, dass es überall auf der Welt besser ist als in Ohio, aus.

Übrigens, Stephen King hat einen Hammer-Cameo in Folge 6, was auch im Intro zur letzten Staffel verwertet wird. Obwohl Hackebeil besser als Hammer passen würde. Aber mehr verrate ich nicht.

Onkel Rosebud