Von Matthias Bosenick (20.01.2026)
Nach „Mini“ kommt „Maxi“, was hier doppelt zutrifft: The Wedding Present veröffentlichen ihre neuesten sechs Songs als 10“. Nach dem Mammutwerk „24 Songs“ sei es den englischen Indierock-Veteranen gegönnt, sich zu reduzieren – eine tolle Platte ist es ja trotzdem geworden. Quasi das Geschenk zum 40. Geburtstag der Band, aus deren Gründungszeit längst nur noch George Best, äh: Sänger und Gitarrist David Gedge übrig ist. Den Spirit, der The Wedding Present ausmacht, bleibt aber in jeder Besetzung erhalten.
Die ersten fast sieben Minuten gehören „Scream, If You Want To Go Faster“, und man muss schon fünf Minuten lang schreien, bis die Band ihr Versprechen einlöst: Als chillige melancholische Indierock-Ballade beginnt das Lied, und man denkt schon an Alterswerk, als die Band dann doch noch mal anzieht und losrockt. Auf zum „Grand Prix“, der genau so klingt, als wäre er 1996 auf „Mini“ erschienen: Midtempo-Fuzzrock, charakteristischer Background-Gesang von der erstmalig hinzugezogenen Session-Sängerin Emilie Geissmar-Wagstaff, eine Melodie zwischen ermunternd und melancholisch, vorgetragen von einem gewohnt grummeligen Gedge. Beinahe im Punk-Tempo kommen die „Hot Wheels“ daher, die den letzten Verdacht von Alterswerk hinfortwischen. Obschon der Song nach der Hälfte in kontemplatives psychedelisches hymnisches Gothrocken verfällt.
Dagegen beginnt die B-Seite mit einem fröhlichen Uptempo-Indiepopsong: „Two For The Road“ empfähle sich mit dem zweistimmigen Refrain und der guten Laune in der üblichen Melancholie als Radiosong, wäre das Radio noch für so etwas offen. Dieser Song ist strukturell eine Spiegelung von „Hot Wheels“, denn er nimmt erst zum Schluss flotteste Jangle-Schrammel-Fahrt auf. Mit einem düsteren Marschrhythmus legt „Interceptor“ eine ganz andere Stimmung aus, tatsächlich annähernd Gothic, lässt den Song aber zweimal in etwas übergehen, das man beinahe als Heavy Metal bezeichnen könnte. Der „Silver Shadow“ ist dann eine Walzertakt-Ballade mit zweistimmigem Gesang und der Erinnerung an das typische Schrammeln zwischendurch, dem Markenzeichen von The Wedding Present der früheren Tage.
Neben Sängerin Geissmar-Wagstaff könnte auch Gitarristin Rachael Wood die Gesänge übernommen haben, wie die erstgenannte eine Sessionmusikerin, die Gedge für „Maxi“ dazubuchte. Lediglich temporäre Bandmitglieder sind auch Bassist Paul Blackburn und Schlagzeuger Vincenzo Lammi. Damit ist von der „Mini“-EP von vor 29 Jahren, auf die sich „Maxi“ bezieht, lediglich Gedge ebenfalls beteiligt. Gottlob bekommen die Gekauften den typischen Sound ganz gut hin, obschon die charakteristische Schrammel-Gitarre natürlich mit Peter Solowka verschwand, der seinen Schwerpunkt ab 1991 auf The Ukrainians verlagerte.
Streng betrachtet, gibt es von The Wedding Present lediglich neun Studioalben, das letzte, „Going, Going …“, ist bereits zehn Jahre alt. Nun fungieren diverse Compilations aber als Alben, ausgehend von „Tommy“ 1988 über „Hitparade“ 1992 und 1993 bis zur letzten Veröffentlichung „24 Songs“ 2023, die zwölf 2022 monatlich erschienene Singles mit B-Seiten kompiliert. EPs und Non-Album-Singles sowie Sesssions, Livealben und weiß der Geier was noch gibt’s obendrauf. Nun eben eine mehr.
Das Konzept hinter „Mini“ besagte, dass sich die Songs locker um da Thema Fahren drehen sollten, deshalb fand sich auch ein gleichnamiges Auto im Coverdesign wieder. „Maxi“ greift dieses Konzept auf. In den USA hatte die „Mini“-CD drei Songs mehr, noch gibt es keine erweiterte Fassung von „Maxi“. Dafür gibt’s die als CD und 10“ sowie via Bandcamp als rote 12“. Betrachtet man die Besetzung der Band auf „Maxi“, fragt man sich, welche Zukunft sich Gedge für sein Hauptbaby neben Cinerama ausdenkt. Warten wir’s ab.
