Von Matthias Bosenick (03.08.2026)
Die deutschen Titel der Filme von Pedro Almodóvar klingen oft irgendwie spröde und ausdruckslos: „Bitteres Fest“, würde man sich das angucken? „Amarga Navidad“, der Originaltitel, hat ungleich mehr Kraft, außerdem verbinden spanischsprechende Menschen sogleich das gleichnamige Lied damit, hier in der Version von Chavela Vargas eingebaut. Das fehlt auf Deutsch natürlich. Wie dem Film ohnehin einiges von dem fehlt, was Almodóvars Filme ansonsten so grandios macht, aber trotz allem steckt immer noch hinreichend Gutes drin, die Farbgebung allem voran. Die – wie „Leid und Herrlichkeit“ – offensichtlich autofiktionale Film-im-Film-Geschichte entwickelt sich bedauerlicherweise etwas zäh, hat aber grandiose Momente.
Wie gut ist die Idee, eine Schreibblockade dadurch zu überwinden zu versuchen, dass man sie thematisiert? In „Bitteres Fest“ lässt Almodóvar seine Zuschauer an seiner teilhaben. Was die Zuschauende nicht sofort entschlüsselt bekommen, denn der Film steigt mit einer Geschichte aus dem Jahr 2004 ein, von der man erst nach einer Weile erklärt bekommt, dass sie im Augenblick des Erzähltwerdens von der eigentlichen Hauptfigur in der Gegenwart verfasst wird. Diese eigentliche Hauptfigur Raúl ist natürlich das Spiegelbild Almodóvars, nämlich der homosexuelle Autor mit der Schreibblockade, dessen Hauptfiguren zuvorderst Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs sind, hier: eine Angststörung haben. Trauer und die Beziehungen zu Müttern, typische Almodóvar-Themen, kommen noch hinzu.
Diese Frau mit der Angststörung, Elsa, keine Eiskönigin, sondern ebenfalls Regisseurin mit Schreibblockade, nimmt den größten Teil des gesamten Films ein. Die Gegenwart also, der kreative Prozess des Autors, verschwindet dahinter. Zunächst, und auch nur scheinbar, denn im Verlaufe sickert allmählich durch, dass Raúl in dem Skript sein Leben und das seines Umfeldes abbildet; dieser Schlüsselmoment ereignet sich allerdings erst gegen Ende des Films, und bis dahin quälte man sich bereits durch ellenlanges, gefühlt überflüssiges Drama. Selbst die entlassene Lektorin bescheinigt Raúl ein schwaches Drehbuch, was den Zuschauenden natürlich vor den Kopf stößt, schließlich musste man es bis dahin ebenfalls ertragen. Man stimmt der Lektorin müde nickend zu, muss aber dennoch bewundernd konstatieren, dass sich die aufgeschlüsselten Parallelitäten zwischen der Fiktion und der Realitätsebene plötzlich wie Schablonen übereinanderlegen und dennoch weiterhin Raum für Interpretationen und Spekulationen lassen. Das mikrokurze Schlussbild mit den zwei Romanfiguren, die ungeduldig beinebaumeld darauf warten, dass Raúl endlich weiterschreibt, ist so ein schöner Meta-Gag, dass er den gesamten Film zu gucken wert ist.
Aber nicht der einzige Grund. Man begleitet Elena, ihren Freund, den als Stripper arbeitenden Feuerwehrmann Beau, sowie diverse Freundinnen auf dem Weg durch diverses Elend, das ja eben eigentlich vielmehr das Elend von Raúl und dessen Umfeld darstellt. Wie üblich verwendet Almodóvar kräftige Farben, für die Ausstattung der Räume, die er dabei gar nicht so präsent in Szene setzt wie gewohnt, was den Film etwas mühsam zu gucken macht, und für die Kleidung, die stets monochrom ist, bis auf ganz wenige Ausnahmen, wenn Nebenfiguren nämlich auch mal gelbgestreift angezogen sind. Merkwürdig designte Kragen sind ein weiteres stilistisches Kleidungsmerkmal. Aber eben die Farben: satt, knallig, schön, inmitten des eher schwarzweißen Settings. Insbesondere, sobald sich Elsa auf Lanzarote aufhält. Schöner Kniff übrigens, zwei depressive Frauen an einem Strand nach Erholung suchen zu lassen, der pechschwarz ist. Die Draufsicht bei deren Ankunft ist eines der schönsten Bilder des Films. Ein extrem berührender Moment ist der, als Elsa und Beau auf der Party bei einer Freundin auf dem Sofa im abgedunkelten Nebenraum die für Migräne gehaltene Angststörung in den Griff zu bekommen versuchen und eine Sängerin – ESC-Teilnehmerin Amaia Romero – mit ihrem Cellisten Óscar Trujillo den Raum betritt und exklusiv für Elsa „Las simples cosas“ im Stil von Chavela Vargas singt. Gänsehaut!
Interessanterweise findet Score-Musik – wie gehabt von Alberto Iglesias – erst ungefähr nach der Hälfte des Films Einzug in denselben, und zwar ungefähr ab dann, als sich die Handlung ins Redundante zieht. Bis dahin ist Musik lediglich im Rahmen der Geschichte zu hören, zusätzlich zu den genannten Sequenzen um Chavela Vargas einmal die Strip-Szene von Beau zu „Libertango“ von Grace Jones. Anfangs geschieht noch genug, um als Zuschauer dranzubleiben, doch verliert sich das bald, ebenso wie gewisse Handlungsanteile oder sogar Personen. Die Angststörung jedenfalls ist zuletzt kein Thema mehr, dafür aber der Umstand, dass sich Autoren die Lebensgeschichten ihres Umfelds kreativ zu eigen machen, nämlich sowohl Elsa als auch Raúl, und dass dieses Umfeld das eher ungut findet. Heißt: Man sieht Almodóvar einmal als Raúl sowie jenen und somit beide ein weiteres Mal als Elsa. Nur: Lernt Almodóvar aus den Vorwürfen, die er sich in „Bitteres Fest“ selbst macht? Falls ja, bekommt man das bedauerlicherweise erst in seinem nächsten Film zu sehen. Dieser bleibt, trotz der internen Verschachtelung, viel zu flach.
