Die Brücke IV (Broen/Bron IIII) – Edel:Motion 2018

Von Matthias Bosenick (13.12.2018)

So findet nun leider diese formidable Thrillerserie ein Ende, die Vorlage für Remakes rund um den Globus war: In der vierten und finalen Staffel der Dänisch-Schwedischen Koproduktion treffen die autistische Saga Norén aus Malmö und der Junkie Henrik Sabroe aus Kopenhagen zum zweiten Mal aufeinander, um beide Länder betreffende Morde aufzuklären. Schöne Bilder, vielschichtige Figuren, Düsternis und Einblicke ins Leben der nordischen Nachbarn machen diese Serie so reizvoll. Ihr Ende bedauert man daher und sieht gnädig über die Schwächen in diesem der Serie angemessenen Finale hinweg.

Insbesondere, wenn man „Die Brücke“ im Anschluss an die zweite Staffel „The Team“ guckt, fallen die positiven Eigenschaften ins Auge. Ästhetische Ansichten, reizvolle Schnitte (zumindest anfangs, später werden sie konventioneller, dafür zieht das Erzähltempo an), tatsächlich ermittelnde Polizisten, viele Verdächtige, überraschende Wendungen. Vielleicht liegt es an dieser hohen Qualität und an den liebgewonnenen und zu Recht gefeierten ersten drei Staffeln, dass man die Untiefen klarer wahrnimmt: Einiges hätte nicht sein müssen, da ist man Besseres gewohnt. Aber das ist Kleinvieh.

Staffel 4 setzt direkt nach der dritten an. Saga sitzt im Knast, weil man ihr den Mord an ihrer Mutter vorwirft, während Henrik schon den nächsten Fall in Arbeit hat, den er eigentlich mit ihr lösen würde: Die Dänische Flüchtlingeabschiebebeauftragte wird gesteinigt aufgefunden. Was zunächst wie eine politisch motivierte Reaktion auf ein globales Problem aussieht (hier vermutet man eher Linke als Rechte und sympathisiert sogar mit ihnen), bekommt mit jeder weiteren Leiche andere Züge, und nachdem Saga als unschuldig beurteilt mitarbeiten darf, entwickelt sich der Fall zu einem privaten Rachefeldzug gegen ausgewählte Ermittler. Parallel löst Saga noch den Fall um das Verschwinden von Henriks Frau und Kindern sowie den ihrer eigenen Familie.

Sieben Opfer gibt es, zu jedem Opfer Angehörige und damit Verdächtige, außerdem Kollateraltote sowie weitere Kriminelle. Sie alle sind in einem Netz verwoben, das sich erst im Laufe der Ermittlungen überhaupt als Netz offenbart. Auch in den Reihen der Polizei treffen alte Bekannte und Fremde aufeinander, der historische Diskurs zwischen Dänen und Schweden blitzt beiläufig durch. Man muss also enorm aufmerksam sein, um den Anschluss zu behalten; einige Figuren ähneln sich, anderer Figuren Namen vergisst man, und es ist nicht sofort klar, was welcher Seitenarm überhaupt noch mit der Geschichte zu tun hat. Zum Beispiel der mit dem gewalttätigen Taxifahrer, der das erste Mordopfer fuhr und dessen Ex und Sohn sich in einer schwedischen Privatsiedlung zu verstecken versuchen – die Relevanz einiger Bewohner für andere Seitenarme des Falles offenbaren sich erst spät und dann überraschend, wenngleich es etwas gezwungen wirkt, dass wirklich alle irgendwie zusammenhängen, auch fallübergreifend. In vielen Charakteren liegen überraschende Züge, zum Schlechten wie zum Guten; manche verbergen Bosheit, andere entwickeln so etwas wie Gemeinsinn, der nächste verzeiht seiner ihn betrügenden Frau.

