Was Guido sonst noch gehört hat… im Mai 2026 – Teil 1

Von Guido Dörheide (29.06.2026)

American Football – Taj Mahal & Phantom Blues – The Black Keys – Venom – The Claypool Lennon Delirium – Aldous Harding – Darkthrone

American Football – American Football (LP4) – Polyvinyl Record Company 2026

Die Emomathpostindierockband American Football aus Urbana, Illinois hält es mit Albumtiteln ähnlich wie weiland The House Of Love oder Peter Gabriel: „American Football“ ist bereits das vierte Album, das nach der Band betitelt ist. Im Gegensatz zu den Vorgenannten („Das Album mit dem Schmetterling“, „Das Album, wo ‚Christine‘ drauf ist“, „Car“, „Scratch“, „Melt“, „Security“) unterscheidet man die AF-Alben am jeweiligen Zusatz „LP1“, „LP2“ usw. Hier haben wir es also mit „LP4“ zu tun.

„LP3“ liegt bereits sieben Jahre zurück und zwischenzeitlich war Drummer Steve Lamos mal aus- und dann wiedereingestiegen, so dass sich am Line-up (die Brüder Mike und Nate Kinsella an Gitarre/Gesang und Bass, Steve Holmes an der Gitarre und Steve Lamos an den Drums) zum letzten Album nichts geändert hat.

Mit „Post Rock“ ist die Musik von American Football eigentlich am besten beschrieben – die Hörenden kriegen ruhige, detailverliebte und von Gitarre, Bass und Schlagzeug geprägte Musik geboten, die von einem unauffälligen Chor, Synth, Vibraphon sowie einer Geige unterstützt werden. Mike Kinsella hat eine großartige Stimme, zu der mir gerade kein Vergleich einfällt, obwohl ich mir sicher bin, sie schon einige Male in anderen Bands gehört zu haben (und das vermutlich bei britischen Bands aus dem Vereinigten Königreich). Seine Melodien sind durch die Bank weg melancholisch und sehr schön, und manchmal machen die Musiker/innen im Hintergrund so richtig Krach, aber auch das eher irgendwie leise. Als Beleg hierfür empfehle ich das gut achtminütige „Bad Moons“. Nichts an diesem Album ist wirklich spektakulär, aber jeder einzelne Song zieht mich auf so eine hypnotisierende Art und Weise in seinen Bann, dass ich dieses Album gerne auf jedwede einsame Insel mitnehmen werde.

Taj Mahal & The Phantom Blues Band – Time – Thirty Tigers 2026

Kurz vor seinem 84. Geburtstag veröffentlicht Henry St. Claire Fredericks Jr., besser bekannt als Taj Mahal, zusammen mit der Phantom Blues Band sein wasweißichwievielundsechzigstes Soloalbum seit 1968. Und wieder einmal mehr lohnt es sich, da mal mehr als nur reinzuhören. Auf „Time“ mischen Taj Mahal und die Phantom Blues Band Blues mit Reggae; das Ganze klingt entspannt und routiniert, aber ebenso authentisch und enthusiastisch. Nnt, rt, isch, isch, ich könnte mich ohrfeigen für derlei Abgeschmacktheiten, aber so klingt es nun mal. Und Taj Mahals leicht rauhe, warme Stimme ist es immer wieder wert, aufmerksam angehört zu werden. Die Highlight des Albums sind für mich „Talkin’ Blues“ von Bob Marley, auf dem die Mischung aus Blues und Reggae mit Hilfe von Marleys Sohn Ziggy perfektioniert wird, und der Titelsong „Time“, geschrieben von Bill Withers, aber niemals von ihm aufgenommen. Und daran hat Mr. Withers gut getan, denn der Song passt perfekt zu Taj Mahals teils beinahe krächzendem, aber supergefühlvollem Gesang. Hier sind wir dann eher im Soul als im Blues oder im Reggae verortet, und auch dieses Genre beherrscht Taj Mahal perfekt, und das mit sehr blueslastiger Gitarrenarbeit. Weiters hervorheben möchte ich noch „It’s Your Voodoo Working“ – dieser Song klingt nicht nach Mahals Heimat NYC, sondern eher nach einer Mischung aus Chicago und New Orleans, der Gesang ist bissig und im Hintergrund (okay, manchmal auch im Vordergrund) spielen sich Orgel und Saxophon gegenseitig an die Wand. Hier funktioniert nicht nur der Voodoo, sondern auch das Mojo.

