Von Guido Dörheide (03.02.2026)
Ze German Ümläüt ist echt klasse, nur mitgesprochen wird er nie. Außer bei Hüsker Dü (Hey Matze – remember the Hüsker-Dü-Schüle?) und vielleicht noch bei Mötley Crüe, die wir früher immer „Hüsker Dü“ und „Mötlie Krüh“ ausgesprochen haben. „Moteur-Head“ hat hingegen niemand gesagt, Motörhead waren immer Motorhead. Wie A Moder Hätt. And we play Rock’n’Roll.
Gleich zu Anfang der vorliegenden Aufnahme werden die live auftretenden Interpreten mit „Ladies and Gentlemen – Husker Du!!!“ angekündigt, also hier nix hier mit Umlaut und so. Hüsker Dü stammten aus dem derzeit sehr in der Presse seienden Minneapolis, Minnesota, USA – wobei Schlagzeuger Grant Hart gebürtig aus St. Paul („I met her accidentally in St. Paul, Minnesota“, wie schon J.R. Cash in „Big River“ sang), also der Zwillingsstadt von Minneapolis, das mit St. Paul zusammen die „Twin Cities“ bildet, stammte. Also Husker Du aus Minneapolis/St. Paul. Bevor ich mich über das auslasse, was es auf „1985: The Miracle Year“ zu hören gibt, folgt hier erstmal der Geschichtsstunde zweiter Teil:
Hüsker Dü ist eine der Bands, die – ebenso wie Rush, ZZ Top, Minutemen oder The Police (ja, auch Trio könnten wir hier mit reinnehmen), von Anfang bis Ende ihres Bestehens aus den selben drei Musikanten bestanden haben. Im Fall von Hüsker Dü sind das Bob Mould (Gesang und Gitarre), Grant Hart (Gesang und Schlagzeug) und Greg Norton (Bass). Mould und Norton haben sich nach anfänglicher Dominanz von Mould die Songeschreiberei geteilt und jeder der beiden hat auch immer das, was er geschrieben hat, selber gesungen. Das führte dazu, dass nach anfänglichen Endless-Geknüppel-und-Gebrüll-Alben auf den wichtigen Hüsker-Dü-Alben immer eine schöne Ambivalenz zwischen harten und gebrüllten Mould-Songs und eher melodischen, ein klein wenig sanfter gesungenen und dennoch schön harten Hart-Songs bestand. Auf „Zen Arcade“, dem wegweisend/bahnbrechenden Doppelalbum aus dem Jahr 1984, war mit „Never Talking To You Again“ sogar ein schmissiger Song vertreten, auf dem Hart – nur mit einer Akustikgitarre bekleidet (in Thüringen und Sachsen dürfte man mich jetzt verstehen) – davon singt, wie Scheiße er jemanden findet. Seit immer schon mein Lieblings-Hüsker-Dü-Song. Doch sowas war bei Hüsker Dü die absolute Ausnahme, zwar gab es in späteren Jahren tolle nicht-ganz-so-krachige Songs aus der Feder von Grant Hart, doch das, was uns in Erinnerung bleibt, ist Krach – sägende Gitarre, ein brüllender Bob Mould, ein wahnsinnig schnell spielender Grant Hart am Schlagzeug, der immer so klingt, als würde er sich verstolpern wie weiland meine kleine Tochter auf dem Rasen des Kindergartens der St.-Thomas-Kirche zu Volkmarode, aber im Gegensatz zu Greta damals schlug Hart (zumindest bis kurz vor Ende der Band, wo er es substanzenbedingt nicht mehr so gut hinbekam, aufrecht hinter dem Schlagzeg sitzen zu bleiben) nie lang hin und blieb immer im Takt.
