CBGB: A New York City Soundtrack 1975-1986 – Cherry Red 2026

Von Matthias Bosenick (11.03.2026)

Hier ist alles drin, außer Country, Blue Grass, Blues oder Unfug, und auch fast alle Bands und Musizierenden, an die man beim Schlagwort CBGB sofort denkt: Patti Smith, Ramones, Blondie, Television, Talking Heads, Suicide, James Chance, Richard Hell & The Voidoids, dazu viele, mit denen man vielleicht nicht rechnete, wie Ritual Tension, Minor Threat, The Lounge Lizards, Bad Brains, The Cramps, Beastie Boys, Sonic Youth, Mink DeVille, und stapelweise Musik, die man vermutlich noch nie gehört hat – und das von unterschiedlicher Anmutung, aber mit enormem historischen Wert und irgendwo zwischen Punkrock, Psychedelic, Hardcore, Garage, No Wave, Pop, Noiserock, Vaudeville, Rock’n’Roll, Experiment und, naja: Blues eben auch. 101 Songs auf vier CDs, einige nie zuvor auf CD erhältlich, einige gänzlich unveröffentlicht. Eine Fund-, eine Goldgrube.

Bowery 315, zunächst „Hilly’s On The Bowery“, bis jener Hilly Kristal seinen Laden 1973 umbenannte in CBGB & UMFUG und statt der genannten Spielarten Country, Blue Grass und Blues die New Yorker Subkultur auf seine bald weltberühmte Bühne ließ, mit der Auflage, sie hätten stets Eigenkompositionen zu spielen. Damit initiierte er den großen Urknall des US-Punk, der enormst fassettenreich war. Unter den 101 Songs sind einige, die den Blues noch deutlich in sich tragen, etwa „Fuck Off“ von The Electric Chairs, zumindest anfangs. „Call Me“ von, nein: nicht Blondie, sondern The Hounds ist noch reichlich klassischer Rock’n’Roll, und auch den Classic Rock hört man mal, die Kuhglocke läutet, ebenso den Harmoniegesang wie bei den Beach Boys, Psychedelisches wie von den Byrds, sonnigen Surf-Twang oder gar Off-Beats. Entsprechend ist das klassische Rock’n’Roll-Instrumentarium oftmals erweitert um Piano, Saxophon, Mundharmonika, Marimba – oder auch Synthies.

Suicide sind hier mit „Ghost Rider“ vertreten, und deren Synthie-Punkrock stieß seinerzeit sogar im CBGB auf Widerstand. Jeff & Jane Hudson bringen sich hier via „Operating Instruction“ mit Industrial oder Minimal Electronics ein. Mit „Transformation“ steuert Nona Hendryx sogar Synthie-Soul-Pop bei. Doch die Genre-Skala reicht noch weiter: Die Urban Verbs stellen die „Next Question“ nach dunklem Wave-Rock. Schön schräg wird es mit „Lovin‘ In The Red“ von den Theoretical Girls, die eine Ahnung der No Wave von „No New York“ einfügen, zusätzlich zu deren bekanntesten Vertretern James Chance & The Contortions, deren „Jailhouse Rock“ sogar als Mitschnitt aus dem CBGB enthalten ist. Jazz-Artiges kommt mit „So The Wrong Thing“ von The Lounge Lizards, mit Jim Jarmuschs Kumpel John Lurie.

Genau, atonal und schräg erwartet man von dieser Sammlung, und da findet sich gottlob einiges. Noch mehr erwartet man natürlich den Punkrock, dessen US-Keimzelle zu sein man dem CBGB nachsagt, und da wird man selbstredend ebenfalls bedient; manche Stücke erinnern stark an den Protopunk der MC5 und der Stooges. Inklusive Nachfolge-Genres wie Postpunk oder gar Hardcore – mit dem programmatischen Klassiker „Straight Edge“ liefern Minor Threat die ersten 47 Sekunden jenes Genres in dieser Sammlung. Mehr Punkrock gibt’s etwa von den späteren Hip-Hop-Helden Beastie Boys: Das Intro zu deren „Egg Raid On Mojo“ lieferte ohrenscheinlich später den Young Gods die Grundlage für deren Version von „Mackie Messer“. Kurz vor Schluss deuten Ritual Tension dann schon mal an, wohin die Reise mit der Kombination aus Noiserock und Industrial so gehen könnte.

Ach, es gibt ja so viel zu entdecken! Ein schöner Ohrwurm ist etwa „You Really Piss Me Off“ von The Senders, als eines von unzähligen Unbekannten, die man sich merken wird. Ebenso schön ist es, Bekanntes in diesem Kontext neu zu bewerten und festzustellen, dass etwa „Free Money“ von Patti Smith als Teil dieser Sammlung ebenso gut funktioniert wie im Fluss ihres Debütalbums. Dabei fällt außerdem auf, dass erfreulich viele Frauenstimmen zu hören sind, und trotzdem singen Milk ‘N‘ Cookies berechtigterweise „Not Enough Girls (In The World)“. Als nächster Gedanke folgt, welche Lücken diese 101 Songs lassen, Lydia Lunch fehlt lautstark, die New York Dolls kaum leiser, The Feelies ebenso. Aber nicht schlimm.

Erstaunlich ist überdies, wie harmlos manche der damals als revolutionär erachteten Songs aus heutiger Sicht klingen können. Bisweilen ist es ein räudiger Gesang, der den Unterschied macht, gelegentlich ein spezieller Rhythmus oder eine leicht eigenwilligere Komposition. Verzerrte Gitarren und dreckiger Lärm bleiben nicht selten aus. Doch schlechter sind die Songs deshalb ja nicht.

Vier Stunden Geschichte am Stück hatte man zu Schulzeiten ungern, diese sitzt man bereitwillig ab. Auch wenn man nie dort war, weiß man schon vieles über das CBGB, CBGB’s, CBGB & OMFUG, vulgo: Other Music For Uplifting Gourmandizers, oder wie auch immer man es nannte. Die Toiletten sind Legende, aber eine wahre. Die Eigenschaft als Stil- oder Karrierebooster belegt diese Compilation, die steht außer Frage. Nun: 2006 schloss Hilly die Türen des CBGB letztmalig, weil die Miete sich verdreifachte, und starb im Jahr darauf. Das letzte Konzert dort gaben Patti Smith und ihr Gitarrist Lenny Kaye, der mit The Lone Wolves den Song „Child Bride“ auf diese Sammlung bringt. Nur ein Jahr nach Hillys Tod zog ein Herrenausstatter in die Räume ein: John Varvatos macht da jetzt auf schick und edel. Die Toiletten dürften nun sauberer sein. Aber auch langweiliger.