Von Matthias Bosenick (27.05.2026)
Einen Stapel Einzel- oder Single-Veröffentlichungen aus aller Welt gibt‘s: organischen Bigbeat mit Radical Hope (Niederlande), Doom mit Sermon (Türkei), Shoegaze-Psychedelik von Black Reveries (Italien), Alternative Metal mit Godzilla In The Kitchen (Deutschland), heavy Shoegaze mit Felt (Deutschland), Chillout mit SisterLove (England), melodischen Punk mit Half Dollar Dog (Frankreich), Indie-Noiserock mit Резина & Евгения Корсетова (Russland).
Radical Hope – Yasi – Antibody Label 2026
Mit der Ausgangslage hätte es gern mehr werden dürfen: Auf dem Track „Yasi“ verbindet die Schlagzeugerin Nina de Jong Samples marokkanischer Schlaginstrumente, allen voran Qraqeb, einer Art Kastagnetten aus Metall, und selbstgebaute Instrumente zu einem energetischen, kopfnickend treibenden und – was Wunder – rhythmusbetonten Track, voller Leben, Mystik, dröhnenden repetitiven Sounds, Spielereien. Es hat etwas von organischem Bigbeat, wie es da so direkt in die Tanzbeine und den Rest des Körpers geht. Davon darf es gern mehr geben als diese gut drei Minuten.
Nina de Jong führt mit diesem Track ihr Alias Radical Hope ein. Ansonsten ist sie Mitglied des Psychedelic-Rock-Duos Spill Gold, das sie mit Rosa Ronsdorf betreibt, die sie bereits von der Alternative-Rock-Band Bird On The Wire kennt. Außerdem ist sie als Pretvormer künstlerisch und im Theaterbetrieb unterwegs.
Sermon – Sharing These Words I Fear No Pain – Sermon 2026
Doom mit Melodie und Stimme – wobei die Melodie und die Stimme nicht zusammenliegen: Die Gitarren sind es, die eine langsam wiederholte Melodie ausstoßen, die Stimme verzichtet auf Melodiösität, sie wechselt sich mit klar vorgebrachtem Klagen und dunklem Grunzen ab. Der Schlagzeuger wirbelt dazu, als gelte es, das fehlende Tempo mit Fills wettzumachen, und verleiht dem Track eine zusätzliche Dimension. In der Mitte bäumt sich die ganze Band einmal auf, wie eine Eruption, dann fällt sie wieder ins dunkel rollende Klagen zurück. Knapp sieben Minuten, die im Flug vergehen.
Drei Jahre liegt nun das Debütalbum von Sermon zurück, seitdem hat sich offenbar einiges getan, denn an diesem neuen Track sind nur noch drei Mitglieder der Band aus İzmir dabei: Sänger Harun Altun, Rhythmusgitarrist Cem Barut sowie Leadgitarrist und Schlagzeuger Durmuş Kalın. Es fehlen also zwei aus der bereits 1993 gegründeten Gruppe. Bleibt zu hoffen, dass sie für ein nächstes Album wieder zusammenfinden.
Black Reverie – Revolution Or Reverb/Where The Reverb Ends – Black Reverie 2026
Mit zwei Songs tritt das Projekt Black Reverie aus Modena auf den Plan. Kuratiert von Sebastian Lugli von der Band Rev Rev Rev, verbindet es Musizierende aus allen möglichen psychedelisch grundierten Rockbands, um gemeinsam noch mehr psychedelische Rockmusik zu machen. Mit „Revolution Or Reverb“ kündigt das Kollektiv ja bereits an, was man zu hören bekommt: Im ersten Track nämlich gewinnt der gutgelaunt-melancholische Shoegaze Oberhand über die Psychedelik, das Tempo bleibt gedrosselt, eine liebliche, kraftvolle Frauenstimme singt dazu textlos. Möglicherweise auch nicht, denn Vanessa Billi (We Melt Chocolate) wird als Erstellerin von Lyrics aufgeführt. Das Schlagzeug kommt auf beiden Songs von Nico L-S, der Bass von Daniel McLean (Desert Ships).
Okay, in „Where The Reverb Ends“ ist die Analogie zu My Bloody Valentine mit den leiernden Gitarren und dem als haunted zu bezeichnenden Gesang noch deutlicher. Der kommt dieses Mal von Kim Field, die mit dem Gitarristen John Cep das Duo The Stargazer Lillies formt, das hier gleich mal als Featuring-Artist aufgeführt ist. Der Track steigert sich zuletzt ins Schräge, man ist beinahe geneigt zu sagen: in atonalen Noise, aber kurz davor bricht er ab. Bleibt beides irgendwo im -gaze, wie man es kennt, aber fügt dem vertrauten Konvolut etwas Schönes, Vielversprechendes hinzu.
Godzilla In The Kitchen – Nothing For None – Tonzonen Records 2026
Alternative Metal gibt’s schon, was tun? Anreichern! In diesem Falle nicht nur das Genre, sondern auch sich selbst: Für die erste neue Single nach dem zweiten Album „Exodus“ aus dem Jahr 2022 erweitern Godzilla In The Kitchen aus Leipzig ihren eigenen groovenden Sound um Gesang. Ein Plus, das ein Alleinstellungsmerkmal wegnimmt, könnte man meinen, denn bisher punktete die Band instrumental, sogar schon mal live in Wacken. Doch was dieser Sänger hier liefert, ist definitiv eine Bereicherung: Alternierend klar und dreckig könnte er glatt zwei Leute sein, wie er den Song „Nothing For None“ in seiner kompositorisch vielseitigen Dynamik begleitet.
