Wolfgang Schorlau – Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter (gelesen von Bjarne Mädel) – Argon Hörbuch 2026

Von Guido Dörheide (02.03.2026)

Von Wolfgang Schorlau kenne ich bislang nur „Die schützende Hand“ (2015), eine fiktive Geschichte, in die der Autor umfangreiche Rechercheergebnisse über den „NSU“-Skandal (sorry, als Autofan kann ich „NSU“ in diesem Zusammenhang nicht ohne Gänsefüßchen schreiben) einfließen hat lassen und bei der ihm auch der Spagat gelingt, Fiktion, Fakten und eigene Theorien transparent in Einklang zu bringen. Das war damals eine Empfehlung meiner Lieblingskollegin, danke nochmal dafür!

Dieser Tage hat Schorlau nun eine weitere fiktive Geschichte veröffentlicht, nämlich die des Gasmanagers Karsten Richter, der vom neuen Bundeskanzler Fred Klein als Wirtschaftsminister vorgesehen ist, um die Bundesrepublik Deutschland raus aus den regenerativen Energien und zurück zum Gas zu führen. Schließlich profitieren die Energiekonzerne davon mehr als von der Einspeisung von Solarstrom gegen Vergütung durch alle möglichen Akteure, von Privathaushalten bis hin zu mittelständischen Unternehmen und großen Konzernen. Wobei die Mittelständler und Großkonzerne auch nur ungern auf die Einspeisevergütung verzichten wollen, wie Karsten Richter schnell merkt, als er der Gaslobby die Abschaffung der Vergütung zusichert und es dann mit dem CEO eines badischen Chemiekonzerns zu tun bekommt, auf dessen Produktionsanlagen haufenweise Solaranlagen montiert sind.

Richters Mutter ist eher ökologisch und humanistisch unterwegs und kündigt vor Karstens Ernennung zum Wirtschafts- und Energieminister eine Pressekonferenz mit dem Titel „Mein Sohn Karsten, die Ökosau“ an. Karsten kann ihr das vermeintlich erfolgreich ausreden, um dann feststellen zu müssen, dass Mudda den Titel ihrer Pressekonferenz nach dem wohl doch nicht erfolgreichen Gespräch mit ihrem Sohn in „Mein Sohn Karsten, die korrupte Ökosau“ korrigiert hat. Fred Klein macht Karsten Richter deutlich, dass er kein Minister werden würde, wenn seine Mutter an ihrer Kampagne festhielte, und so kommt es Richter sehr gelegen, dass seine Mutter entführt wird, die Pressekonferenz nicht stattfinden kann und er zum Minister ernannt wird.

Beim Hören des kurzen und urst unterhaltsamen und scharfsinnigen Werkes (der Roman umfasst nur ca. 150 Seiten, mehr braucht Schorlau nicht, um Friedrich Merz’ und Katherina Reiches – ja genau, hier hat Schorlau die Initialen und den Werdegang Karsten Richters entliehen – Politik zu analysieren und vorzuführen) hatte ich den Eindruck, dass Schorlau den Roman schreibt, während er die Nachrichten zur Kenntnis nimmt und verarbeitet, die ich während des Hörbuchhörens lese. Wie macht der Mann das?

Nun, er macht es auf jeden Fall großartig. Richters großkotzige Rhetorik voller „Mindsets“ und „Lebenswirklichkeiten unserer Wähler“ lässt die Hörenden sowohl lachen als auch vor Entsetzen erstarren, Richters militante Ablehnung wissenschaftlicher Fakten bezüglich des Klimawandels verdeutlicht auf das Eindrucksvollste, warum man in Diskussionen mit Demagogen und Populisten immer den Kürzeren zieht, einzig Richters Mutter ist ein Leuchtturm des Guten, Schönen und Wahren inmitten der christlich-konservativen Abgründe, die Schorlau seinen Lesern vor Augen führt.

Brutal witzig sind die Telefonate, die Richter mit den Entführern seiner Mutter führt („Hallo Wichser.“ – „Nennen Sie mich nicht Wichser!“ – so beginnt jedes einzelne verdammte Telefonat), die in ihrer Geiselhaft vehement gesundes Essen und eine rauchfreie Umgebung einfordert und die Entführer (mit denen sie sich binnen kürzester Zeit duzt, „Arndt“ heißt der Rädeslführer, der dann zum Beweis, dass sie noch am Leben ist, „Edith“ ans Telefon bittet, damit sie mit ihrem Sohn Karsten reden kann) langsam, aber sicher in den Wahnsinn treibt.

Brutal erschreckend sind die Passagen, die Richters Amtsführung (wer dem Herrn Minister nicht nach dem Mund redet, wird gefeuert) und seine Diskussionskultur (er leugnet wiederholt Fakten, bedient sich einer rechtspopulistischen, aggressiven Rhetorik und stellt die Akkumulation von Wählerstimmen über alles) beleuchtet werden.

Brutal ernüchternd sind die Fakten über den Klimawandel, die Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland von den fossilen Brennstoffen aus Schurkenstaaten und den Verlust der Technologieführerschaft bei den regenerativen Energien, die das Hin und Her der Regierung bei der Klimapolitik herbeiführt.

Wolfgang Schorlau führt den Lesenden den Wahnsinn und den Irrwitz der verlogenen und klientelbezogenen Klimapolitik der Merzadministration vor Augen und schafft es dabei, wirklich gut zu unterhalten. Am Ende, als Richter ob seines eiskalt karrierebezogenen Umgangs mit der Entführung seiner Mutter und seines borniert-arroganten Umgangs mit allen beruflichen Herausforderungen bis zum Hals in der Scheiße steckt, wartet Schorlau mit einem überraschenden Ende auf, bei dem einem auf der einen Seite das Lachen im Halse steckenbleibt, das aber auf der anderen Seite auch nicht verwundert.

Der beliebte Schauspieler Bjarne Mädel („Stromberg“, „Die Könige der Nutzholzgewinnung“, „Der Tatortreiniger“, „Mord mit Aussicht“, „Sörensen“) hat das Hörbuch eingelesen, und das hat er richtig gut gemacht. Seine Stimme und sein Tonfall sind unverkennbar, sympathisch und witzig, und wie er hier zwischen ignorant-arrogant (Karsten Richter), brutalstmöglich brutal (Fred Klein), überlegen und weise (Edith) und bemitleidenswert prollig (Entführer Arndt) hin- und herchangiert, ist Weltklasse.

„Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter“ führt uns vor Augen, von was für einer Regierung wir derzeit regiert werden, macht deutlich, dass die Ampelregierung besser war als ihr Ruf, und lässt darauf hoffen, dass mehr und mehr Menschen sich genau darüber klar werden.