Hüsker Dü war – soweit ich mich erinnere – die erste Band des legendären, vom Black-Flag-Gitarristen Greg Ginn gegründeten und geführten SST-Labels, die einen Major-Plattenvertrag abschließen konnte, und zwar bei Warner Bros. Dort veröffentlichen sie die sehr hervorragenden Alben „Candy Apple Grey“ und „Warehouse: Songs And Stories“ (wieder einmal mehr ein Doppelalbum), anschließend brachen sie – unter anderem aufgrund Harts Heroinsucht und der ständigen Zerstrittenheit Harts und Moulds – auseinander. Der Rest ist Geschichtsstunde: Mould veröffentlichte zwei Soloalben, machte dann mit Sugar kurzzeitig Geschichte und ist seitdem mit immer wundervollen Soloalben dauerhaft präsent, Hart gründete Nova Mob und veröffentlichte zwei großartige Alben mit ihnen und veröffentlichte danach auch noch einige wunderbare Soloalben. Vor allem in Erinnerung ist mir seine EP „2541“ aus dem Jahr 1988, auf dessen Titelstück er eine Hausnummer der Nicollet Avenue in Minneapolis besingt, in der die Plattenfirma Twin/Tone Records ihr Domizil hatte. Greg Norton wurde Koch und gründete zusammen mit seiner Frau das „Norton’s Restaurant“ in Red Wing, Minnesota, das es inzwischen leider nicht mehr gibt. Seit 2006 ist er wieder in verschiedenen Bands musikalisch aktiv.
So, und nun zur aktuellen Veröffentlichung: „1985: The Miracle Year“ enthält auf einer Länge von zwei Stunden und zehn Minuten das komplette Konzert vom 30. Januar 1985 aus dem First Avenue in Minneapolis sowie 20 weitere Live-Aufnahmen aus verschiedenen Orten. Die erste Stunde – also das komplette First-Ave-Konzert – ist hier eindeutig das Highlight, die Zuhörenden erleben hier eine Band auf dem Zenit ihres Schaffens (eigentlich ihres Auftretens, der Zenit des Schaffens wurde auch danach noch weiter ausgearbeitet) in bestechender Tonqualität, die weiteren Aufnahmen sind toll, klingen aber nicht so brillant, weshalb ich mich hier mit meinen weiteren Einlassungen auf das First-Ave-Konzert beschränke. Mit 23 Stücken in nur einer knappen Stunde bietet dieses Konzert aber auch alles, was es an Hüsker Dü zu lieben und zu verehren gibt.
1985 war ein besonderes Jahr für Hüsker Dü: Nach dem 1982 veröffentlichten Album „Land Speed Record“, das gefühlt 200 Songs in nur wenigen Minuten Spielzeit enthielt und dennoch deutlich machte, dass sich hier gerade etwas ganz Besonderes abspielte, und den Studio-Alben „Everything Falls Apart“ (1983) und den oben erwähnten ebenfalls ganz besonderem Doppelalbum „Zen Arcade“ veröffentlichte die Band im Januar 1985 „New Day Rising“, mein Lieblings-Hüsker-Dü-Album. Und um die Zeit dieser Veröffentlichung fand dann das First-Ave-Konzert statt. Anschließen wurde in 1985 noch „Flip Your Wig“ veröffentlicht, ein Album, das weniger brachial als die vorherigen klang, mit ausgefeiltem Songwriting und der kongenialen Abwechslung Moulds und Harts am Songrwriting und am Leadgesang die Weichen für die beiden folgenden Major-Veröffentlichungen stellte, aber dieses Live-Dokument umfasst eben nur alles bis „New Day Rising“ und stellt damit ein einzigartiges Dokument dar, das allen jenen, die Hüsker Dü bisher nicht kennen oder sie (wie der Autor dieser Zeilen) erst mit einem ihrer letzten Werke kennengelernt haben, vor Augen führt, was den besonderen Zauber des Trios aus Minneapolis ausmachte und was ihren herausgehobenen Platz in der Geschichte der härteren Postpunkmusik, wie wir sie kennen, ausmacht.
