Von Matthias Bosenick (26.06.2026)
Die Cowards selbst lassen wissen, ihr Noiserock sei rückwärtsgerichtet, da an den Neunzigern orientiert. Das mag ja sein, aber da man dem Noiserock schwerlich unter Einhaltung der Genrespezifikationen Modernismen verabreichen kann, lässt sich Musik aus dieser Schublade eben grundsätzlich schlecht zeitlich verorten. „Can You Hear Me?“, das zweite Album des italienischen Trios, ordnet eben die Parameter individuell an: das Laut-Leise-Schema, die Drones, die Feedbacks, die unkonventionellen Strukturen, und lässt damit einen hinreichend jetzigen Noiserock entstehen.
Der Titel „Can You Hear Me?“ ist mitten im Kernstück des Albums zu hören, dem achteinhalbminütigen „9 Minutes“. Während die Band sich sanft in eine Lärmlandschaft groovt und sich die Hörerschaft auf die hypnotische Wirkung dieser Endlosigkeit einstellt, äußert der Rufer in der Wüste ebenjene Worte, und man ist geneigt, bestätigend zurückzurufen: aber ja, selbstverständlich und mit aller Freude!
Eine ansonsten überraschend klare, aber zurückhaltende Stimme, besser: zwei Stimmen begleiten diese Ausbrüche. Diese bestehen aus Lastwechseln und Wiederholungen, versetzt mit Spielereien und Experimenten sowie ausufernden Lärmstrecken. Für diese Konstellation finden die Cowards ihre eigene Soundsprache in dieser über Jahrzehnte recht ausformulierten Schublade, aber eben diese lässt aufgrund ihrer ohnehin von allen Konventionen befreiten Strukturen Erweiterungen ja recht niedrigschwellig zu, da man ja im Grunde lediglich die Bestandteile anders ausformulieren und auswalzen muss, um hier Neues entstehen zu lassen. Die reine Kopie braucht niemand, und die bekommt man hier auch nicht.
Anlehnungen und Assoziationen hat man zwangsläufig, das bleibt nie aus. Der Rhythmus in „Tell Me“ etwa ist ausgeborgt bei „Making Plans For Nigel“ von XTC, der Song dazu geht aber in eine völlig andere Richtung, mit dronigen Soundscapes. An Tears For Fears erinnert der Titel „Mad World“, aber lediglich der Titel; in den Strophen hat der Sound etwas von ruhigeren Sonic Youth, im Refrain hingegen brüllende Lärmeruptionen, wie The Wedding Present sie noch auf „Seamonsters“ auslebten. Sicherlich lassen sich weitere Spiegelungen finden, doch sind die drei Cowards längst in ihrer eigenen Soundsprache angekommen. Den Shoegaze integrieren sie vermittels ausgedehnter Soundscapes und Drones, die Laut-Leise-Dynamik versetzen sie mit groovendem Bass, den fuzzy Punk in „Bad Trip“ unterbrechen sie mit avantgardistischen Spielereien auf ihren Instrumenten, in „No Return“ erklingt die Stimme gesprochen zu den schwerelosen My-Bloody-Valentine-Gitarren.
Für das zweite Album war das 2019 gegründete Trio dazu gezwungen, die Position am Schlagzeug neu zu besetzen. Die nimmt nun Michele Prosperi ein, der Bassistin und Sängerin Giulia Tanoni sowie Sänger und Gitarrist Luca Piccinini unterstützt. Im vergangenen Jahr erschien das Debüt mit dem vielversprechenden Titel „God Hates Cowards“, grob angelehnt an einen Song von Tomahawk, „God Hates A Coward“. Auch keine schlechte Referenz.
