New Model Army – Live SO36 – Ear Music 2025

Von Guido Dörheide (03.04.2025)

Im Jahr 1989 ging ich noch in Gifhorn zur Schule und wir fuhren nach Würzburg auf Klassenfahrt. Ich knipste zig Fotos, kaufte mir – weil mir das Cover gefiel und ich nur Gutes über die Band gehört hatte – „Thunder And Consolation“ von New Model Army, machte meine ersten Erfahrungen mit dem Teufel Alkohol und hatte keine schöne Rückfahrt nach Hause.

New Model Army sind aber geblieben. 1990, damals bereits in Wittingen (Ortsteil Lüben) beheimatet, fuhren wir nach dem üblichen wöchenendlichen Aufenthalt in unserer Stammdisko „Exil“ in Bodenteich nach Hause, einer der beiden Brüder meines Schulfreundes Joachim ist gefahren, ich glaube, es war Heini, und aus dem Autoradio ertönte wunderschöne, hymnische, mitreißende Musik. Ich hatte mich damals, durch „Thunder And Consolation“ überzeugt, es mit einer ganz wunderbaren, glaubwürdigen und großartigen Band zu tun zu haben, mit dem fast kompletten Back-Katalog von NMA bevorratet, also mit „Vengeance“, „No Rest For The Wicked“ und „The Ghost Of Cain“, die „Radio Sessions“ hatte ich mir aufgrund der damals allgegenwärtigen Taschengeldbremse gespart. Da sieht man, wo sowas hinführt. Und dann die Heimfahrt mit Heini, und aus dem Autoradio tönte diese wunderschöne, hymnische, mitreißende Musik. Und ich so: „Wassendas?“ oder so. Und Heini so: „Das ist ‚Impurity‘ von Army, ist gerade neu draußen.“ Ich also am nächsten Werktag los und habe mir das Teil gekauft und EGAL, wie groß „51st State“ und die ganze „Ghost Of Cain“ sind, egal „Vengeance“ und egal „No Rest For“ für wen auch immer – „Thunder And Consolation“ und „Impurity“ werden für mich auf Ewig DIE BEIDEN Army-Alben bleiben, die meine Liebe zu dieser Band geformt haben und die niemals von egal was übertroffen werden können.

Und das, obwohl Justin Sullivan und seine wechselnden Mitbandbestreiter auch nach 1990 noch großartige Alben wie z.B. „The Love Of Hopeless Causes“ (1993) und… eigentlich nur noch „The Love Of Hopeless Causes“ gemacht haben, danach trat eine lange Durststrecke ein, die eigentlich erst dadurch durchbrochen wurde, dass ich feststellte, dass Sullivan eigentlich nie weg war und eigentlich nie enttäuscht hat. „Strange Brotherhood“, „Eight“, „Carnival“, „Today Is A Good Day“, „Between Dog And Wolf“, um nur einige zu nennen, waren eventuell langweilende, aber nie schlechte Studioalben, und jedes hatte seine wunderbaren Single-Auskopplungen („Wonderful Way To Go“, um nur eine zu nennen), und manchmal gab es sogar eine kontroversielle Atombombenbauanleitung kostenlos dazu („Here Comes The War“ war das, glaube ich [war es! Matze]).

Zwischen Wein, Blut, Winter und der Nacht der tausend Stimmen entfachte Justin Sullivan noch den einen oder anderen Carnival und so schaffte es der mittlerweile 68Jährige mit dem großartigen nordenglischen Dialekt, immer großartig und immer relevant zu bleiben.

Und immer, wenn man denkt, nach „Sinfonia“ mit dem Sinfonia-Leipzig-Orchester geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Justin Sullivan daher und setzt dem ganzen noch irgendwie ein Husarenstückchen obendrauf:

Neben dem symphonisch veredeltem Auftritt im Berliner Tempodrom 2022 gab es nämlich daneben noch kleinere Konzerte wie zum Beispiel das hier veröffentlichte in der Kreuzberger Kultspielstätte SO36. Und dieses Konzert gibt es nun auf Tonträger zu kaufen, es ist knapp anderthalb Stunden lang, klingt wie eine Indie-Band aus den 80ern, lässt sämtliche Hits der Band aus und macht Laune wie die sprichwörtliche Sau.

Mit „Bittersweet“ vom 1984er Debütalbum „Vengeance“ legen New Model Army gleich superstark los, und der typische NMA-Bass und das donnernde Schlagzeug klingen heute immer noch so, als hätte sich die Besetzung (Justin Sullivan/Stuart Morrow/Robert Heaton) niemals geändert. Dabei ist Sullivan das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Band. Und auch das wichtigste. Sullivans Gitarre und sein Gesang sorgen für das unglaubliche NMA-Moment, dem man sich nicht entziehen kann, aber Michael Dean (Drums), Ceri Monger (Bass) und Dean White (Keyboard, Gitarre) machen seit Jahren bei NMA einen wirklich guten Job und sorgen dafür, dass sich alles anhört, wie es sich gehört: Sullivans Gesang im Vordergrund, aggressive, aber dennoch sehr warm klingende Gitarre, dominanter Bass und trocken ballerndes Schlagzeug.

