Martina Bartling – Lokalrunde – Verlag Andreas Reiffer 2018

Von Matthias Bosenick (14.05.2018)

Eine schöne Idee: Als Journalistin den von diversen fortbewegungsbegeisterten Organisationen erkorenen „Kleine-Dörfer-Weg“ rund um die Kernstadt Braunschweig abwandern und einen Mix aus Reiseführer und Erlebnisbericht verfassen. Vor zwei Jahren brachte Martina Bartling die 128 Kilometer und 31 Dörfer hinter sich, heute liegt das Buch vor – mit diversen historischen Anekdoten, Ausflugstipps und Eindrücken. Und ganz vielen Lücken, die sie leider mit persönlichen Nichtigkeiten füllt, anstatt etwas mehr Rechercheaufwand zu betreiben.

Mit urbaner Ignoranz weiß man vermutlich auch als Braunschweiger nicht einmal, dass es genau 31 Dörfer sind (sind es nicht, Bartling erwanderte auch Stadtteile, und als solche bezeichnet die Stadt Braunschweig auch ihre eingemeindeten Dörfer), die zur Stadt gehören, geschweige denn, dass man sie außer auf dem Weg woandershin jemals aufgesucht hat. Insofern ist es eine horizonterweiternde Idee, diesen Dörfern eine Wanderung und hernach ein Buch zu widmen. Einiges kennt man, weil man es nicht konkret dem jeweiligen Dorf zuordnet, sondern als Braunschweiger Einrichtung auffasst, wie die Klosterkirche in Riddagshausen, den Stöckheimer Zoo oder den Waggumer Flughafen. Für anderes muss man sich schon einigermaßen auskennen oder eben auf den Wanderweg machen.

Bartling entdeckte viel: in jedem Dorf eine Kirche, mit oder ohne Sitzbank, und die in Geitelde wird gern für Hochzeiten genutzt, weil sie auch innen weiß ist, einen Kokshändler in Rüningen, einen Obsthof in Geitelde, diverse Bademöglichkeiten sowie haufenweise Gegend, die sie durchmisst, weil die nun mal zwischen Dörfern herumliegt. Dann berichtet sie von ihren Unterkünften, an Gasthäuser angeschlossene Pensionen zumeist. Zu einigen weiß sie historische Hintergründe, etwa, welche in einem alten Wehrturm eingerichtet sind. Auch kritische Betrachtungen lässt Bartling erfreulicherweise zu, etwa über die Atommüllfirmen in Thune oder die zu SUV-Parkplätzen verkommene Idylle von Stiddien.

Den Großteil des Buches nimmt allerdings Bartling selbst ein. Und das in einem betulichen Stil: Sie geht an die selbstgewählte Aufgabe nicht wie eine Journalistin, sondern wie ein staunendes Kind heran. Nichts gegen Staunen, aber als Leser möchte man doch, dass der stellvertretende Wandernde die sich ihm offenbarenden Rätsel auch löst. Bartling reitet immer wieder darauf herum, dass es ihr nichts ausmacht, nach dem Weg zu fragen, ermittelt aber nie Namen oder Funktionen ihrer Gesprächspartner, sondern belässt es beim Mutmaßen. Möglicherweise ist ihre Vorgehensweise ja üblich bei Wanderbüchern, aber für Tipp- und Eindrucksuchende ist es entbehrlich, ausufernd vermittelt zu bekommen, welches Eis sich die Autorin nicht auf die Hose kleckert, dass sie Angst vor Wäldern hat, dass sich der Akku ihres Fotoapparats leert, dass sie nicht gern sauniert, wie sie ihren Rucksack wasserfest macht, wie die offenbar Menschen mit sexueller Abenteuerlust vorbehaltene Privatpension nicht ihrem Geschmack entspricht, mit wem sie am Wegesrand oder per Chat welche redundanten Gespräche führt, dass sie trotz Inaugenscheinnahme immer noch nicht weiß, wie Pferdekopfpumpen funktionieren, anstatt das zu Hause fürs Buch zu recherchieren, wie sich Magen-Darm-Beschwerden bei ihr äußern, welcher ihr liebster Fußballverein ist (nicht schwierig zu erraten) und dergleichen Nichtigkeiten mehr. Die Ausflüge in Bartlings eigene Vergangenheit haben indes einen Zweck, indem sie sie ihrer gegenwärtigen Wahrnehmung gegenüberstellt, also selbst historische Vergleiche heranzieht. Aber von jemandem, der als Lokaljournalist tätig war, ist einiges mehr an Souveränität zu erwarten. Erster Wildwechsel des Lebens im Rahmen dieser Wanderung, das lässt bedenkliche Annahmen über den Horizont der Autorin zu, die jedoch als „Diva mit Rucksack“ einen Wanderblog über Elbe und Ostsee betreibt.

Stattdessen hätte man sich mehr Geschichten aus den Dörfern gewünscht. Manche Orte lässt Bartling beinahe kommentarlos hinter sich, dabei ist es unvorstellbar, nicht für jedes Dorf mindestens einen Ansprechpartner zu finden, der Anekdoten oder Besonderheiten vermitteln kann. Seien es Heimatpfleger, Bürgermeister, Mitglieder von Sport-, Schützen- oder anderen Vereinen, Pastoren, Künstler, Feuerwehrleute, weiß der Geier; diese Gespräche hätte sie ja nicht einmal im Rahmen der Wanderung führen müssen. Selbst die Gastronomen, mit denen sie zwangsweise spricht, horcht sie nicht aus. Lediglich das Stadtarchiv darf einige Anekdoten beitragen, und die sind ein tatsächlicher Mehrwert.

Dabei kann Bartling auch anders, wie das angehängte Kapitel über ihren Spaziergang entlang der Oker rund um die Innenstadt belegt. Da schweift sie nicht unsinnig ab, sondern nutzt den Platz schlüssig und reiht Beobachtungen und Tipps anschaulich aneinander. Auf den Dörfer-Kapiteln beschleicht den Leser bisweilen das Gefühl, Bartling würde sie nur schnellstmöglich hinter sich bringen wollen und sich ansonsten in ihrem ach so skurrilen Vorhaben sonnen, Urlaub rund um ihre Heimatstadt zu machen.

Der Titel „Lokalrunde“ ist dafür grandios, den setzt Zeichner Karsten Weyershausen brillant im Titelbild um. Auch wenn der Teil nach dem Cover die Erwartungen nicht ganz erfüllt, ist die Idee lobens- und nachahmenswert. Also auf nach Stiddien, Braunschweigs kleinstem Dorf, oder nach Rühme, ins denkmalgeschützte Restaurant Wendenturm, oder in die Echternstraße, in der es einen Gewölbegang zur Stadtmauer gibt. Steht alles in dem Buch!

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