Von Matthias Bosenick (19.06.2026)
Es ist, als beobachtete man einen Haubentaucher: Er schwimmt vor einem, taucht ab und tritt ewig später an einer völlig anderen Stelle des Teiches wieder an die Oberfläche. Der Kubanische Multiinstrumentalist Abel Oliva hob 1994 für ein Demo das Projekt Godes Yrre aus der Taufe, verschwand sofort und trat erst 2017 in Zürich wieder in Erscheinung. Nach diversen Alben erschien im vergangenen Jahr „Feelings Can Burn You“, das wiederum drei mit zahlreichen Gästen eingespielte EPs vereint und das das Label Bitume Prods nun physisch unter die Leute bringt. Olivas Gothic-Doom hat Merkmale, die das Genre sprengen – um eine merkwürdige gute Laune, wie bei Rob Zombie.
Eilig hat es hier keiner, schließlich lässt sich das Etikett Doom hier durchaus anwenden, mit schleppender Härte, tief gegrölten Texten und Songlängen um die sechs Minuten. Das war Absicht, dazu später mehr. Doch packt Oliva hier Sachen in den Warenkorb, die andere Kunden nicht gekauft hätten: Die metallische Härte bekommt rhythmische Verspieltheiten wie fröhliche Shaker, eine Orgel an die Seite oder beinahe in den Kitsch ragende Electro-Effekte wie aus dem Gruftikatalog. Andere Momente könnten auch einem bei den härteren Killing Joke abgeguckten Post Punk entnommen sein, eine Geige deutet in Richtung Folkore.
Irgendwie klingt die Musik hier trotz der Dunkelheit nicht depressiv, eher aggressiv, dabei aber auf eine freche Weise gut gelaunt. Als habe Oliva etwas Vorwitziges vor und versuche, seine diebische Vorfreude zu verbergen. Dieses Vorwitzige dürfte die Musik selbst sein, eben weil sie sich an keine Regeln hält und sowohl den Gothics als auch den Doom-Metalern etwas unterbreitet, das nicht in ihre Schubladen passt, nicht zuletzt die beinahe poppigen Synthiesounds, aber auch Gitarrengniedeln aus dem Powermetal oder Psychedelic Rock. Bock auf sich in Schwermut verbuddeln hat hier keiner, die Mucke bläst einen vielmehr mit aller Kraft und Opulenz in den Sessel.
2024 veröffentlichte Oliva drei EPs mit je drei Songs zu je mindestens sechs Minuten; ein Schelm, der hier apokalyptische Zahlenspielereien entdeckt. Wichtig war dem Musiker, dass er diese EPs nicht allein einspielte. Im Folgejahr bündelte er die neun Songs und erweiterte sie um einen unter sechs Minuten langen Akustik-Bonus-Track, was nun das Album „Feelings Can Burn You“ ergibt, benannt nach einem der Songs. Die EPs hatten Titel, die sich aus Gegensätzen zusammenstellten: Traurigkeit und Glücklichsein zu „HAPsadPYness“, Ruhe und Rage zu „CALManNESSger“ sowie Liebe und Hass zu „LOhaVEte“. Die Reihenfolgen der Songs variierte Oliva hier nun leicht.
Auf die neun plus eins Songs verteilt holte sich Oliva Gäste dazu: Gitarren von Neiver Diaz (Surinam), Iolanu (Cuba), Jorge Almarales (USA), Hansel Arrocha (Cuba), Mike Haller (Schweiz), Manuel Varela, (Spanien) und Juan Paz (Kanada), Orgel und Orchestrierung von David Nieves (Spanien) sowie Geige von Ismel Leal (Spanien). 1994 veröffentlichte Oliva noch in Kuba das Tape „A Divine Image“, auf dem er auch William Blake zitierte, und setzte sein Wirken erst 2017 in der Schweiz mit „Inside The Whale“ fort, nun aber mit erhöhter Schlagzahl, denn es folgten noch die Alben „Ghost Warriors“, „Das Nichts“ und „Symphony Of Termination“ sowie die beiden Compilations „Nothing Inside The Ghost“, Teil I und II. Godes Yrre heißt Gottes Zorn, natürlich, und ist der Beiname des Monsters Grendel im Epos „Beowulf“, dort heißt es: „Grendel gongan, godes yrre bær“, also „Grendel kam gehend, trug Gottes Zorn“. Nach Marillion klingt es hier indes gar nicht.
