Von Matthias Bosenick (27.04.2026)
Zwei Verbindungen knüpft man automatisch zu Chris Connelly: die musikalische zum Industrial und die stimmliche zu David Bowie. Widmet er sich auf „Eulogy For Christa: A Tribute To The Music And Mystique Of Nico“ der Musik von Christa Päffgen, wirft er ersteres über Bord und singt zweitens dazu einfach ganz wie er selbst, also doch sehr wie Bowie. Das Doppel-Album beinhaltet Songs, an denen Nico beteiligt war, sowie Eigenkompositionen des in Chicago arbeitenden Schotten. Die meisten bestehen aus Gesang mit minimaler Selbst- und Fremd-Begleitung, die nah am Gruftigen gebaut sind, was nahe liegt, wenn man Nicos Solo-Alben kennt.
Von den 24 Songs auf dieser Doppel-CD stammen satte 13 aus der Feder des Tributzollenden, und man kann nicht sagen, dass die etwas unbequemeren Stücke stets die von Connelly sind. Okay, gleich der erste Song „Ripcord, Ripcord“ ist eine Uptempo-Nummer von Connelly mit einem quietschigen Gitarren-Solo, das außerdem gleich der Einstand vom einzigen Co-Musiker Chris Bruce darstellt, einem Langzeit-Wegbegleiter. Connelly spielt hier also so gut wie alles selbst, also akustische und elektrische Gitarren, Harmonium, Harmonika, Synthies und Bässe, Bruce übernimmt „additional instruments“, bei denen es sich auch um Schlagzeuge handeln dürfte, sofern die nicht synthetisch generiert sind.
Auf der ersten CD begleitet sich Connelly noch weitgehend mit Akustikgitarre, weicher E-Gitarre oder Streicherartigem, schlägt vereinzelt einen Schellenkranz dazu, singt selbst den Hintergrundgesang, spricht auch mal ein Stück ein, anstatt es zu singen, und steigert die Instrumentierung nur selten zu einem vollen Song. „Femme Fatale“, einer der Hits aus Nicos Zeit mit The Velvet Underground, startet reduziert, die Instrumente steigen später erst ein, inklusive Glockensampels wie in „Detestimony“ von Finitribe, Connellys erster Band aus der Zeit, als er noch in Edinburgh lebte.
Auf der zweiten CD verändert sich die Stimmung zunächst etwas, die Song bekommen eine Krängung. In der Eigenkomposition „The Black Rooms Of Richelieu“ schreit Connelly ganz unvermittelt los, die Musik dazu ist etwas weiter ausformuliert. Das Nico-Stück „Valley Of The Kings“ bekommt eine schräge Orgel, wie überhaupt die Lieder ins unkomfortabel Schräge neigen, ins leicht Unbehagliche. Das ändert der Interpret als Komponist mit den „80s Beat Boys“, einem zur Akustischen gesprochenen Neofolk-Stück mit Mundharmonika. „Sixty Forty“ gerät zu einem Folkstück mit Akustikgitarre, Piano und Chorbegleitung. „Vegas“ ist üppiger Pop-Rock’n’Roll. Wuchtig und düster orgelt er „Tananore“. Seine letzte Eigenkomposition „Fa Massa Calor“ könnte man ohne Zweifel als Nico-Stück auffassen. Das Album endet höchst dramatisch mit den „Hanging Gardens Of Semiramis“.
Und dann der Aspekt Gesang: Vom Anbeginn seiner Aktivitäten an – also in den Achtzigern in Schottland mit der Industrial-Band Finitribe – haftet Connelly der Ruf an, so zu singen wie David Bowie, was Stimmfarbe und Tremolo betrifft. Da kann er nix dran machen, dass er eine eigene künstlerische Karriere anschiebt und dass der andere Typ, der so ähnlich singt, einen Tick berühmter wird und man also Connelly an Bowie misst und nicht umgekehrt. Diese Ähnlichkeiten treten bei gesteigerter Inbrunst umso deutlicher zutage und in den stilleren Momenten sowie den Spoken-Word-Passagen eher komplett in den Hintergrund. Lustigerweise klingt Connelly auf diesem Album niemals wie Nico, deren Stimme bekommt er gar nicht kopiert, das will er auch nicht; und jedes Bisschen Bowie-Ähnlichkeit ist nie Absicht, sondern schlicht Connelly. Nur einmal erinnert sein Gesang an den von Lou Reed, und das abermals lustigerweise nicht bei einem Cover von The Velvet Underground, sondern bei der Eigenkomposition „Running Pure“. Und wie es sich für einen Profi gehört, richtete Connelly 2013 mit Matt Walker eine Bowie-Tribute-Band ein, benannt nach dessen Song „Sons Of The Silent Age“, anstatt sich über die Vergleiche zu beklagen.
Zu den Komponisten der Originale zählen nicht ausschließlich Nico, ihr Co-Autor Philippe Quilichinioder Lou Reed. Mit „The Last Mile“, der B-Seite von Nicos Debüt-Single „I’m Not Sayin‘“ aus dem Jahr 1965, befindet sich eine Komposition von Andrew Loog Oldham und Jimmy Page darunter; die Single erschien mithin zwei Jahre vor „The Velvet Underground & Nico“. Und Tim Hardin lieferte einen Song, und zwar den, der Connelly gleich zum Albumtitel inspirierte: „Eulogy To Lenny Bruce“. Und wenn wir schon bei Querverweisen sind: Das Coverfoto von Nico entstand 1981 in Edinburgh, also in Connellys Geburtsstadt.
