Onyl Lovers Left Alive – Jim Jarmusch – USA 2013

Von Matthias Bosenick (28.12.2013)

Das ist ein echter Jim Jarmusch. Still, aber nicht langweilig, schöne Bilder, kaum Handlung, aber fesselnd, ein großartiger Soundtrack, den es leider nicht als Tonträger gibt, und dazu ist der Film ein Hochgesang auf das Wissen und eine vernichtende Kritik an der Gesellschaft. Dabei fungieren die Vampire gottlob lediglich als Medium, als Träger der Botschaft, und nicht als Möglichkeit des Regisseurs, auf einen Trendzug aufzuspringen und Kohle zu machen – denn „Twilight“-Guckern wird „Onyl Lovers Left Alive“ vermutlich gar nicht gefallen.

Wenn zwei Wesen seit Jahrhunderten auf der Erde leben, erleben sie eine Menge. Als Kontrapunkt zur gegenwärtigen Haltung, Wissen sei überflüssiger Ballast, den man getrost ignorieren oder ins Internet auslagern kann, haben die beiden Hauptfiguren Adam und Eve ein beeindruckendes Maß an Kenntnissen parat und jederzeit abrufbar. Damit nehmen sie ihre Umwelt viel bewusster wahr: Sie erkennen das Besondere, weil sie es kennen und sogar benennen können. Ihr Wissen langweilt sie nicht, sondern lässt sie sich an Besonderheiten erfreuen. Das ist der wahre Luxus, den Wissen mit sich bringt, und es bereitet ein riesiges Vergnügen, ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihr Wissen genießen. Sie kennen alle lateinischen Bezeichnungen sämtlicher Bioformen und wissen, wann Fliegenpilze ihre Zeit haben, erkennen Holzsorten und das Alter von Naturmaterialien bei Berührung, und können einem vandalisch zerstörten Musikinstrument noch die Freude abgewinnen, die Verarbeitungsstruktur betrachten zu dürfen. Sie lobpreisen die Kunst und die Wissenschaft, die sie beinahe auf eine Ebene mit den kulturellen Errungenschaften der Menschen heben. Umso verzweifelter sind sie darüber, dass die Menschen, die sie, selbst Wesen der Horrorlektüre, als andere Wesen der Horrorlektüre bezeichnen, als Zombies nämlich, so ignorant gegenüber dem Schönen sind. Nun, bisweilen, so sagt es der Film, waren es gar nicht die Menschen, die die Kulturgüter schufen, sondern Vampire, die ihre Produkte, um unerkannt zu bleiben, manchmal Menschen unterschoben. „Das war, als ich ‚Hamlet‘ geschrieben habe“, sagt John Hurt als Christopher Marlowe einmal. Marlowe gilt in der Tat als einer der wahren Shakespeare-Autoren. Solches Wissen muss man haben, um jede Anspielung in dem Film verstehen zu können – aber gottlob lässt Jarmusch den Film auch ohne Detailkenntnisse wirken. Doch ist er eine wahre Fundgrube für Checker, Nerds und Neugierige: Eve blättert in Büchern, unter denen „Don Quixote“ das bekannteste ist, oder betrachtet eine Bildergalerie, die auch Buster Keaton, Iggy Pop und Bo Diddley zeigt.

Mit Andeutungen wie diesen greift Jarmusch gern auf sein eigenes Oeuvre zurück. Iggy Pop war schon in „Dead Man“ und „Coffee And Cigarettes“ dabei, in letzterem auch Jack White, an dessen Geburtshaus Adam und Eve vorbeifahren, und Thema war für White damals der umstrittene Wissenschaftler Nicola Tesla, von dem wiederum Adam schwärmt. Typisch Jarmusch sind die Vorbeifahrten an Landschaften und Gegenden. Angelehnt an den Vorgängerfilm „The Limits Of Control“ verwendet Jarmusch auch hier für den Soundtrack zumeist Post Rock, Sludge Metal, Drone oder wie auch immer genannte Musik, die so sehr Subkultur ist, dass er sich mit im Film teilweise voll ausgespielten Tracks beim besten Willen an kein Trendpublikum anbiedert. Ebenso wie bei „The Limits Of Control“ beteiligte er sich an manchen Stücken; damals mit seiner Band „The Bad Rabbit“, dieses Mal als „Sqürl“ (von denen gibt es zwei 12“-EPs) oder mit dem niederländischen Komponisten Jozef van Wissem, mit dem er 2012 auch einige Alben veröffentlichte. Jarmusch erweist sich, wie sein Kollege Quentin Tarantino, in seiner weiteren Songauswahl als gewohnt geschmackssicher; Adam und Eve tanzen etwa zu der Soul-Single „Trapped By A Thing Called Love“ von Denise Lasalle, einem Song mit einem wunderbar gebrochenen Beat.

Adam und Eve nun sind ein Kommentar auf die Gegenwart, auf das Sozialgefüge unserer Zeit, und das so global, wie es die Wirtschaft gerne wäre: Eve lebt in Tanger, Adam in Detroit. Adam hat Depressionen und bereitet sich auf den Weltuntergang vor, Eve ist – obwohl untot – lebenslustig. Beide brauchen Blut zum Überleben, holen sich das aber als Konserven und töten eigentlich nicht mehr dafür. Der Kick, den ihnen ein Schluck reinen Blutes gibt, ist dann eigentlich auch die einzige direkte Komponente des Vampirthemas. Obgleich Jarmusch dem Umstand den ein- oder anderen Gag entlockt, wie Adam etwa im Krankenhaus mit dem Namensschild „Dr. Faust“ bei jemandem namens „Dr. Watson“ die mit Blut gefüllten Gefäße ordert. Tilda Swinton als Eve nun sieht nicht nur hinreißend gut aus, sondern verkörpert einen liebenswerten Charakter: Sie hat Wissen, Humor, Geschmack und Nachsicht, genießt gern, spielt gern Schach, ist loyal. Erstaunlich, dass sie am depressiven Adam hängt, aber die Musik, die er macht, und die Geschichten, die er erzählt, faszinieren und begeistern sie. Zusammen sehen sie aus wie Yin-und-Yang-Gothics: sie strahlend weiß, er dunkelschwarz.

Eine Handlung hat der Film eigentlich nicht. Zunächst wirkt er wie eine Dauereinführung der Charaktere, später kommt Eves Schwester Ava dazu, die nervt und sich an Adams „Zombie“-Kumpel Ian vergreift, den Adam und Eve dann entsorgen müssen. Kleiner Gag am Rande: Ian trifft in einem Club jemanden namens Scott – Scott Ian spielt bei Anthrax. Ansonsten begleitet man die Vampire schlichtweg bei ihrem Tun und Reden, und das ist, wie erwähnt, keineswegs langweilig, wenn auch still. Dafür sind Jarmuschs Bilder einfach zu schön. Und Tilda Swinton auch.

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