Mit „Ambition“ (vom 1985er Album „No Rest For The Wicked“) und „Lust For Power“ (vom oben besungenen 1990er „Impurity“) legen Sullivan, Dean, White und Monger dann nach und erst als viertes Stück ertönt etwas Neues, nämlich „Never Arriving“ vom 2019er Album „From Here“. Das neue Stück fügt sich aber schön nahtlos in die Setlist ein, und es hat auch keine andere Wahl, denn danach folgt „A Liberal Education“, auch wieder vom 1984er Debüt. Ein Hammer von einem Song, unvergleichlich dargeboten. Wer den Song noch nicht kennt, dem sei herzlich anempfohlen, den Text zu googeln: Hier wird abgerechnet, mit Eltern, die antiautoritäre Erziehung für sinnvoll erachten, mit Autoritäten, die die Verantwortung einfach eine Ebene weiter nach unten verschieben, einfach mit allen, die es sich allzu leicht machen und dabei diejenigen vors Loch schieben, die sich nicht wehren können, ein Songtext für die Ewigkeit und das musikalisch so umgesetzt, dass man sich weder der Melodie noch der Instrumentierung irgendwie entziehen kann.

Das folgende „1984“, ebenfalls vom Debüt-Album, ist ein absoluter Selbstgänger des Post-Punk, und danach folgt für mich eine der apseluten Sternstunden dieser Live-Darbietung: „Inheritance“ vom 1989er Album „Thunder And Consolation“. Der Song nahm mich schon damals bei meinem ersten Kontakt mit New-Model-Army-Musik sehr gefangen: Er besteht fast nur aus dem die Hörenden urst gefangennehmendem Schlagzeug-Rhythmus und ist eine Abrechnung mit den Eltern des Ich-Erzählers, der sich an zahlreiche Auseinandersetzungen mit diesen erinnert, von denen er hofft, dass sie nicht umsonst gewesen sind, und dennoch endet immer alles mit „Was ich will, und was ich fühle, ist eures, nicht meins.“

Mit „Angry Planet“ erdreisten sich Army dann nochmal, dem Auditorium einen jungen Song (von „Between Wine And Blood, 2014) unterzujubeln, und was für einen, das Ding geht munter nach vorne los und ist wirklich gut, danach kommt „Headlights“ vom tollen 1998er Album „Strange Brotherhood“ und dann hauen Sullivan und Co. ein Feuerwerk an alten Hits raus: „No Rest“ vom 1985er Zweitlingswerk „No Rest For The Wicked“, „Before I Get Old“ von „Impurity“, „The Hunt“ von „The Ghost Of Cain“ (1986). Mit „Western Dream“ ist dann nochmal „The Ghost Of Cain“ vertreten, „Where I Am“ stammt wieder einmal mehr von „From Here“ aus 2019 und mit „Fate“ ist dann endlich mal das 1993er Meisterwerk „The Love Of Hopeless Causes“ vertreten. Dann wieder das Debütalbum mit dem Titelsong „Vengeance“, „Die Trying“ stammt vom 2016er „Winter“, „Poison Street“ ist wieder aus 1986 und mit „Betcha“ beschließt ein Stück des Debüts das Set. Mit „SO36“ liegt nun seit „Raw Melody Men“ (1991) und „Fuck Texas, Sing For Us“ (2008) schon wieder ein NMA-Livealbum ohne „51st State“ vor, und die Band zeigt, dass sie ohne das und sogar ohne „Vagabonds“ sehr in der Lage ist, ein atemberaubendes Set zu bestreiten und sich einen sehr verdienten Platz im Pantheon der wichtigsten Indie-Bands der vergangenen Jahrzehnte zu sichern.

[04.03.2025: Zusatz von Matze: Etwas merkwürdig ist die Verkaufsstrategie. Über die Bandeigene Webseite gab es die Doppel-CD inklusive DVD und einem als exklusiv angekündigten Download-Code für einen weiteren Konzertmitschnitt aus dem SO36, mit 18 komplett anderen Songs in 75 Minuten, also nochmal die gleiche Spielzeit, und da auch – „this one you might know“ – inklusive „51st State“. Dank Brexit-Steuer und DHL-Wucherpauschale kostet diese Version also erheblich viel Geld – und steht dann für 22 Euro in genau der Variante bei Müller im CD-Regal, mit Download-Code. Besten Dank!]