Von Matthias Bosenick (19.06.2026)
Einmal noch die Hütte anzünden, bevor es in den Live-Ruhestand geht. Einen letztgültigen Abschied nehmen die EBM-Erfinder Front 242 noch nicht, lassen aber offen, was das zu bedeuten hat. Selbst längst alte Belgier, fackelten sie am 25. Januar 2025 im Ancienne Belgique zu Brüssel ein Hitfeuerwerk ab, das ihre 40 Jahre währende Existenz abdeckt, inklusive dreier bislang unveröffentlichter Stücke, die es auf dem in diversen Formaten vorliegenden Mitschnitt „Black Out“ zu haben gibt. Die neuen Songs machen Lust auf mehr – aber wie gesagt: Wer weiß, was das Nicht-Ende der Band für Folgen haben wird. Feuer haben sie jedenfalls noch hinreichend.
„Front 242 music is free of A.I.“, fühlen sich die Brüsseler gezwungen, auf dem Cover zu betonen, und bekräftigen dies mit dem Opener, der da sagt: „What You Hear Is What You Get“, oder auch: „W.Y.H.I.W.Y.G.“. Ein Statement also, mit dem Front 242 ihren Abschied einleiten. Die 20 – auf der Doppel-CD 23 – Songs dieses längst auf Youtube nachzuguckenden Abends klingen in dieser Live-Umsetzung technoider und klarer als die Originale, bekommen einmal mehr einen alle verbindenden Untergrund, auf dem die vertrauten Sounds tanzen. Die Action der zwei Sänger Jean-Luc de Meyer und Richard „23“ Jonckheere behalten sie bei, ebenso die Grundstruktur der Songs; man fühlt sich also nicht fremd, sondern aktualisiert. Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass die ganz alten Sachen teilweise dadurch entstanden, dass Front 242 Magnetbänder zerschnitten und neu zusammenklebten; so verfahren sie live natürlich längst nicht mehr, hier stehen allerlei Tastengerätschaften herum, mit und ohne Monitor, zudem einmal mehr ein echtes Schlagzeug, wie bereits 1997 dynamisch gespielt von Tim Kroker.
Spätestens ab Song drei verliert man den Kopf: Die Debüt-Single „Body To Body“ geht sowas von nach vorn, als hätten sie damit bereits 1981 den Techno erfunden. Mit „Don’t Crash“ nehmen sie das Tempo zwar gleich wieder raus, integrieren in den Song aber alte und neue Samples und Elemente, geben der Gefolgschaft also etwas zum Entdecken, während sie den Moshpit aufräumt. Oder, wie in „Operating Tracks“, als lebende Auslaufrille die Grundtöne nachgrölt. Solcherart verfährt das Publikum später bei „No Shuffle“ erneut, wenn es die letzte Textzeile „always ahead“ noch eine Weile lang nachhallen lässt.
Wie kraftvoll die frischen Synthiesounds hier die bekannten Songs verstärken, da nimmt man es gern in Kauf, dass sie nicht retro klingen, obwohl sie so angeordnet sind wie auf den Alben, aber spätestens seit 1997 arbeiten Front 242 ja daran, ihrem Livesound stets neue Fassetten abzugewinnen. Und zwar intensiver, als sie an neuen Songs arbeiten, das haben sie mit The Sisters Of Mercy und Kraftwerk gemein: ewig auf Tour mit dem „Back Catalogue“. Nur dass der hier in einem genießbaren Flow stattfindet. Ähnlich wie bei Kraftwerk gab es dann in den Nullern doch noch ein Studioalbum, das hier allerdings gar nicht berücksichtigt ist, und ähnlich wie bei den Sisters schmuggeln die Belgier hier drei bisher nur live dargebotene neue Stücke ins Set. Anders als bei den Sisters gibt’s die nun auch konserviert zu hören, und anders als bei Kraftwerk ist die Musik hier nicht einfach das letzte Remix-Album mit Applaus. Hier kombinieren sich Mensch und Maschine zu elektronischer Körpermusik, wie sie vor 40 Jahren gemeint war.
Wie krass manche neuen Elemente hier sind: In „Funkhadafi“ meint man, einen Amboss zu hören, und „Quite Unusual“ lässt die Electrosounds glasklar aus den Lautsprechern knallen, zudem bricht der Schlagzeuger hier mit dem Takt, man kommt als Kenner des Hits ins Stolpern und freut sich darüber. In „Gripped By Fear“ hört man den Amboss abermals, der Track besticht ja außerdem durch seine basslastigen Synthies.
„Generator“ ist das erste von drei neuen Stücken, komponiert gar nicht mal in der als klassisch anzunehmenden Besetzung, da Daniel Bressanutti sich vor einiger Zeit aus der Band verabschiedete. Seinen Anteil übernahm für diesen Song und für „Fix It“ David Baboulis, und je nachdem, wie groß dessen Beitrag ist, kann man nur feststellen, dass es gelungen ist, zeitgemäße Front-242-Songs zu erstellen, die sich genau zwischen klassisch und in die Zukunft weisend bewegen, körperbetont, kraftvoll, treibend, energetisch; eine Nähe zu milderen The Prodigy ließe sich dezent anmerken. Jener Baboulis übernahm auch den Mix des Albums, also ist sein Anteil wohl eher nicht so gering. Für „Hide And Seek“, den dritten neuen Song, steht als viertes ein „D.Meier“ in den Credits, nicht weiter ausgeführt und womöglich ein Tippfehler; bei dem Stück scheint es sich um eines von UnderViewer zu handeln, einem Prä-Front-242-Projekt von Patrick Codenys und Jean-Luc de Meyer. Auf dem erst spät nachgereichten UnderViewer-Album „Wonders & Monsters“ ist der Track jedenfalls nicht enthalten, in der Bonus-Abteilung einer der vielen „Geography“-Neuveröffentlichungen, dem Debüt von Front 242, auch nicht. Ein Synthie-Melodiefragment in dieser Power-Ballade erinnert kurioserweise an „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena.