Mit „New Day Rising“ beginnen Hüsker Dü das Set mit einem ihrer ikonischsten Songs: Das Titelstück des großartigen „New Day Rising“-Albums lebt vom stakkatohaft knüppelnden Schlagzeug Grant Harts und dem wild schreienden Gesang Bob Moulds, der immer wieder nur die einzige Zeile „New Day Rising“ wiederholt. Liebe Hörenden, das bitte mal mit Kopfhörer anhören – am Ende fühlt man sich durchgeschüttelt und erfrischt. „It’s Not Funny Anymore“ ist dann ein typisches frühes Grant-Hart-Stück, deutlich melodiöser als von Mould, aber da es von der 1983er EP „Metal Circus“ stammt, hat auch Hart damals gerne noch mehr geschrien als gesungen. Danach wieder Mould mit „Everything Falls Apart“, ebenfalls aus dem Jahr 1983, vom ersten richtigen Album der Band.
Bis hierher haben die Hörenden schon einen guten Eindruck vom frühen Schaffen Hüsker Düs bekommen, und auch und vor allem die vorantreibende Dynamik eines Hüsker-Dü-Konzerts wird auf diesem Tondokument gut transportiert. Alles passt mit allem zusammen, es gibt keine Durchhänger, die Dramaturgie des Auftritts überzeugt und wirkt trotzdem an keiner Stelle so, als wäre hier irgendetwas inszeniert und werweißwie durchdacht, es klingt rauh und roh und dennoch irgendwie perfekt. Und es folgt Hit auf Hit, bei Hüsker Dü klang nie ein Song wie der andere, alle Songs haben einen hohen Wiedererkennungswert.
Natürlich sind es in erster Linie Mould und Hart, die den Hüsker-Dü-Sound ausmachen, logisch, weil sie sich ja den ganzen Kram ausgedacht und gesungen haben. Aber ohne den schnurrbärtigen Greg Norton wäre dieser Sound nur höchstens halb so gut: Gehen Sie, liebe Hörenden, bitte mal bei und platzieren Sie den Tonabnehmer auf „Terms Of Psychic Warfare“. Na? Hm? Häh? Ist das ein Bass von hohem Wiedererkennungswert? Bei Gott, das ist er.
Mit „Every Everything“, „Makes No Sense At All“, „Hate Paper Doll“, „Green Eyes“ und „Divide And Conquer“ enthält die Konzertaufnahme auch fünf Stücke vom erst im Oktober 1985 erscheinenden Album „Flip Your Wig“, und gegen Ende des Konzerts werden dann noch ausgiebig die Beatles gecovert (die einen sehr wichtigen Einfluss auf das Songwriting von Hüsker Dü darstellen – Hüsker Dü sind quasi sowas wie die Beatles des 80er-Jahre-Hardcore). Vor allem die Hüsker-Dü-Version von „Helter Skelter“ weiß hier zu überzeugen. War das Original damals ohnehin schon eines der härtesten Musikstücke überhaupt, legen Mould, Hart und Norton hier noch eine ordentliche Schüppe on Top obendrauf und ergehen sich ab Minute 1:30 in einer ausgiebigen und ausufernden Krach-Orgie, die dann schließlich einer ebenso krachigen Version von „Ticket To Ride“ mündet. Großartig. Und als letztes Stück des Konzerts bringen Hüsker Dü dann noch „Love Is All Around“ von Sunny Curtis, das Titelstück der Mary-Tyler-Moore-Show. Echt wirklich ganz groß.
Die weiteren Aufnahmen aus späteren Konzerten aus 1985 sind dann wie schon gesagt soundtechnisch leider nicht so großartig wie die des First-Ave-Konzerts, lohnen sich aber dennoch zu hören. Hier tragen Hüsker Dü schon die Hälfte des erst 1986 veröffentlichtem Album „Candy Apple Grey“ – der ersten Warner-Veröffentlichung – vor, und während das Album dann typisch Major-Label-mäßig sehr angenehm und teilweise zu glatt produziert (Hey! Dennoch ist „Candy Apple Gey“ ein Jahrhundertwerk und das darauf folgende „Warehouse“ erst recht) klang, bekommen wir die Songs hier roh und nach 1985 klingend geboten.
1985 war definitiv DAS Jahr für Hüsker Dü. Und was mag ich vor allem an dieser Band?
Every Heartbeat, every movement, every moment, every sigh – every everything.