Einzig unglaubwürdig ist die im Mittelteil erzählte Geschichte, die sich zwangsläufig zwischen Saga und Henrik entwickelt. Die Asperger-Autistin will bei ihm bleiben, und weil sie das von sich aus nicht hinbekäme, sobald ein drittes Wesen dort lebt, treibt sie ohne Absprache ihr gemeinsames Kind ab, woraufhin Henrik sie des Hauses verweist. Kann man bei Saga noch ihren Autismus als Argumentationsgrundlage akzeptieren, fasst man Henrik nur noch als unempathisches Arschloch auf. Die Story arbeitet ihn anschließend niemals als Idioten heraus; erst, als Saga wieder in seinem Sinne wirkt, findet er seinen Frieden mit ihr. Das ist charakterlos und unsympathisch und verleidet es einem, das Ende mit aller angebrachter Wehmut zu zelebrieren.

Natürlich ist klar, dass die Autoren mit dieser Saga-Seite ihre Form des Autismus und ihre immanente Unfähigkeit zur sozialen Interaktion herausarbeiten wollen. Dafür kreieren sie zahllose Situationen, in denen Saga nach üblichem Denken versagt; wenn sie Leute offen auf Sex anspricht, Eheleuten die gemeinsame Elternschaft abspricht oder Lob wegwischt. Solches hat zwar den unschönen Beigeschmack des Vorführens und wirkt vermutlich lustig in den Augen Uneingeweihter, doch wer sich mit Asperger-Autismus auseinandergesetzt hat, erkennt zumindest, dass die Autoren recht gut aufgepasst haben. Gleichzeitig ist es Saga, die mit ihren speziellen Methoden den Fall immer wieder in entscheidende Richtungen lenkt. Mit der formidablen Saga allein hat die Serie ein Alleinstellungsmerkmal, aber es kommen eben noch die Stimmung und die Bilder und alles dazu.

Diese Stimmung ist dieses Mal auch anders als sonst. Zwar ist zunächst von einem globalen Problem auszugehen, eben der Flüchtlingskrise, verliert das Geschehen doch bald an öffentlicher Relevanz. Somit geht dieses Mal kein mysteriöser Angstgegner um, der die Bürger in Schrecken versetzt, sondern lediglich die Ermittler auf Trab hält. Etwas gezwungen wirken hierbei manchmal die Zufälle, die über die Zusammenhänge gebieten; die Straßenkids klauen natürlich ausgerechnet das Handy des Täters. Die Vielzahl der Figuren ist zudem ein Grund, warum einige nach einer Zeit der dringenden Verdächtigkeit wie plötzlich weggeworfen nicht mehr auftauchen; der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Mit diesem Vorgehen vermeidet man indes auch den Blick auf manche Ungereimtheiten, wie jahrelang unbehelligt verschleppte Kinder, privat aufgenommene Jugendkriminelle oder Wunderheilungen. Damit setzt die Reihe sich also auch in ihren Schwachpunkten fort, aber nicht mehr so ausgeprägt wie noch in Staffel III.

Egal, das Ende betrachtet man mit Wehmut, mindestens Saga wächst einem ans Herz, aber auch die anderen, die internationalen Techniknerds, die Vorgesetzten, und Henrik trotz allem ja auch. „Everything goes back to the beginning“, singen Choir Of Young Believers seit der ersten Staffel nach jeder Folge, und dieses Mal stimmte es in Bezug auf eine Person sogar, nur dass dieser Beginn in der Mitte liegt. Wer weiß, eines Tages, mit etwas Zeitabstand, ergibt sich vielleicht doch noch ein neuer Fall für die Polizei aus Kopenhagen und Malmö.

Übrigens: Wegen der Sprachen sollte man die Serie zwingend im Original gucken, weil man auf Deutsch nicht erfasst, wer aus welchem Land kommt oder wo eine Szene gerade spielt. Blöd nur, dass die Untertitel auf der DVD ausschließlich auf Englisch sind: Mit manchen Fachbegriffen hat man dann so seine Probleme und versteht nicht jede Wendung auf Anhieb.

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