Michael Møller – The Mountains Sing – Glorious Records 2026

Von Matthias Bosenick (28.05.2026)

Interessant: Neben Moi Caprice ist Michael Møller auch Sänger bei dem Projekt The Mountains, und wenn sein jüngstes Soloalbum den Titel „The Mountains Sing“ trägt, könnte man einen Bezug dazu annehmen – und läge komplett falsch. Denn Møller bezieht sich auf das Buch gleichen Titels, zu Deutsch: „Der Gesang der Berge“, der vietnamesischen Autorin Nguyễn Phan Quế Mai, die an dieser Musikwerdung ihres Werkes sogar beteiligt war. So entstand ein neoklassisch anmutendes Album, abwechselnd in Kopenhagen und Hanoi aufgenommen, das behutsam zu Kontemplation und Reflexion einlädt und erst spät die Arme etwas ausbreitet.

Alles an diesem Album ist behutsam. Møller singt klar und unaufgeregt, jedes Instrument scheint kaum mehr als ein Tupfer zu sein, der dem Gesang eine Umgebung verleiht, ein zaghaftes Glitzern, einen Glanz vielmehr, eine bewegte helle Farbe, eine tongewordene Assoziation. Im Grunde agiert die Musikerschaft um Møller mit den Mitteln des Jazz, was ja gut zur Klassik passt, indem sie nämlich weglässt, was zu viel ist, und aus den Fragmenten stabile Gebäude errichtet. Dies geschieht zuvorderst mit dem Piano, aber auch mit Streichern und mit traditionellen vietnamesischen Instrumenten, die sich unaufdringlich in den Sound einbinden. Ein zusätzlicher Vorteil dieser Vorgehensweise, abgesehen davon, dass die Stücke wunderbar sind, ist der, dass Møller Kitsch vermeidet, wo jener eigentlich dazu auffordert, umgesetzt zu werden.

Bevor er tatsächlich die größere Geste hervorzaubert, nämlich erst im fünften Stück „Bees In Your Shirtsleeves“, lässt Møller im dritten Lied „Good Luck Hides Inside Bad Luck“ sogar so etwas wie Atonalität zu, indes so sanft wie die Musik drumherum. Ab der Hälfte erst wird Møllers Musik dichter, man könnte meinen: gefälliger, sowohl in Komposition und Instrumenteneinsatz als auch in Gesang, aber er bleibt dabei, den Kitsch trotz vergrößerter Gesten zu vermeiden; seine Schönheit kommt auch bestens ohne aus. Fans von Coldplay oder neueren U2 dürften hier zwar durchaus hellhörig werden, aber sicherlich etwas vermissen.

Obwohl Møller sein Album in Kopenhagen und Hanoi aufnahm und das vietnamesische Buch „The Mountains Sing“ als Inspirationsquelle diente, lässt sich nicht feststellen, dass die Kompositionen vordergründig vietnamesisch klingen, die Stücke sind schon in europäischen Hörgewohnheiten angesiedelt. Auch die vietnamesischen Instrumente – er listet auf: die 16-saitige Zither (Đàn tranh), die 36-saitige Zither (Đàn tam thập lục), das traditionelle Bambusxylophon (Đàn T’rưng) sowie das vietnamesische Monochord (Đàn bầu) – lassen sich zwar heraushören, aber vielmehr am ungewohnten Klang als an fernöstlicher Melodieführung. Es bleibt das Klavier das bestimmende Instrument, begleitet eben von Saiteninstrumenten, die etwas Kulisse, manchmal sogar mehr als jene, dazu beitragen. Wie gesagt: Alles ist behutsam hier. Selbst das nur selten eingesetzte Schlagzeug gibt maximal etwas Struktur vor, aber keinen Wumms, keinen Beat. Erst „The Way To Happiness“, das vorletzte von einem Dutzend Lieder, hat das Zeug zu einem ausformulierten Popsong, einem melancholischen. Das Album endet mit einem Glitzern auf Wasser. Ein hoffnungsvoller Ausklang zu einem Buch, das fiktiv Themen wie Krieg und Unterdrückung behandelt.