Von Matthias Bosenick (24.04.2026)
Die reinen Post-Rock-Heavy-Anteile sind relativ gewöhnlich, da erfüllen We Stood Like Kings die Erwartungen und Erfahrungen, die man mit dem Genre bereits hat. Fett sind sie, diese Passagen, ungelogen, auf dem neuen Album, das die Belgier „Pinocchio“ nennen – und auf dem sie dem Genre Dinge unterjubeln, die zum Jubeln anregen, zuvorderst natürlich das Klavier, das wesentliche Teile begleitet oder gar allein gestaltet, und dann noch lauter anderen ungewöhnlichen Krams. Irgendwie muss man ja dafür sorgen, dass die Schublade interessant bleibt!
Zunächst sieht Ben Folds zu, dass er Richard Clayderman mit aller Macht den Pianoschemel unter dem Allerwertesten wegzieht, doch so ganz kampflos ergibt sich der Franzose dem US-Amerikaner nicht geschlagen. Sei’s drum, denken sich die Belgier und errichten eine Gitarrenwand um die beiden herum. Eine löchrige, denn irgendwie sind sie ja doch neugierig, wie sich Heaviness, Hymnenhaftigkeit und Kontemplation vereinen lassen. Und diese Neugier findet Erfüllung.
Das Intro zum Opener „Assassins“ führt somit in die Irre: Man hört ein klimperndes Klavier und wähnt sich in der kunstvollen Neoklassik, bis dann die Gitarren, der Bass und das Schlagzeug die Metalband in den Konzertsaal lassen. Die Riffs sind heavy, und wo sie sich zurücknehmen, regiert das Drama. Auf das Klavier verlassen sich We Stood Like Kings nicht permanent, sondern nur dort, wo sie es für sinnvoll erachten, was das Besondere unterstreicht, das dadurch Einkehr hält, dass es überhaupt zur Verwendung kommt: Sobald die Bratzgitarren ihre Wucht ablegen und das Piano perlt, hat dieser Postrock eine eigene Note. Ohne Klavier hätte er die auf manchen Strecken nämlich eher nicht. Kurioserweise gehört der letzte Ton des Albums keinem Klavier, sondern einer Akustikgitarre.
Okay, das Hymnische des Postrock wenden We Stood Like Kings zwar vornehmlich im Rockgewand an, aber auch das bekommt gelegentlich eine Tastenzierde. Diese Passagen hat man indes bereits gehört, den Postrock gibt es ja schon was länger. Deshalb verlassen sich die Belgier auch nicht ausschließlich auf ihn: „The Field Of Wonders“ ist auf weiter Strecke Ambient, in „Fire Eater“ und „The Land Of Toys“ dreht ein Synthie durch und es kommt zu Siebziger-Prog-Verknotungen, in „Poor Idiot“ spielen sie die E-Gitarre so, wie man es von Gojira kennt. So bekommt das Gewöhnliche immer wieder mit dem Hammer eins drauf und rückt in den Hintergrund, weil die Band ihm weniger Spielzeit zubilligt. Wer Postrock mag, kommt hier auf seine Kosten, aber wer keinen (mehr) mag, gottlob auch.
„Pinocchio“ ist das sechste Album der Belgier, die 2014 mit dem ersten Teil einer Trilogie starteten: Auf ihren ersten drei Alben imaginierten sie sich neue Soundtracks zu alten Stummfilmen. We Stood Like Kings sind hier Bassist und Baritongitarrist Colin Delloye, Gitarrist Diego Di Vito, Pianistin und Keyboarderin Judith Hoorens und Schlagzeuger Lucas Vanderputten.
