Von Onkel Rosebud
Eine der schillerndsten Figuren der musikalischen Subkultur der DDR war quasi ein Wessi namens Aljoscha Rompe (* 1947). 1980 beantragte und erhielt er einen Schweizer Pass, da sein leiblicher Vater Schweizer und auch seine Mutter durch Heirat Schweizer Staatsbürgerin geworden war. Mit 14 hatte er zwar den Personalausweis der DDR bekommen und wurde als sogenannter Doppelstaatler bei den Behörden geführt. Er war aber nie offiziell DDR-Staatsbürger. Die Reisefreiheit nutzte Aljoscha später immer wieder, um Instrumente und Ausrüstung aus West-Berlin in die DDR einzuführen. Sein Stiefvater Robert Rompe war als hochrangiger Wissenschafts-Funktionär und angesehener Professor für Physik Mitglied im Zentralkomitee der SED. Auch Aljoscha war vor seiner Musikkarriere als Physiker tätig, verbüßte aber schon 1978 eine dreimonatige Haftstrafe wegen der Mitarbeit an einer oppositionellen Publikation, die ihm den Startschuss für eine lange Beziehung mit der Stasi einbrockte, wobei er selbst nie zum IM wurde.
Aljoscha wohnte von 1979 bis 1990 in der Fehrbelliner Straße 7 im Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, in den frühen 80ern auf seine Einladung hin Anlaufstelle und Probemöglichkeit für die Bands „Skunks“ und „Planlos“, später auch für „die anderen“. 1983 gründete er zusammen mit Paul Landers, Alexander Kriening und Flake Feeling B, die bekannteste Underground-Band der DDR. Der Song „Ich such‘ die DDR“, eine Coverversion von Jiří Korns „(Ich such die) Yvetta“, ist einer ihrer größten Hits. Seine Dachwohnung war Proberaum von Feeling B und Anlaufpunkt für alternative Jugendliche aller Art.
Von 1990 bis 1999 lebte er in einer Art Kommune in einem besetzten Haus auf der Schönhauser Allee, bis er als letzter Bewohner nach vielen Schikanen das Haus verließ. Dort gründete er 1990 den Verein „Wydoks“, um in dem Haus ein alternatives Wohn- und Kulturzentrum zu etablieren. In den frühen 1990er Jahren reiste er viel und lange, u.a. nach Goa in Indien, wodurch sich sein musikalischer und spiritueller Horizont verschob.
Flake und Paul wurden Mitglieder von Rammstein, wo bekanntlich Glieder eine vornehmliche Rolle spielten – ohne Anarchie und ohne Aljoscha. Und sie werden Millionäre. Aljoscha blieb arm dran und reaktivierte seine schon seit 1988 betriebene Session-Formation „Santa Clan“, die 1997 sogar noch zu Feeling B-Neu umbenannt wurde. 1999 fand deren letztes Konzert statt.
Als eine Maklerfirma 1998 das Haus „Schönhauser 5“ aufkauft und in repräsentative Eigentumswohnungen umwandelt, stellt Aljoscha den Kampf noch nicht ein, aber er tritt den Rückzug an. Er kauft sich einen alten Campingbus, stellt den ein paar Straßen weiter auf einen Hinterhof. Es wird leiser um ihn.
Auf dem Hinterhof im Sanierungsgebiet wird Aljoscha von einem Bauarbeiter am 23. November 2000 tot aufgefunden. Er starb mit 53 Jahren in seinem Wohnmobil an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Die Vermutung liegt nahe, dass er zu bedröhnt war, die Heizung vernünftig zu bedienen.
Das alles weiß ich aus dem sehr lesenwerten Buch „Feeling B – Mix mir einen Drink – Punk im Osten“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) von Ronald Galenza und Heinz Havemeister. Warum gibt es eigentlich noch kein Biopic über Aljoscha? Meine Feundin könnte sich Lars Eidinger gut in der Hauptrolle vorstellen.
Onkel Rosebud