„Commando Mix“ nimmt das Treibende wieder auf, das tut der Song im Original bereits. Hier wird nochmal deutlich, dass sich Front 242 auch gern nicht an bestehende Songstrukturen hielten. Ebenso „Punish Your Machine“, das ja eigentlich 1990 ein Remix von „Tragedy ▷For You◁“ war und erst auf der Bühne ein Eigenleben erfuhr, erstmals dokumentiert nur zwei Jahre später auf „Live Target“. Wer genau hinhört, während er sich die Seele aus dem Leib groovt, hört gegen Ende sogar noch die ursprünglichen Synthiesounds des Originaltracks heraus. Kurioserweise schließt „Tragedy ▷For You◁“ direkt daran an, jedoch nicht nahtlos; verpasste Chance, aber der Track hat tatsächlich eine andere Stimmung als der dazugehörige Mix, der über die Jahrzehnte eine psychedelisch-hypnotisches Identität entwickelte. Und trotz aller Nonkonformität haben Front 242 stapelweise Songs im Oeuvre, und nicht selten zeigt sich, was für eine Freude es ist, Jean-Luc de Meyer dabei zuzuhören, wie er sie singt, tief, eindringlich, emotional.
Und dann freut mich sich auch noch über Raritäten, etwa „Red Team“, im Original auf dem dritten Album „Official Version“ und eigentlich nicht Teil des Live-Kanons. Ein echtes EBM-Stück, voller Sequenzen und stampfender Beats, genau so, wie man sich das Genre vorstellt. Für den Auslauf sparen sich Front 242 noch die großen Hits auf: das an Sprachsamples reiche „Welcome To Paradise“ mit der gebellten Empfehlung „be your fucking self“ am Ende, der Techno-Treiber „Happiness“ und das obligatorische „Headhunter“ vom überraschend wenig vertretenen Hit-Album „Front By Front“. Und damit soll die Party aus sein? Traurig! Das Feuer brennt doch noch? Und außerdem fehlen hier ja einige Hits?
Nur auf Spotify und in der Doppel-CD-Version sind übrigens die drei unverzichtbaren Stücke „Masterhit“, „Soul Manager“ und „No Shuffle“ zu haben. Hört man sich die diversen Livealben von Front 242 an, darf man zumindest feststellen, dass die Belgier in einigen Fällen sehr darauf achteten, live etwas Ungehörtes darzubieten, das auch für den Konservenkonsum noch attraktiv ist. „[Re:Boot (Live)]“ 1998 machte den Anfang, als der synthetische EBM-Sound plötzlich mit dem Live-Schlagzeug von Tim Kroker enorm organisch wurde; hier hat noch die LP-Version die Bonus-Tracks. Ganz im Kontrast dazu stand 2008 „Moments 1“, dem zwar nie eine Fortsetzung folgte, das es aber in so vielen Varianten gab, dass es für sich bereits hinreichend Momente ergibt. Da jedenfalls griffen Front 242 live auf historische Synthies zurück und verpassten auch jüngeren Songs ein altes Gewand, indes wiederum mit Tim Kroker an Bord. Mit „Black Out“ stehen den acht Studio-Alben jetzt offiziell und ohne die rein digital veröffentlichten genau zehn Live-Alben gegenüber. Vor zwei Jahren erschien der Livemitschnitt „Atmosphere 312“ zum 40. Geburtstag der Band, da sind „Generator“ und „Fix It“ bereits zu hören, außerdem das exklusive Stück „Deeply Asleep“. Da ist also noch Potential!
„Black Out“, Deluxe-Edition:
CD1
01. W.Y.H.I.W.Y.G. (von „Official Version“, 1987)
02. Moldavia (von „Tyranny ▷For You◁“, 1991)
03. Body To Body (Single, 1981)
04. Don’t Crash (von der „Politics Of Pressure“-12“, 1985)
05. Operating Tracks (von „Geography“, 1982)
06. U-Men (von „Geography“, 1982)
07. Funkhadafi (von der „Politics Of Pressure“-12“, 1985)
08. Quite Unusual (von „Official Version“, 1987)
09. Generator (exklusiv)
10. Commando Mix (von „No Comment“, 1984)
11. Masterhit (von „Official Version“, 1987)
CD2
12. Gripped By Fear (von „Tyranny ▷For You◁“, 1991)
13. Take One (von der „Endless Riddance“-12“, 1983)
14. Red Team (von „Official Version“, 1987)
15. Fix It (exklusiv)
16. Punish Your Machine (Remix von „Tragedy ▷For You◁“, 1990)
17. Tragedy ▷For You◁ (von „Tyranny ▷For You◁“, 1991)
18. Soul Manager (von „Tyranny ▷For You◁“, 1991)
19. Hide And Seek (exklusiv)
20. No Shuffle (von „No Comment“, 1984)
21. Welcome To Paradise (von der „Headhunter“-12“, 1988)
22. Happiness (von „05:22:09:12 Off“, 1993)
23. Headhunter (von „Front By Front“, 1988)
Nicht berücksichtigt: „06:21:03:11 Up Evil“ (1993) und „P.U.L.S.E.“ (2003). Die 12“-Tracks gibt’s auch auf „Back Catalogue“ (1987) sowie auf den Rereleases der Studioalben bis 1988.
