Colin Webster/Balázs Pándi/Matt Cargill – Chewed Up And Spat Out – Raw Tink Records 2026

Von Matthias Bosenick (30.06.2026)

„Uns ist aufgefallen, dass es zu wenig Sirenen in der Musik gibt“, sollen The Chemical Brothers vor 30 Jahren einmal gesagt haben, und diese Erkenntnis scheinen sich auch die drei Impro-Jazzer Colin Webster, Balázs Pándi und Matt Cargill zu Herzen genommen zu haben: Auf ihrem spontan miteinander eingespielten Album „Chewed Up And Spat Out“ fungiert das Saxophon als Sirene, die auf der komplett freien Kombination aus Schlagzeug und elektronischen Klangerzeugern dröhnt. Für Hörende, die annähernd nachvollziehbare Strukturen erwarten, haben die drei aber auch Passagen in petto.

Nur fünf Tracks, zum Ende hin länger werdend – von gut vier bis gut zwölf Minuten – beinhaltet dieses Album, und für ungeübte Ohren ist es unmöglich, sie musikalisch voneinander zu trennen, schließlich mörteln alle drei Musizierenden munter vor sich hin, mag man meinen. Doch geht man ins Detail, nimmt man sehr wohl Konturen wahr. Der Anfang – passend betitelt mit „To Arise From Sleep“ – ist nämlich noch etwas behutsamer, tastender. Zwar trötet das Saxophon recht häufig los, doch entringt Webster seinen Instrumenten, nämlich Bariton- und Tenorsaxophonen, auch Sounds, die nicht allein auf Schrägeheit aus sind, naja: ungewöhnlich sind sie immer, mal erinnern sie an Tierlaute, mal an ungeölte Maschinen, mal an wimmernde Menschen.

Ähnlich verhalten sich Pándi am Schlagzeug und Cargill mit seinen elektronischen Apparaturen: So es die Gruppendynamik erfordert, holen sie alles aus ihren Instrumenten heraus und beteiligen sich am kollektiven Pandämonium, oder sie verhalten sich ruhig und zischeln, zwitschern, klickern lediglich. So generieren die drei brüllende Kakophonien ebenso wie zerdepperte, fragmentierte Kontemplationen. Aber auch mal strukturierten Lärm, etwa im zentralen „Spat Out“, das durchaus einen nachvollziehbaren Rhythmus in sich trägt, und zwar einen enorm fett gedroschenen, auf dem Electro und Saxophon eine Art Heavy Jazz entfachen.

Die Aufnahmen dieses Albums erfolgten bereits vor sieben Jahren, und zwar am 6. Juni 2019 in London, als Schlagzeuger Balász Pándi zufällig in der Stadt war und Saxophonist Colin Webster um einen Sessiontermin bat. Sie luden Elektroniker Matt Cargill dazu und generierten spontan das vorliegende Album. Die pure Energie dringt aus allen Poren, die des sehr freien Jazz, des vertrauten Jazz, der grenzbefreiten Improvisation und des Rock’n’Roll.

Dafür ließen sich alle drei aus ihren gewohnten Kontexten reißen. So ist Cargill Mitglied des Projektes Sly & The Family Drone, dessen jüngstes Album den fantastischen Titel „Moon Is Doom Backwards“ trägt. Pándi startete mit Grindcore in der Band Human Error und verlegte sich recht schnell auf noch wildere Genres, indem er etwa eng mit Merzbow zusammenarbeitete oder auch mal dem Noise-Kollektiv To Live And Shave In L.A. beitrat, dem auch Thurston Moore angehört. Ansonsten lässt sich die Zahl seiner Projekte kaum überblicken, ebenso gilt dies für Colin Webster, der mit vielen Leuten aus der Impro-Szene kooperierte, darunter auch Dirk Serries, der dieses Album masterte. Physisch erhältlich ist „Chewed Up And Spat Out“ übrigens ausschließlich als Tape.