Von Matthias Bosenick (23.04.2026)
Der Titel ist natürlich ein Knaller: „The Neukölln Concert“, Keith Jarrett sitzt irgendwo am Offenbachplatz und kichert. Doch wählte das Berliner Trio Tabo Tago den Titel nicht allein wegen seiner Pointe, sondern auch, weil es inhaltlich und musikalisch passt. Na gut, inhaltlich sei dahingestellt bei einem Instrumentalalbum, laut Info geht es darum, die Unüberquerbarkeit von Neuköllns Straßen abzubilden, also beinahe eher ein Düsseldorfer „Autobahn“-Ansatz, aber musikalisch ist dieses Album ganz eindeutig vornehmlich in Berlin angesiedelt, und zwar in der nach dieser randständigen Stadt benannten Ambient-Schule, gegründet in den Siebzigern.
Wie „The Köln Concert“ ist auch „The Neukölln Concert“ eine Liveaufnahme. Mit Synthies, Keyboards, Sequenzern und einem Bass ausgestattet, richteten sich Bernhard Wöstheinrich, Leander Reininghaus und Andreas von Garnier auf der Bühne des KulturCafé Neukölln häuslich ein. Als Konzept für diesen Auftritt legten sie das Überschreiten des Rubikon zugrunde, lassen sie wissen, das ihnen in den Sinn kommt, wenn sie sich der verwirrenden Verkehrsführung der Straßen Neuköllns ausgesetzt sehen. Offenbar führt in diesem Stadtteil Berlins kein Weg zurück. Dafür wiederum gestaltet sich die Musik, die das Trio generiert, überraschend wenig verwirrend und erstrecht nicht lärmig, komplex, überladen, stinkend: Das hier ist Ambient wie vor 50 Jahren.
Sequenzen und Modulationen bestimmen die Tracks, heißt: Hier liegen Teppiche aus Synthetikfasern unter allerlei Spielereien, die spacig, versonnen, versponnen, verträumt die Hörerschaft umschmeicheln. Beats gibt es beinahe keine, „The Neukölln Concert“ ist nicht zum Tanzen aufgelegt. Dafür verlegen sich die drei Musiker darauf, auf eine ernsthafte Weise verspielt zu sein: So traumhaft die meisten Stücke auch erscheinen, es bleibt immer Raum für Störungen. So ist „Preordinaided Geometry“ ein experimentelles Stück, frei von Melodie und oberflächlicher Struktur, im Kontext mit den vorangegangenen Tracks beinahe beängstigend, aber lässt man sich darin fallen, fängt es einen doch auf.
Bei aller Berliner Behaglichkeit und chilliger Gerätschaftsbearbeitung überschreiten Tabo Tago nicht nur den Rubikon, sondern auch die Zuordnungsgrenzen: Nicht selten, erstmals gleich im Opener „Recursive Streets Of Neukölln“, entlocken sie einem der Synthies den Sound von Querflöten, und die wiederum sind musikhistorisch vielmehr mit Düsseldorf verknüpft, ein gewisses Kraftwerk würde dem zustimmen. In „Aporetic Irrelation“ bekommt der Tastenanschlag sogar eine unerwartete klare Härte und mit ihm der Track eine mitwippbare Struktur. „Sense Of Justice“ hat einen Oldschool-Synthiebeat unter den Synthiemelodien und lässt abermals an alte Kraftwerk denken. Zum Abschluss gibt es mit „The Great Purveyor Of Energy“ einen bekannten Track, den Tabo Tago bereits auf zweien ihrer unzählbaren Live-„Sessions“ veröffentlichten, und der erfüllt das Spacige der Berliner Schule sehr authentisch.
