Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: What’s in your hee-aaad, in your hee-ee-ee-aaad – Dolores O’Riordan

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin hat ein besonderes Lied, welches sie über die ein oder andere Hügelkurve des Unglücks bringt. Es ist von der Band The Cranberries; es ist nicht die Hitsingle „Zombie“, sondern „Dreams“ von der Debüt-LP „Everybody Else Is Doing It, So Why Can’t We?“ (Island Records, 1993). Der Song handelt davon, sich zum ersten Mal wirklich verliebt zu fühlen, und ist eine klein bisschen schnulzige Pop-Perle. Geschrieben und stimmlich vorgetragen wird er von Dolores O’Riordan (1971-2018), die mal Irlands Vorzeige-Musikerin war und deren Umstände ihres plötzlichen Ablebens ziemlich merkwürdig sind.

Dolores Mary Eileen O’Riordan, wie sie mit vollem Namen heißt, wurde 1971 als jüngstes von sieben Kindern geboren, sie wuchs in Ballybricken, einer Kleinstadt im Südwesten der Republik Irland, auf und besuchte dort eine Schule der katholischen Schwesterngemeinschaft „Die Treuen Gefährtinnen Jesu“. Womöglich lässt sich ihr zugleich überbordender und kontrollierter Vokalstil nicht ohne die Tradition des „keening“ oder „coronach“ verstehen, eine Form des ritualisierten Trauergesangs, wie sie für die gälischen Kulturen Irlands und Schottlands kennzeichnend ist: Wenn jemand starb, rief man dort früher Frauen, die mit dem Verstorbenen nicht verwandt waren, diesen aber dennoch stellvertretend beweinten.

Mit 18 hatte sie die Brüder Noel und Mike Hogan und den Schlagzeuger Fergal Lawler beim Breakdancen kennengelernt. Das zweite Album „No Need To Argue“ brachte den erwähnten Hit und den weltweiten Durchbruch mit dessen Refrain, „What’s in your hee-aaad, in your hee-ee-ee-aaad.“ 1999 war sie die fünftreichste Frau der britischen Inseln – doch die Berühmtheit durch „Zombie“ nagte an ihren Nerven: Depressionen, Magersucht und bipolare Störung. Dolores Mary: Die Vornamen der Sängerin erinnern an Maria Dolorosa, die leidende Maria, die Schmerzensmutter. Das dritte Album der Cranberries wurde vom Musikmagazin Q zu einem der „schlechtesten Alben aller Zeiten“ gekürt, die Verkäufe stagnierten, die Band löste sich zeitweilig auf, tat sich wieder zusammen, Auftritte mussten abgesagt werden, mal wegen Rückenschmerzen der Sängerin, mal wegen psychischer Probleme.

Drei Kinder, eine Scheidung von ihrem Tourmanager und ein Suizidversuch später wurde Dolores O’Riordan am Morgen des 15. Januar 2018 im Alter von 46 Jahren mit 3,3 Promille im Blut in einer Badewanne des Hilton Hotel Park Lane in London von einer Putzfrau gefunden. Der offizielle Untersuchungsbericht befand Tod durch Ertrinken, also ein Unfall. Merkwürdig daran ist, dass sie nicht mit dem Kopf unter Wasser gefunden wurde. Nun könnte man anfangen zu spekulieren, über Alkoholvergiftung zum Beispiel, aber was würde das nützen?

Dolores O’Riordan war ein modernes Klageweib und hat mit „Dreams“ die perfekte Harmonie geschaffen, einen fröhlichen, hauchzarten Walzer, den ich beschwingt mit meiner Freundin über den heiligen Boden unserer Küche aufführe. Denn, in dieser Küche wird getanzt.

Onkel Rosebud