Wobei es sich bei Simon Ulm ja nicht wirklich um einen neuen Sänger handelt, sondern um den Bassisten, der nun mit zwei Jobs befasst ist. Neu am Schlagzeug hingegen ist nun Thiago da Silva Amaral in der Band, der dritte ist Gitarrist Eric Patzschke. Der Song ist ein Vorbote zum dritten Album, das in der zweiten Jahreshälfte kommen soll.
Felt – Miami Memory – Felt 2026
Der Bandname ist schwierig: Die Information, Felt kündigten mit der Single „Miami Memory“ ein neues Album an, weckt erstmal Freude bei altgewordenen Indie-Hörern, doch handelt es sich bei diesen Felt nicht um jene aus Water Orton, Warwickshire, sondern um eine junge dreiköpfige Band aus Aachen, die sich selbst außerdem FELT schreibt. Dabei ragen beide Felts musikalisch gar nicht so weit auseinander, diese hier sind im traumhaften Shoegaze bewandert, nur dass sie ihn hier mit etwas mehr Härte und wohldosiertem Lärm umsetzen.
Als Ankündigung für ihr im Herbst zu erwartendes zweites Album „Soil And Sky“ nehmen sich Felt den Song „Miami Memory“ des australischen Rock-Pop-Musikers Alex Cameron vor. Aus dem elektronisch begleiteten schönen Popsong machen Felt einen komplett eigenen Track, der mit dem Original ohrenscheinlich gar nichts mehr zu tun hat, und das liegt nicht allein daran, dass der Gesang von männlich zu weiblich wechselte. Das ist Ehrerbietung mit Eigenleistung, sehr schön. Bisher gibt es von diesen Felt erst das 2024 herausgebrachte Album „Saturnine“. Felt besteht aus Hannah Bölling, Koen Castermans und Aaron Morgan.
SisterLove – The Hypnotist – Om 1992/Fruits de Mer 2026
Pub-Musik stellt man sich anders vor als das hier, aber in einem Londoner Pub fanden Jeremy Leahy und Clif Brigden Anfang der Neunziger zusammen, um bald darauf das Projekt SisterLove zu gründen. Dessen einziger Track „The Hypnotist“ erschien 1992 als Single und war 1994 auf der ersten Ausgabe der Chillout-Reihe „Café del Mar“ des spanischen DJs José Padilla enthalten. Danach klingt es auch: Downbeat, Streicher, männliche Sprachsamples und weibliche „Uh“-Gesänge verlegen das Pub an den Strand von Ibiza. Erstaunlicherweise hört man dem Track die mehr als 30 Jahre kaum an.
Fruits de Mer veröffentlichen den Track nun als 7“ neu, und zwar in der viereinhalbminütigen Single-Version sowie der gleichlangen Instrumentalfassung dieses Instrumentaltracks auf der B-Seite, also nicht in der bekannteren Neun-Minuten-Version. Brigden war zuvor bereits als Gast auf diversen Veröffentlichungen zu hören, etwa bei Thomas Dolby, und danach ebenso, und zwar im Trip-Hop-Bereich. Leahy nannte sich später Valentine Carnelian und trat der Gruppe The Gentle People bei. Legt man „The Hypnotist“ heute auf, hört man das Meer beruhigend rauschen und wünscht sich einen Cocktail zum Schirm.
Half Dollar Dog – And The List Goes On – Half Dollar Dog 2026
„And The List Goes On“ ist die vierte Single des melodischen Punkduos Half Dollar Dog aus dem Südosten Frankreichs und es ballert in zweieinhalb Minuten den traditionellen Wutausbruch von Bad Religion heraus, die seinerzeit die Kombination aus Melodie mit Backgroundchören und rotzigem Punktempo perfektionierten. In der Mitte gibt’s eine räudige Eruption, dann brettert das Duo weiter voran.
Hugo Joly und Xavier Jolly – nicht verwandt, wie man annehmen darf, angesichts eines unterschiedlich häufigen Ls – bilden seit 2021 die Band Half Dollar Dog. Mit diesem Song kündigen sie an, dass sie für den Herbst ihr Debütalbum „The Wrong Turn“ in Aussicht stellen. Inhaltlich sind sie true, etwa klar antirassistisch eingestellt – Punk also nicht allein musikalisch.
Резина & Евгения Корсетова – Механическое сердце – addicted/noname 2026
„Механическое сердце“ – „Mechanisches Herz“ – beinhaltet schon wieder zwei neue Songs von Резина & Евгения Корсетова – Rezina und Evgenia Korsetova –, dabei erschien erst im März die Drei-Song-EP „25“. Korsetova von der Band ПИЛС (PILS) übernimmt hier den Gesang, Rezina sind ein Moskauer Instrumental-Kollektiv, daher wird sie wohl separat aufgeführt. Mit Recht: Ausdrucksstark bellt sie ihre Texte, singt sie nachdrücklich, schreit sie laut heraus, verfällt in hymnischen Sirenengesang und vermittelt eine Kraft, die der der Band sehr entspricht. Das hier ist kunstvoller Indierock, frei von Trends und Strömungen, ganz bei sich selbst, experimentell und eingängig gleichermaßen, emotional mitreißend, rhythmisch eigenwillig. Ein Hang zum Noiserock liegt diesen wunderschönen Songs – auch „Интим 24 часа“, „Liebe 24 Stunden“, der B-Seite – inne.
Hinter der Sängerin stehen die beiden Gitarristen Ilya Zinin und Andrey Klimov, Bassist Denis Dubovik und Schlagzeuger Dmitry Drozdov. Rezina sind – gegründet 2020 – so immens großartig, dass ihnen eine weit größere Aufmerksamkeit gebührt. Eine physische Veröffentlichung mit allen Songs – Album, EPs, Singles – wäre ein Segen.
