Von Onkel Rosebud
„Ich weiß nicht, ob ich einen Text mit dieser Überschrift lesen würde“, meinte meine Freundin und fügte an, „mit Verlaub, Du bist nicht Greil Marcus. Außerdem ist Bowie tot. Starb übrigens im gleichen Jahr, als die Printausgabe deiner Lieblingszeitschrift eingestellt wurde. Think about it.“ Da stand ich sofort unter Rechtfertigungsdruck: „Spex hat zwei Jahre länger durchgehalten als der wandelbarste und wahrscheinlich einflussreichste Musiker der Rock- und Popgeschichte. Und wir bei KrautNick bohren auch die wirklich dicken Bretter.“ „Aber es nützt doch niemand, zu wissen, wo er sich überall bedient hat. Das Ergebnis zählt. Und das sind einige, wirklich tolle Songs und Alben“, erwiderte sie und ergänzte, dass diese ganze Aneignungssache in der Popkultur stets und ständig passiert und deshalb uninteressant sei.
Doch bei David Bowie lohnt sich ein differenzierterer Blick. Unbestritten ist, so etwas wie ihn gab es in der Popgeschichte zuvor schlichtweg nicht. Mit seinen Persönlichkeiten und Inkarnationen Ziggy Stardust, Thin White Duke oder Aladin Sane hat er den Popstar als absolute Kunstfigur etabliert. Dazu hat er schon mit sexueller Identität gespielt, als das noch wirklich geschockt hat. Und musikalisch? Wenn man wohlmeinend ist, könnte man ihm zugutehalten, dass er die verschiedenen Einflüsse zu einem eigenen Ganzen zusammenfügte und zudem noch dazu beitragen hat, weniger bekannte, subkulturelle Kunst- und Kulturformen einem breiteren Publikum bekanntzumachen. Aber nüchtern gesehen, hat er sehr vieles von anderen Künstlerinnen und Künstlern einfach nur geklaut und sich von der Kreativität anderer bedient.
In seinem Buch „Ein Leben“ (Rowohlt 2018) hat der preisgekrönte Journalist Dylan Jones 182 Interviews mit Bowie-Wegbegleitern aus allen Phasen geführt und zahlreiche weitere zitiert. Freunde, Vertraute, Rivalen, Liebhaber und Liebhaberinnen, Familienangehörige, Mitarbeiter, Filmproduzenten und -Regisseure, Schauspieler, Visagisten, Fotografen; viele von denen hatten zuvor noch nie über ihr Verhältnis zu Bowie gesprochen. Nachdem die Lektüre eine Weile ganz oben auf dem Stapel des Nachtschränkchens meiner Freundin lag, kam sie zu dem Schluss, dass David Bowie von der Meinung anderer so abhängig wie von Kokain und Nikotin war. Der Künstler litt offenbar unter einer ausgeprägten Gefallsucht. „Er hat allen gegeben, was sie wollten“, zitiert Jones den Journalisten Angus MacKinnon. „Wer Sonnenbrille und Leder trug, bekam das Rock’n’Roll-Interview, wer, wie ich, Cordhosen und Tweed-Jacken trug, bekam den intellektuellen Bowie.“ Mit der sich aus dieser Dauerambivalenz ergebenden Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung erklären sich auch die Achtziger-Bowiejahre. Dass er große Teile seines alten Publikums in dem Moment verlor, als er auch ganz offiziell einfach allen gefallen wollte.
Es gibt aber auch großartige Anekdoten in dem Buch: „Ja, und er hat meine ganzen Scheißgeräte da“ (Brian Enos Antwort auf die Frage, ob er in der Bowie-Ausstellung war). Eno hatte das Equipment der Aufnahmen für „Low“ (RCA Records, 1977) zur Auktion freigegeben. Sein Freund David hat das heimlich ersteigert – und ins Museum verfrachtet.
Onkel Rosebud
