Patrick Dorobisz – Narvik (Symphonic Interactions) – Atypeek Music 2026

Von Matthias Bosenick (04.06.2026)

Eine europäische Antifa-EP: Ein Franzose mit polnischen Wurzeln verarbeitet den ersten gemeinsamen Sieg der Alliierten gegen die Nazis im Frühjahr 1940 in der Schlacht bei Narvik in Norwegen mit seinen musikalischen Mitteln. Heißt: Patrick Dorobisz aus Lille komponiert minimal-neoklassische Elektronik über die Erlebnisse seines Vaters in „Narvik (Symphonic Interactions)“ und erstellt daraus zwei zehnminütige Instrumentalstücke. Künstlich, aber trotzdem da: Neoklassik-Antifa!

Heutzutage lässt es sich ja schwer sagen, ob Sounds, die man hört, künstlich oder organisch sind. Streicher aus der Retorte ist man seit über 40 Jahren gewohnt, Streicher, die klingen wie aus der Retorte, kann man davon kaum unterscheiden. Sind die Streicher auf „Narvik“ echt? Klingt nicht durchgehend so, aber die Komposition ist es. Die datiert auf das Jahr 1996, als Dorobisz die Kriegserlebnisse seines im Jahr zuvor verstorbenen Vaters zu dieser Partitur verarbeitete. Zum Verständnis dieser Sinfonie erarbeitete Dorobisz ein Begleitschreiben, in dem er die historischen Ereignisse anführt und sie minutiös mit der Musik abgleicht.

Von dem Moment, als die Nazis in Polen einfallen, über den Aufruf an die in Frankreich lebenden Polen, sich an einer militärischen Mission in Nordnorwegen zu beteiligen, über den verlustreichen, aber erfolgreichen Ausgang dieser Mission bis zur Gefangennahme der Teilnehmenden, da sie bei ihrer Rückkehr nach Frankreich feststellen müssen, dass das Land bereits ebenfalls von Nazis besetzt ist, reicht die Spanne dieses Werkes. Entsprechend wechselvoll gestaltet Dorobisz die Intensität der Komposition und den Einsatz der Instrumente; hier listet er sehr wohl Streicher, Trompeten oder Holzblasinstrumente auf, die Flächen, Fanfaren oder repetitiv-melodische Figuren zeichnen. Auch Pizzikatos kommen zum Einsatz, ebenso Military-Drums. Dorobisz bindet nicht nur die historischen Ereignisse ein, das Übersetzen nach England per Schiff, die sich im Wald versteckenden Nazis, den Kampf, sondern auch die norwegische Landschaft. Für den zweiten Teil, der die Zeit in Frankreich nach der Rückkehr behandelt, verweist der Komponist auf Samples, Synthies und Keyboards, die er mit dem Orchester vermengt. Nach mehreren Fluchtversuchen, so schließt das Begleitschreiben, wird Dorobiszs Vater erst 1945 von US-Streitkräften befreit.

Dorobisz kam 1955 zur Welt. Nicht nur als minimalistischer Komponist machte er sich ab den Siebzigern einen Namen, sondern auch als bildender Künstler. Die Methode, synthetische Klangerzeugung mit analoger zu kombinieren, wendet er seit Beginn seiner Aktivitäten an. Das Repetitive seiner Musik teilt er mit Weggefährten wie Philip Glass oder Terry Riley. Warum diese 30 Jahre alte Komposition erst jetzt als Musik erscheint, bleibt verborgen.