Von Guido Dörheide (28.06.2026)
Bereits mit dem 5-LP-Mammutwerk „Live 1975-85“ hat Bruce Springsteen vor 41 Jahren deutlich gemacht, dass Live-Alben nicht nur Best-Ofs mit Geklatsche im Hintergrund sind, sondern auch dafür da sind, eine Stimmung zu transportieren, die auf dem jeweiligen Studioalbum noch nicht vorhanden war.
„Live from Asbury Park 2024“ umfasst ebenfalls fünf LPs, wurde aber nicht aus Konzerten aus einem Zeitraum von gut zehn Jahren zusammengestellt, sondern deckt nur einen einzigen Auftritt am 15.09.2024 ab. Springsteen und die E Street Band haben also an jenem Abend über drei Stunden zusammen auf der Bühne gestanden und musiziert. Springsteen war damals bereits 74 Jahre alt, wie schafft er das? Nun, zunächst einmal gibt er auf jedem einzelnen Song auf „Live from Asbury Park 2024“ persönlich alles – er ist gut bei Stimme, strahlt eine unglaubliche Energie aus und hält das Publikum auch durch originelle Ansagen bei Laune („A lot of stuff we haven’t played in a long fuckin’ time!“, „And when I woke up I said ‚Where did all these fuckin‘ people come from?‘ I can tell you one thing – it’s good to see you here!“ Die Leute jubeln, der Boss kichert.). Zwischendurch – und das ist wahrscheinlich das Geheimnis, warum er so lange durchhält – kündigt er einen Solisten aus seiner Band an oder ruft einfach „Horns!!!“, und es folgen lange, wunderbare Instrumentalparts, während derer Springsteen hoffentlich mal durchatmen kann. Gerade diese Ausgewogenheit – da steht nicht einfach ein Superstar auf der Bühne, der sich für seine Hits feiern lässt, sondern hier lässt einer seiner Band an vielen Stellen freien Lauf und macht aus den Songs dadurch etwas Individuelles, Besonderes – verdeutlicht den Nennwert des vorliegenden Tonträgers. Viele Stücke auf dem Album sind um die zehn Minuten lang, ohne zu langweilen.
Außer dem Umstand, dass die meisten Zuhörenden die hier vertretenen Songs noch nie in den hier vertretenen Versionen gehört haben werden, ist es die Songauswahl, die dieses Livealbum zu etwas Besonderem macht. Kein „Born In The USA“, kein „Tunnel Of Love“, kein „My Hometown“ und zum Glück kein „I’m On Fire“. Von den großen Hits haben es „The Promised Land“, „Hungry Heart“, „Atlantic City“, „Badlands“, „Thunder Road“, „Born To Run“, „Dancing In The Dark“ und einige mehr auf das Album geschafft, was ja auch vollkommen reicht – besonders toll finde ich es aber, dass mit „Blinded By The Light“ und „Because The Night“ hier zwei Springsteen-Kompositionen enthalten sind, die nicht durch ihn selbst, sondern durch Manfred Mann und Patti Smith zum Hit geworden sind. Diese beiden Songs hier vom Komponisten selbst ganz anders dargeboten zu bekommen als in den Coverversionen, ist ein wunderbares Erlebnis.
Zu den Eigenkompositionen gesellen sich am Ende des Albums zwei Coverversionen: „Twist And Shout“ (hier leitet Bruce z.B. bei Sekunde 58 mit dem Kommando „Horns!!!“ einen der vielen spektakulären Bläsereinsätze auf dem Album ein, anderthalb Minuten später beginnt er dann eine Unterhaltung mit dem Gitarristen Stevie van Zandt und fragt zunächst ihn und dann das Publikum, ob sie nicht lieber nach Hause gehen wollen. Sowas bringt meine Mutter im kleineren Rahmen auch ständig. Dann verkündet Springsteen, dass er und die Band das hier schon seit 50 Jahren machen und noch nicht am Ende seien. Frenetischer Jubel von den Rängen, dann nochmal schmissiger Rock’n’Roll.) von den Top Notes sowie „Jersey Girl“ vom unerreichbaren und unübertroffenen Tom Waits, was mich als langjährigen Waits-Verehrenden besonders freut. Und besser als mit „Jersey Girl“ könnte kein Live-Album enden, nicht mal bei Bruce Springsteen und der E Street Band.
