Martin „Gotti“ Gottschild & Lukas Adolphi – Die Cops ham mein Handy: Das Hörbuch – Lukas Adolphi 2018

Von Matthias Bosenick (18.10.2018)

Sich unausweichlich mit dem kolportierten Elend konfrontiert sehen zu müssen, ist das Brutale an der Hörbuchversion von „Die Cops ham mein Handy“: Mit diesem Büchlein veröffentlichte Lukas Adolphi vor gut einem Jahr den SMS-Verlauf eines Kleinkriminellen, der Adolphis Mobiltelefon nach dem Diebstahl benutzte und vor dem Geschnapptwerden nicht wieder löschte. Diese Texte offenbaren eine Gesellschaft, die mitten in Deutschland existiert und mit der man nicht in Berührung kommen möchte – trotz aller vermeintlich witziger Dummheit, Schrägheit, Trotteligkeit, Geilheit und Lachhaftigkeit, die aus den Köpfen der Beteiligten quillt. Nicht der Herausgeber übrigens, sondern Martin „Gotti“ Gottschild von Tiere streicheln Menschen liest das Buch in einer guten Stunde komplett vor.

Der Vorteil des Lesens gegenüber dem Zuhören ist hier, dass man gewisse Passagen überspringen oder wenigstens überfliegen kann, unangenehme wie redundante, seltsame wie verstörende, oder dass man Pausen einlegt, wenn die eigene Duldsamkeit endet. Das alles geht beim Hören nicht so einfach, da ist der Sprecher unerbittlich, das Elend dringt ungebremst in die Synapsen. Wer das Glück hat, sich von der Rahmeninformation distanzieren zu können, dass das authentisch ist und die kriminelle Hauptfigur den Herausgeber überfiel, kann sich über die schrägen Dialoge amüsieren, über die „ich liebe dich“s und „Kussi“s selbst zwischen Männern, über die teenagerhaften Liebes-Ause, über Schulprobleme, Drogenbeschaffung, Langeweilewochenenden und Geldsorgen, und sich dann wundern, wie sich das zunächst beinahe pastellige Geschehen bald in aggressive und sexuell fragwürdige Bereiche vorschiebt. Wer das jedoch nicht kann, fürchtet sich vor seinen Mitmenschen: Jeder von denen könnte ein Marco sein. Was hat, fragt man sich, die Jugend von heute für Moralvorstellungen?

Der Bestohlene ist seit Anfang des Jahres selbst auf Lesetour mit dem Heftchen, für die Hörbuchversion lässt er indes jemand anders zu Wort kommen: „Gotti“ vom Humorprojekt Tiere streicheln Menschen trifft den Ton bestens, mit seiner leicht berlinernden Sprechweise und einer Kodderigkeit, die dem Inhalt angemessen ist. Gegen die Umsetzung an ich ist also nichts einzuwenden, wenngleich auch hier die ewigen Auflade-Aufforderungen des Mobilfunkanbieters wie schon im Text sehr nerven. Zuletzt ist man froh, es überstanden zu haben, entsetzt über das Gehörte, obwohl man es aus dem Buch schon kennt, und atmet auf, dass der Typ geschnappt wurde – aber ahnt sogleich, dass davon noch viel, viel mehr herumlaufen.

Im Sinne der Sache ist das Hörbuch gelungen, unter den genannten Aspekten kann der Genuss aber eine Qual sein. Dem Herausgeber kann man da nichts anlasten, der hat sich das Ganze ja nicht ausgedacht und ist selbst nur zum Nutznießer gewandeltes Opfer. Anlasten kann man ihm höchstens die Urheberschaft, schließlich ist seine kreative Leistung darauf beschränkt, einen existierenden Chatverlauf zu transkribieren und als Buch herauszubringen. Und selbst diese Idee gab es schon mal: „Die Jule mit dem Pizzabrötchen“ bündelt Chats aus einem erworbenen Gebrauchttelefon. Aber nicht als Hörbuch, da ist „Die Cops ham mein Handy“ ein Original. Und was für eines.

Zu beziehen als Download oder CD unter lukasadolphi.com.

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