The Notwist – News From Planet Zombie – Morr Music 2026

Von Matthias Bosenick (02.04.2026)

Wer sich auf The Notwist aus Weilheim einlässt, begibt sich seit 37 Jahren mit jedem neuen Album auf eine Reise ins Ungewisse, die aber garantiert gut ausgeht: Für „News From Planet Zombie“ veränderte die Mehr-als-nur-Indierockband die Ausgangsvoraussetzungen bei der Aufnahme, indem die Band das Album mit Gästen live einspielte, und zwar nicht in einem Studio, sondern an einem Kulturort in München, dem Import Export. Nicht nur damit knüpft dieses Album an den ersten großen Hit „12“ von vor 31 Jahren an: Es fällt außerdem weit weniger elektronisch aus als die Alben dazwischen, sondern hat wieder den warmen Sound des Handgemachten.

Diese schönen versunkenen passiven Gesänge von Gitarrist Markus Acher fallen sofort ins Ohr und treffen Herz und Seele. Man muss nicht singen können, um gut singen zu können, denn gut liegt im Ohr der Hörenden, Acher hat Charakter, Ausdruck, Identität, das muss so, jede Castingshowcrew hätte sich angewidert abgewandt und ihrem Publikum falsche Annahmen von Kunst vermittelt, nehmt dies, Perfektionistenpack, die Qualität liegt nicht im makellosen Können, sondern in der Inspiration, und hier finden stapelweise Musizierende zusammen, die inspiriert sind, beseelt, berauscht, und zusätzlich können sie auch etwas, nämlich nicht nur ihre Instrumente bedienen, von denen viele nicht mal zum herkömmlichen Rockgeschäft gehören, sondern auch noch überzeugend komponieren, arrangieren und umsetzen, was so ihm kollektiven Geist der Band mit Anhang vorgeht. Jede Ungenauigkeit ist da nur ein weiterer Beleg für das organische Leben, das hier pulsiert, und nicht etwa für mangelnde Fähigkeiten.

Von wegen „Teeth“, The Notwist zeigen erstmal gar nicht ihre Zähne: Der Opener beginnt sanft, hypnotisch, mit punktierten Bläsern und weiblichem Begleitgesang, das Stück steigert sich in Trance und mit ihm die Hörerschaft. Man nimmt wahr, dass die Musik trotz Synthies weniger elektronisch durchsetzt ist wie auf den zahlreichen Alben davor, und liegt damit richtig. Denn die Rumpfband um Gitarre, Bass, Schlagzeug geht hier eine Gemeinschaft ein mit allerlei warmen Blas-, Schlag- und Tasteninstrumenten. Damit gerät die Musik hier weniger zu Rockmusik, als sie es noch auf „12“ war, was sich auch darauf auswirkt, dass die Songs hier nicht so zwingend erscheinen wie damals; sie haben andere Qualitäten, andere Wirkungen.

Das folgende „X-Ray“ straft den Eindruck, es nicht mit Rockmusik zu tun zu haben, sofort Lügen: Hier treffen die alten The Wedding Present auf einen Sixities-Garagerock und entzünden Energie, abschließend gar Noise. Doch bleibt es dabei, der schnöde Rock ist das Anliegen hier nicht, der „Propeller“ dreht sich um einen beschleunigten Country-Rhythmus, in den ein verträumtes Klavier einstimmt, „Red Sun“ hat den Stoßatem der Strophen von „Johnny And Mary“, generiert mit welchem Instrument auch immer, Harmonium oder so, und erst „The Turning“ zieht das Tempo wieder an, der Gesang wird zweistimmig, die Musik ist gleichzeitig schnell und träumerisch, zuletzt wieder rauschend.

Noch einmal wird die Band auf der B-Seite schneller, und zwar in „Silver Lines“, das vom Tempo her an die ursprüngliche Hardcore-Zeit der Band erinnert, indes nicht, was die Intensität betrifft, auch wenn das Stück zum Ende wieder zulegt. Der Rest des Albums vergeht entschleunigt; die Gesangsmelodie von „Who We Used To Be“ hätte auch auf „Neon Golden“ gepasst, vorgetragen hier indes zu Akustikgitarre und wunderschönem Klavier. „How The Story Ends“ steigert die Intensität wieder etwas und setzt eine Orgel ein. Das Album fadet brüchig und melancholisch aus.

Neben Markus und Bruder Michael Acher gehören offenbar Theresa Loibl, Cico Beck, Max Punktezahl, Karl Ivar Refseth und Andi Haberl zur Stammbesetzung. Schon diese sieben breiten ein üppiges Instrumentarium vor sich aus: Bass, Bassklarinette, Piano, Harmonium, Orgel, Sousaphon, Euphonium, Trompete, Keyboards, Gitarre, Marimbaphon, Vibraphon, Glockenspiel, Congas, Percussion, Dulcimer, Schlagzeug. Unter anderem. Und nicht eben typisch Rock’n’Roll. Reicht aber nicht: Enid Valu ist die zweite Stimme, Haruka Yoshizawa spielt unter anderem das Keyboard Taishōgoto, Tianping Christoph Xiao die Klarinette und Mathias Götz die Posaune. Noch weniger Rock’n’Roll. Von Hardcore ganz zu schweigen.

Titel, Cover und Texte sind inspiriert von Horrorfilmen, denen sich die Band aussetzte, um den realen Horror gespiegelt zu bekommen. Manche Vinylvarianten sind wundervoll farbig, ein schöner Gegenentwurf zu einem Leben auf dem Zombieplaneten.