The Black Keys – Peaches! – Easy Eye Sound/Warner 2026

Nach dem letztjährigen, ganz hervorragenden „No Rain, No Flowers“ veröffentlichen Dan Auerbach und Patrick Carney (die Bandaufstellung singender Gitarrist plus Drummer merken wir uns gerne noch für später) heuer ein Album mit Coverversionen. Und das geht sich aus, denn aufgrund von Auerbachs und Carneys unverwechselbarem Sound ist es eigentlich wurscht, ob die Black Keys covern oder ob sie eigene Kompositionen spielen. Die beiden Musikanten aus Akron, Ohio errichten wieder ihre charakteristische Wall of Blues, vollgepackt mit vorwärtstreibender Energie und tollen Gitarrensoli, und covern sich unverdrossen durch das Werk von noch lebenden (Billy Griffin) oder kürzlich oder vor Jahrzehnten verstorbenen (Junior Kimbraugh, Earl Hooker, Arthur Crudup, R.L. Burnside) Bluesmusikern. Dabei machen sie zum einen neugierig auf das Originalwerk der Gecoverten und drücken zum anderen jedem Song ihren eigenen Stempel auf. Ein Black-Keys-Album hört sich immer an wie ein Black-Keys-Album, egal wer die Songs geschrieben hat, und das macht Auerbach und Carney so schnell niemand nach.

Venom – Into Oblivion – Noise Records 2026

Venom aus Newcastle upon Tyne wird ja immer fälschlicherweise nachgesagt, dass sie mit den Speedmetalalben „Welcome To Hell“ (1981) und „Black Metal“ (1982) den Black Metal erfunden hätten. Man gut, dass die Alben nicht „Volkstümlicher Schlager“ und „Ballermanntechno“ hießen, sonst hätte man Cronos, Mantas und Abbadon auch die Erfindung dieser Genres in die Schuhe geschoben. Heuer bestehen Venom aus Cronos (Bass, Gesang), Rage (Gitarre) und Dante (Drums) – ohne bekloppte Künstlernamen geht es bei Venom nicht, was den Blackmetalvergleich wieder sinnvoll erscheinen lässt; Mantas und Abbadon versuchten zeitweilig, Ihren Anteil an Venom mit „Venom Inc.“ am Leben zu erhalten – was Erinnerungen an Christian Death und Queensrÿche wachruft.

Egal – wenn es Cronos ist und meine Mudda an den Bongos, dann ist es Venom, und dass es so ist, daran lässt die Band auch auf „Into Oblivion“ (ohne meine Mudda) keinen Zweifel: Es rumpelt, es rattert, Cronos kann immer noch nicht singen (das allerdings sehr schön), auf dem Cover ist ein vollbärtiger Mann, der entfernt an einen Ziegenbock erinnert (also wahrscheinlich Schneider Böck aus „Max & Moritz“) – alles bestens. Hier wird kein einzigstes Metalgenre oder -subgenre neu erfunden, aber „Into Oblivion“ anzuhören, macht von Anfang bis Ende Laune, ebenso wie das Lesen von Songtiteln wie „Kicked Outta Hell“, „Metal Bloody Metal“ oder „Unholy Mother“. Und da ist sie wieder, die Mudda.

The Claypool Lennon Delirium – The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Empathy – ATO Records 2026

The great Parrot what? Wurscht – Les Claypool (Primus) und Sean Ono Lennon (Cibo Matto, Ghost Of A Saber Tooth Tiger, Plastic Ono Band u.v.a.m.) haben es wieder getan: Bereits zum vierten Mal haben Sie als „The Claypool Lennon Delirium“ ein Album herausgebracht, und auch dieses lohnt es sich wieder, zu hören. Nach einem kurzen Prolog (Eigenschreibweise „Pro-log“) zeigt Lennon auf „WAP (What A Predicament)“, dass er die Musik und den Gesangsstil seines Vaters John auf das Gründlichste schütudiert und verinnerlicht hat – wobei der ganze Lennonismus hier mit fiependen Elektronica und anderen Gimmicks von nach 1980 angereichert wird, sehr klasse, das.

Die Zusammenarbeit von Lennon und Claypool bewährt sich immer wieder auf das Heftigste – während „WAP“ noch vergleichsweise britpoppig daherkam, setzt sich Claypool auf „The Wake Up Call“ mit seinem charakteristischen Bass und schrägem Gesang durch, während beide Künstler dazu noch einen wahren Hexensabbat an anderen Instrumenten auffahren (beide werden in den Liner Notes gecredited mit „All Instruments“, und davon bin ich nach dem Hören überzeugt). Auch auf „Meat Machines“ lässt Claypool wieder den Bass knarzen, während Lennon allein einen mehrstimmigen, sehr angenehmen Gesang auf die Beine stellt. Während der folgenden Songs wird es weder schlechter noch langweiliger, bis sich mit dem letzten Song „It’s A Wrap“ der 13minütige Höhepunkt des Albums vor den Hörenden auftürmt: Es startet ruhig mit viel Synthesizer, Lennons Lennongesang nebst Elektrogeräuschen, und bevor es allzu poppig wird, bringen Elektronikgequake und wirres Gebrabbel den „Song“ unter ihre Kontrolle. Und wenn wir das überstanden haben, wird der Gesang wieder schöner, Männer und Frauen wechseln sich operettenmäßig ab, und am Ende bricht so eine Art Spacerock aus der ganzen Gemengelage heraus wie die Marmelade aus einem falschherum gehaltenen Berliner (also Krapfen/Pfannkuchen, wieauchimmer), und dann ertönt eine versöhnliche, leicht psychedelische Melodie. Das war ein anstrengender Ritt, weshalb es sich empfiehlt, the Parrot-Dings gleich nochmal zu hören.

