Dirk Serries – Infinite And Unbound/Zonal Disturbances III – Projekt Records/Zoharum Records 2026/2025

Von Matthias Bosenick (21.01.2026)

Wir mussten ja jetzt tatsächlich mal einige Momente ohne neue Musik des Antwerpener Gitarrenwunders Dirk Serries auskommen, dafür tritt er zum Jahreswechsel mit gleich zwei neuen Alben auf den Plan. Die Versuchsanordnung auf beiden Alben ist ähnlich: Der Mann allein mit einer nicht als solche erkennbaren E-Gitarre und Effektgeräten, Ambient und Drones aufgenommen in Echtzeit. „Infinite And Unbound“ ist ein exklusives Download-Album für Projekt Records, „Zonal Disturbances III“ ist das Filetstück der auf fünf Teile ausgelegten Reihe bei Zoharum Records und auch als CD erhältlich. Zum Abtauchen schön entspannend das erste, zusätzlich herausfordernd brummig das zweite Album.

Serries kann ja alle Arten von Ambient, für „Infinite And Unbound“ verlegt er sich auf den herzerwärmend schönen. Fünf Tracks in 65 Minuten, die alle fließend ineinander übergehen und mit dieser technischen Betrachtung auch die Musik schon im Ansatz beschreiben: alles fließt. Dabei gar nicht so gemächlich, wie man erwarten würde: Serries variiert die Tonhöhen recht zügig, lässt sie umeinander schweben, aber nicht etwa rhythmisch, eher wie verliebte Geistwesen aus einer anderen Dimension, mythische fernöstliche unendlich lange Drachen etwa, die im pastellstrahlenden Licht einander vorsichtig umgarnen, bezirzen, auf sich aufmerksam machen wollen, und deren transzendente, transparente Körper kein sichtbares Ende haben, sondern einfach ausfaden, mit dem Hintergrund eins werden, also wahrhaftig unendlich und unbegrenzt sind.

Die Töne, also die Farben, die Serries verwendet, sind hell, strahlend, nicht blendend, und sie verbreiten eine positive Stimmung, nicht hymnisch-jubilierend, vielmehr umarmend. Er hält diese sonischen Bilder zudem frei von Störungen, Untiefen, Riffen, also Riffs, und konzentriert sich voll darauf, sich nicht zu konzentrieren, nämlich alles auszuschalten und die Emotionen aus sich herausfließen zu lassen. Passenderweise nennt Serries den dritten von fünf Tracks „Ocean Became Light“ und umschreibt damit den Sound sehr treffend. Eine Gitarre übrigens hört man hier nicht heraus, überhaupt könnte man sich nur schwer festlegen, mit welchen Mitteln Serrries diese Töne generierte, hätte man nicht bereits einige Ambient-Drone-Hörerfahrungen gemacht und eine entsprechende Ahnung. Serries fasst dieses Album als Teil seiner Reihe „Streams Of Consciousness“ auf.

Einer weiteren Reihe gehört „Zonal Disturbances III“ an. Hier ist die Grundanordnung ähnlich, also Serries allein mit E-Gitarre und Effektgeräten, aber das Ergebnis weicht sehr von „Infinite And Unbound“ ab. Hier sind die Sounds harscher, noisiger, droniger, rauher, krasser. Und nicht nur das, hier errichtet Serries Untiefen im ohnehin eher unruhigen Fluss, es kratzt, knirscht, schabt, dröhnt, bratzt, brummt, und da wird es noch unfassbarer, dass er auch diese Sounds auf der E-Gitarre erzeugte.

Hier ist die Stimmung aufgewühlt, aufgekratzt, wie in einer Erwartungshaltung, die sich über eine Stunde lang aufbaut und vorsichtshalber doch nicht entlädt. Rhythmen gibt es weiterhin keine, es bleibt eine rein atmosphärische Erfahrung, nur dass diese Atmosphäre hier etwas herausfordernder ist. Dennoch bietet auch dieses Album zwischenzeitig Momente der Kontemplation, doch muss man darauf gefasst sein, dass noisigere Sounds diese schon bald unterbrechen. Oder besser: bereichern. Die vier Titel „41PMX9SQ“, „TYJ45MP9“, „YFZ87PRN“ und „KLQ89VX6“ lassen eher auf abstrakte Electromusik aus dem Hause Warp schließen, doch erfüllen die „Zonal Disturbances“ hier allenfalls den Aspekt abstrakt. Serries‘ Kunst erringt hier ein Krönchen dadurch, dass er auch diese vergleichsweise unbequemen Tracks grundsätzlich harmonisch hinbekommt.