Von Matthias Bosenick (31.3.2026)
Spanisch für Anfänger: Nach „Dos“ kommt „Quatre“, klar! Aber nur, weil das kontinenteübergreifende Experimentalduo Glimmen zwischenzeitig mit dem anderen Experimentalduo Drazek Fuscaldo zusammenarbeitete. Ein Duo indes waren Glimmen lediglich auf dem selbstbetitelten Debüt, für „Quatre“ erweitern sie das Personal nochmal – und erzeugen mit jazzigem Instrumentarium Drones mit Unrhythmen, die ihre Hörerschaft in unterschiedliche Stimmungen versetzen. Ein ergreifender Rausch.
Nicht selten auf diesem Album fällt es schwer, die Sounds einem konkreten Instrument zuzuordnen. Insbesondere, da die Info andere Instrumente auflistet, als man zu hören meint. Jason Wietlispach, der Glimmen mit Schlagzeuger Jörg A. Schneider vor vier Jahren aus der Taufe hob, ist hier mit „Kitchen sink“ gelistet. Möglicherweise erzeugt er ja auf dem Siphon eines Küchenspülenabflusses die Sounds, die hier nach Saxophon oder Oboe oder so etwas klingen, denn Blasinstrumente tauchen in der Liste gar nicht auf. Dafür aber stapelweise Leute aus dem Umfeld von Soutrane Records, die bereits an „Dos“ beteiligt waren, nämlich Vibraphonist Dr. Mark Mantel, Gitarrist Chet Garrett, Kontrabassist David Gelting und Soundmanipulator John McCoy; ein Jazz-Besteck mithin. Als größte Überraschung spielt hier zusätzlich jemand das Piano, und zwar Yvonne Nussbaum, was mit Schneider also zwei Drittel von Les Hommes Qui Wear Espandrillos ausmacht. Die ja nun vollkommen anders klangen als Glimmen.
Die beginnen das Album warm. „Jenseits von Jena“ lautet der Titel des ersten Tracks, und bis auf zwei Ausnahmen tragen alle der sieben Tracks deutschsprachige Titel, was angesichts der nichtdeutschsprachigen Mehrheit der Beteiligten verwundert und angesichts der schrägen Titel auch erheitert. „Jenseits von Jena“ ist dafür nur ein Vorgeschmack. Auch musikalisch: Ist das nun ein warmes Saxophon, mit dem Glimmen die Hörerschaft empfangen? In den traumhaften Rausch der ersten Sounds in diesem watteweichen Empfangsbereich bettet sich das verträumte Piano tupfend ein, man schmilzt dahin.
Doch der „Clown-Präparator“ richtet sich auf wie eine Wand, das Stück ist spröder, das Schlagzeug klackernder, die Sounds sind gruselig und abgedreht, mit einem Chor-artigen Hintergrund, abstrusen Samples und angeschrägten Tönen, die wie Ambient erscheinen. Schneider dreht bald ab, während die anderen noch chillen. „Die Hölle kann warten“ beginnt mit etwas, das klingt wie ein Streichinstrument mit einer orientalisch empfundenen Melodieführung. Das Schlagzeug klackt da hinein, dazu ein punktiertes Vibraphon, abermals begleitet von Ambient und Soundscapes, dazu ein verträumter Bass, und sobald die Drones anschwellen, ein quäkendes Saxophon. Das bestimmt auch „Prince Prairie“, abermals mit der Wärme des Openers, nur dass das Schlagzeug dazu ausgelassener kreist.
Die „Feldaufnahme einer Flamme“ auf der B-Seite bietet ein völlig anderes Empfinden: Es ist düster, hat gruselig dräuende Sounds, eine völlig andere Atmosphäre. Dann setzen ein wiederum quäkendes Saxophon und ein rauschendes Schlagzeug ein, die Drones und Soundscapes steigern sich bedrohlich, und als hätte das Saxophon damit dann doch nichts mehr zu tun, lässt es durch das Rauschen eine dezente liebliche Melodie erklingen, wie die Erinnerung an schönere Tage, während die Katastrophe einen überrollt – und zusehends katastrophaler wird.
Zurück zur Wärme kehren die „Joyless Biscuits“, mit dem Saxophon, das wie im ersten Track das Kuscheln zulässt, mit Drones dazu und einem Schlagzeug, das sich im Hintergrund hält. Das Stück endet mit einem Sound, der nach E-Gitarre klingt. Anders noch als in „Mordbider Abgesang“, dem – wie man sich denken kann – letzten Track, da klimpert die Gitarre mit Echoeffekt freundlich herum. Ein tiefes Blasinstrument stimmt ein, das Schlagzeug klackt sanft, eine Welle erhebt sich, rauscht langsam an, reißt einiges mit, noch nicht ganz alles, aber sie endet nicht, zieht sich nicht zurück, dauert an, wie eine Flut, die sich nicht als zerstörerisch zu erkennen geben will, aber ihre Kraft voll auslebt. Fürwahr, ein morbider Abgesang.
Das Vinyl kommt im Doppel-Klappcover mit umfassender Plastikschutzhülle und einer Postkarte und sieht damit so ungewöhnlich aus, wie es die Musik darauf ist.
