Von Guido Dörheide (20.04.2026)
Also DAS rechne ich jetzt den Two Johns aus NYC (John Flansburgh und John Linnell, die zusammen They Might Be Giants ergeben) mal GANZ HOCH an: Erst im Januar haben sie die „Eyeball-EP“ veröffentlicht und jetzt im April kommt das Album „The World Is To Dig“ (wovon ich ausgehe), und KEIN EINZIGER SONG WIEDERHOLT SICH! Mit den drei plus einem Songs der EP und den 18 Songs des Albums haben TMBG heuer also mal tatsächlich 21 plus 1 neue Materialien rausgehauen, und alle sind wirklich, wirklich gut.
Wie ich schon im Jänner-Beitrag von „Was Guido sonst noch gehört hat“ kundgetan habe, haben Flansburgh (der eine John) und Linnell (der andere John, der damals wie heute immer ein wenig geekiger und nerdiger als sein Kollege, der eine John, rüberkam und -kommt) uns in den späten 80ern und frühen 90ern mit zahlreichen unsterblichen Ohrwürmern wie „Birdhouse In Your Soul“, „Ana Ng“ oder „Boss Of Me“ versorgt, und hätten sie sich hernach aufgelöst, wären sie dennoch unvergessen, aber es gibt sie noch und sie machen immer noch tolle Musik.
Beim ersten Durchhören blieb mir nichts so recht im Ohr hängen, aber mal ehrlich – ein neues „Birdhouse In Your Soul“ müssen die beiden mittlerweile 65 und 66 Jahre alten Johns ja nun auch nicht mehr abliefern. Da mir das Album dennoch sehr gefallen hat, gab ich ihm einen zweiten, dritten und vierten Durchlauf und – was hätte man anderes denken sollen? – das Teil ist ein Grower reinsten Wassers. Von Mal zu Mal hören macht es mehr Spaß und erinnert mich dabei an alles, was Elvis Costello nach „Brutal Youth“ (1994) veröffentlicht hat. Keine potentiellen Sommerhits, aber alles in gehobener Qualität und quasi für die Ewigkeit gemacht.
Mit „Back In Los Angeles“ beginnt das Album ruhig, Linnell croont und die Streicher streichen. So könnte der Abend ausklingen, aber wir sind ja erst am Anfang.
„Wu-Tang“ ist ein weiterer Song mit Linnell-Leadgesang, und dieser ist schmissiger als er Eröffnungstrack und erinnert an die frühen Großtaten des Duos. Auf „Sleep’s Older Sister“ übernimmt Flansburgh den Leadgesang, und seine leicht krächzige Stimme passt wunderbar zu dem Stück. „Sleep’s Older Sister“ kommt trotz des schnellen Schlagzeugs anscheinend nicht so recht aus dem Knick und begeistert dadurch umso mehr. Anstatt irgendwann mal orchestral loszudonnern, bleibt der Vortrag eher verhalten und die sehr schöne Melodie kann sich entfalten, ohne unter irgendwelchen Instrumentaldonnerwänden begraben zu werden. Das machen TMBG dafür umso mehr auf „Je n’en ai pas“. Was sie nicht haben, dafür reicht mein Französisch nicht aus, aber hier krachen die Gitarren, der Gesang (hier wieder Linnell) nölt und quäkt, dass es die wahre Freude ist.
„Outside Brain“, ein weiterer Flansburgh-gesungener Track, ist ein in zwei Minuten auf den Punkt gebrachtes Stück zeitlosen Indie-Rocks. Und das macht „The World Is To Dig“ auch irgendwie aus: Alle hier dargebotenen Songs könnten irgendwann zwischen 1986 und heute auf den Markt gekommen sein, und sie klingen dennoch nicht altmodisch oder vintage oder sonst irgendwas, sondern passen super in die Zeit.
„Let’s Fall In Lava“ (ja nee is klar – TMBG fallen nicht einfach in Love, sondern gleich in Lava rein) könnte tatsächlich auch von Elvis Costello sein, Musik und Melodie passen, allein stimmlich könnte hier DP MacManus noch aushelfen – hey, ein gemeinsames Album wäre doch mal eine Idee, oder?
Das Album ist noch nichtmal halb rum und langweilt bisher nicht – wie gesagt, gönnen Sie ihm mehrere Durchläufe, damit es sich entfalten kann (ab in den Dekanter mit der CD, so ein Tonträger muss atmen!) und wird hinten raus besser und besser. TMBG machen alles so, wie man es von ihnen erwartet – jangeliger Indie-Pop, verspielte Arrangements, vertrackte Melodien, tolle Stimmen, und dann – auf dem neunten Stück des Albums, „Get Down“ – auch richtig bassorientierter Groove mit ebenso groovigen Bläsern – ja geht doch! Das folgende „New Wave Will Never Die“ nimmt Tempo raus, reißt aber dennoch sehr mit, was zum Großteil an Flansburghs hammermäßigem Gesang liegt, anschließend folgt mit „Overnight Sensation (Hit Record)“ ein Eric-Carmen bzw. Raspberries-Cover und man meint, dass es TMBG bestimmt schon seit den 1970ern geben muss, so authentisch nach 1974 klingen sie hier, vor allem gesangstechnisch.
„Character Flaw“ klingt dann wie TMBG in den ausgehenden 80ern oder beginnenden 90ern, hier hören wir zwei Herren im besten Alter, die so unbeschwert aufspielen wie in ihren späten 20ern. Und im Grunde genommen geht es so weiter: They Might Be Giants strotzen vor jugendlicher Spielfreude, vermischen Indie-Pop und Indie-Rock mit Psychedelik, Soul und Swing, aber irgendwie ist das alles immer auch irgendwie nerdig und leicht bekloppt. „Fully lost albatross in the moss-covered inkling, mindfulship slowly sinking“, wie es Linnell in „What You Get“ ausdrückt. Kein Song ist länger als dreieinhalb Minuten, eine wunderschöne Melodie jagt den anderen verrückten Einfall – wer sich einen guten Eindruck von „The World Is To Dig“ verschaffen will, startet mit dem letzten Song, „They Might Be Feral“, und hört sich anschließend von Anfang bis Ende durch das Werk hindurch – das lohnt sich und macht Freude.