Aldous Harding – Train On The Island – 4AD 2026

Hannah Sian Topp aus Lyttelton, Neuseeland, die seit 2014 wundervolle Alben unter ihrem Pseudonym Aldous Harding veröffentlicht, hat eine der schönsten Stimmen der Gegenwart. Sehr klar, hoch und tief gleichzeitig irgendwie und immer wiedererkennbar. Ebenso verhält es sich mit ihrer Musik: Klavier, Synths, dazu ein wenig Gitarre und verschlurfte Schlagzeugrhythmen, und dazu singt Harding mit dieser wunderbaren Stimme, manchmal nuschelt sie auch (wie auf „One Stop“) und klingt dabei immer noch großartig. Im Indie-Singer/Songwriter-Pop gibt es nichts Besseres, finde ich.

Darkthrone – Pre-Historic Metal – Peaceville 2026

Kommen wir nun zur zweiten legendären Formation neben den Black Keys in dieser Rezension, die aus Sänger/Gitarrist und Drummer besteht, und die sich im Gegensatz zu Venom um den Black Metal verdient gemacht hat wie kaum eine andere. Die Rede ist selbstredend von Darkthrone, mighty mighty Darkthrone aus Norwegen, bestehend aus Fenriz (Drums) und Nocturno Culto. Wenn Gylve Nagell und Ted Skjellum außer „A Blaze In The Northern Sky“ (1992), „Under A Funeral Moon“ (1993) und „Transilvaian Hunger“ (1994) keine weiteren Alben aufgenommen hätten – ein Platz in der Walhalla Hall of Fame wäre ihnen dennoch sicher. Aber Darkthrone entblödeten sich nicht, alle ein bis drei Jahre ein neues Album zu veröffentlichen, und keins davon war schlecht. Auf den vorgenannten drei Großwerken etablierten Darkthrone ein sehr reduziertes Songwriting und einen aufs erste Hören primitiven Sound, und dieses beides war der Düsternis und der Kälte, die von diesen wegweisenden Blackmetalveröffentlichungen ausging, sehr zuträglich.

Nach und nach haben Fenriz und Nocturno Culto an ihrem Stil gefeilt, ohne über die Jahrzehnte professioneller zu klingen. Hört man aber – zum Beispiel beim aktuellen Werk „Pre-Historic Metal“ – genauer hin, wundert man sich über die ausgeklügelten und originellen Riffs und darüber, wie Nocturno Cultos vermeintlich technisch wenig hochwertiger Gesang immer wieder in der Lage ist, genau die Stimmung zu transportieren, in die die wiedererkennbare und einzigartige Gitarrenarbeit und Fenriz’ präzises Schlagzegspiel die Hörenden versetzt. Nehmen wir als Beispiel mal das knapp siebenminütige „Siberian Thaw“: In der ersten halben Minute spielt Nocturno Culto multiple Variationen eines Riffs, das klingt, als käme es direkt aus dem Proberaum, dabei setzt es sich unmittelbar in Ohr und Hirn fest, dann beginnt Fenriz stoisch zu trommeln und Nocturno Culto krächzt, als gälte es, primär die Luftröhre freizubekommen, um später vielleicht mal eine Melodie anzustimmen. Hören wir da jetzt weg, um dem Künstler Raum zu geben, später vielleicht mal richtig schön zu singen, müssen wir uns der Gitarre zuwenden und stellen fest: Hier gibt es Doom, hier gibt es traditionellen Heavy Metal, hier gibt es kaum Black Metal, dennoch hört es sich so an, als wäre letzteres Subgenre das Tonangebende. Wie machen die beiden das? Nun, sie machen es ganz hervorragend, denn mittlerweile haben wir festgestellt, dass Nocturno Culto schon von Anfang an so singt, wie der Song es verlangt. Danach wird es stimmungsvoll und richtig schön, mit langsamen Schlagzeug und stimmungsvoller Gitarre, untermalt von Synths. Und kurz vor Minute 5 kracht es dann los: Nocturno Culto krächzt im Stakkato, die Gitarre rattert wie weiland lange vor Darkthrones ersten Alben, nur Fenriz lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und macht schöön sutje weiter wie zu Anfang. Solche Hörerlebnisse bescheren einem Darkthrone so gut wie andauernd, wenn man mal angestrengt hinhört, und genau deshalb sind Darkthrone so wichtig und so unersetzbar und so gut.