The Claypool Lennon Delirium – South Of Reality – ATO Records 2019

Von Michael „Schepper“ Schaefer (08.03.2019)

Moin,

wie schreibt man eine Rezi, wenn eigentlich schon vorher klar ist, dass wir hier mein persönliches Lieblingsalbum des Jahres vorliegen haben?
All meine Erwartungen wurden sogar noch weit übertroffen.
Mal ehrlich – was soll denn da jetzt noch kommen? Außer vielleicht, die Herren Claypool und Lennon sind noch kreativer als jetzt und legen dieses Jahr noch ein Album nach…

Aber von vorne: Bereits beim genialen Debutalbum haben Les Claypool (Bass, Vocals, etc., kennt man von u.a. „Primus“) und Sean Lennon (Git, Vocals, etc., kennt man von „The Ghost Of A Saber Tooth Tiger“ und von Yoko und John) gezeigt, dass sie prima harmonieren und irre gute Songs zusammen schreiben können.

Beim der nachfolgenden Maxi gab es dafür ‘ne Rutsche gut umgesetzter Coversongs, die ziemlich genau zeigen welchen Einflüssen die beiden so ausgesetzt waren/sind (Pink Floyd/Syd Barrett, King Crimson, The Who/John Entwistle, etc.).

Auf dem neuesten Output haben sich die Enfants Terribles in Claypools Rancho-Relaxo-Studio verschanzt und ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Alle Instrumente wurden von den beiden selbst eingespielt und nur bei einigen Tracks wurde auf die Hilfe eines Schlagzeugers zurückgegriffen (Paulo Baldi).

Das schräge Plattencover lässt bereits auf den nicht minder schrägen Inhalt schließen: Eine Grille (Cricket Chronicles Revisited) starrt auf einen Kompass inmitten einer felsigen Planetenlandschaft mit drei Monden und – wenn man genauer hinguckt – einen Todesstern. Hier und da findet man weitere Andeutungen auf einzelne Songs, so kann man u.a. eine Raketenstartrampe entdecken (Blood And Rockets) und auch einige Edelsteine im Felsboden (Amethyst Realm).

Die beiden Vinylscheiben kommen in augenkrebsförderndem Pink daher, versehen mit einem psychedelischen Mandala als Label in der Mitte.
So müssen coole Schallplatten aussehen!

Aber kommen wir zur Musik. Hier wurden von zwei höchst individuellen Spezialmusikern extrem eigenständige, interessante und wahnwitzige Songs geschrieben, bei denen sich auch nach mehrmaligem Hören immer wieder Neues entdecken lässt.

Eine wilde Mischung aus 60er-Psychedelia, 70er-Progrock, Beatles-Harmonien, Syd-Barrett-Wahnsinn, Zappa-Eskapaden, pinkfloydigen Gitarrensoli, frickeligen Basslinien und Jahrmarktsmelodien machen das Zuhören zu einer reinen Achterbahnfahrt.
In meinem Kopf laufen gleichzeitig alle Tim-Burton-Filme, 50er-Ufo-Streifen und die Muppet Show ab. Das ist wahre Psychedelic…

Song Nummer Eins („Little Fishes“) gibt bereits die grobe Richtung vor und lässt schon erahnen, wo die Reise hingeht. Kinderliedmelodien treffen auf irre Wendungen, coole Tempiwechsel und  halsbrecherische Bassläufe.

„Blood and Rockets“ strotzt nur so mit Beatles-Zitaten, aber wenn das einer darf, dann Sohnemann Sean, der segensreicherweise die Stimme seines Vaters und die Schrägheit seiner Mutter geerbt hat (zum Glück nicht andersrum).
Claypool hingegen kann auch songdienlich und liefert hier eine solide Paule-Basslinie mit schönen Einschüben.
Mit schwurbeligen Mellotronklängen wird hier die Psychedelic der 60er in ein neues Jahrtausend gebeamt. Überhaupt klingt hier nichts verstaubt oder altbacken. Themen werden maximal zitiert und in die völlig eigenständigen Songs integriert.

„South Of Reality“ beginnt mit einem wilden Ritt auf einem wilden Riff, der in einen groovigen Refrain endet und anschließend in unendliche Weiten abdriftet. Ein spaciges Orgelsolo und der typische nasale Claypool-Gesang lassen mich grinsend zurück.

„Boriska“ hingegen ist ganz große Kino. Der orchestrale Auftakt mündet in einen gottgleichen, mit Streichern unterlegten Refrain, der süß wie Honig die Ohren umspült und darin kleben bleibt. Und das tagelang – ich schwöre.
Der knörrige Bass-Sound Claypools hätte einem Geddy Lee (Rush) zur Ehre gereicht und die genialen Wendungen und das indisch angehauchte Gitarrensolo mäandern in das Ungewisse. Nochmal! Mein absoluter Lieblingstrack.

„Easily Charmed By Fools“ wird durch einen typisch aufdringlichen Primus-Bass dominiert, der zeigt, wo die Reise hingeht. Bei den schrägen Gitarrenriffs blitzt hier und da ein Schorse Harrison durch und das Mellotron trifft auf Zerrbass und Lagerfeuergitarre. Unvorhersehbar, ungewöhnlich, geil. Ihr habt doch ‘ne Meise…

„Amethyst Realm“ beginnt höchst mysteriös mit stoischem Bass und unheilschwangerem Gesang von Lennon, der hier mit originellen Gitarrensounds überrascht und ein dermaßen floydiges Gitarrensolo abliefert, dass mich staunend zurück und nochmal auf die Plattenhülle schauen lässt. Tatsächlich: All instruments played by Les Claypool and Sean Lennon. Unglaublich! Unglaublich geil.

„Today‘s Man‘s Hour“ ist ein grooviger, recht kurzer Song, der besticht durch tolle Gitarrensounds mit abgefahrenen Effekten, Primus‘schem Frickelbass und näselndem Claypool. Auch hier lässt sich immer wieder etwas Neues entdecken.
Es gibt unendlich viele Sounds, Effekte, Feinheiten und Parts. Cool.

„Cricket Chronicles Revisited“ schießt den Vogel ab mit indischen Anklängen, Sitar und Singsanggesang à la Harrison. Der sitzt derweil oben auf Wolke sieben und freut sich über dieses liebevolle Zitat. Meine Güte, das muss man gehört haben – allein, was der Bass dazu veranstaltet…

„Like Fleas“ ist der Popsong zum Weltuntergang. Ein zynisches, böses, schräges, von Claypool intoniertes und von Lennon mit Harmoniegesang veredeltes Lied, das den typisch britischen Humor atmet, obwohl die Jungs gar keine Briten sind.
Syd hätte seine Freude gehabt und wir haben sie jetzt.

Fazit: Ein aus der Zeit gefallenes Hammeralbum! Eine Scheibe mit den Vibes von           gestern, für das Hier und Heute und für die Ewigkeit. Hallelujah…
Psychedelisch, proggig, schräg, abgefahren, genial.
Da haben sich zwei absolute Genies gefunden. Bitte mehr davon.
Aber erstmal muss ich dieses wundervolle Doppelalbum verarbeiten…

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