The Ultimate Dreamers – Paradoxical Sleep – Spleen+ 2025

Von Matthias Bosenick (19.03.2025)

Wenn’s alles schon gibt, man es aber so sehr mag, dass man es auch machen möchte, hat man 40 Jahre später die angenehme Option, sich einfach bei seinen Lieblingselementen zu bedienen und sie zu einem eigenen Gericht zusammenzufügen. So verfahren The Ultimate Dreamers aus Brüssel mit allem Gruftigen, kombinieren auf ihrem dritten Album „Paradoxical Sleep“ oldschoolige Synthies mit etwas moderneren Gitarren und generieren eine Mucke zwischen Cold Wave, Synth Goth und Wave Rock. Man hat viele Momente des Wiedererkennens und bekommt dennoch einen Haufen neuer Songs. Nach Früher klingen dürfen sie aber auch, schließlich existierte das Quartett bereits Ende der Achtziger – vorübergehend, und erst seit fünf Jahren wieder so richtig.

Grundsätzlich gehen die vier Musizierenden von The Ultimate Dreamers sehr zurückhaltend vor, auch wenn das Tempo mal ein wenig flotter vorangehen sollte. Das mit dem Cold im Wave lässt sich durchaus bestätigen, der Sound transportiert eine genretypische Kälte, eine Distanziertheit, die sich auch im männlichen, zurückgenommenen Gesang ausdrückt. Lediglich die E-Gitarre bekommt bisweilen einen organischen Anstrich, insbesondere, wenn sie unerwartet zu bratzen beginnt. In solchen Momenten erscheint das Gesamtbild auch umso weniger in den Achtzigern verankert, wie es die synthetischen Sounds zumeist vorgeben, und das ist ein wohltuender Kunstgriff. Insgesamt verführt die Musik hier dazu, sich mit gesenktem Haupt drei Schritte vor und drei zurück zu bewegen.

Nun bedienen sich die Belgier bei allen möglichen Helden der Szene, generieren aus ihren Einflüssen aber keinen auf die 13 Tracks verteilten Einheitsbrei, sondern eben ein gutes Dutzend divers ausgeprägter Songs. Die Kombi aus Synthies und Gitarren war ja in den Achtzigern recht gängig, von Clan Of Xymox über The Fair Sex und The Neon Judgement bis Trisomie 21, und all solche Bands schimmern hier leicht durch. Teile von „Spiritchaser“ erinnern zudem an „Nowhere Girl“ von B-Movie. In „Into The Fog“ klingt die poppige Ausprägung von Joy Division an, circa „Love Will Tear Us Apart“. Die starke elektronische Schlagseite von „Kids Alone“ mit den Gitarren darin lässt die Sisters Of Mercy ahnen, der Bass-Effekt von „Looking For“ ist einem von The Cure der frühen Achtziger vertraut. An And Also The Trees denkt man, während „The Knife“ läuft, und als Rauswerfer kombiniert das Quartett in „Awakening“ nochmal alles, was es hat, schiebt den höchstmöglichen Level an Energie hinein, experimentiert etwas herum und beendet den Reigen mit punktierten Bass-Drums. Ein schöner Abgang!

Die Geschichte von The Ultimate Dreamers lässt sich nur detektivisch ermitteln: Mitte der Achtziger gründeten die drei Schulfreunde Laurent, Frédéric und Joël mit zwei weiteren Freunden die Band No Position, trennten sich aber bald wieder. Übrig blieben 1986 Laurent, Fred und Jo und nannten sich The Ultimate Dreamers, nach zwei Jahren kam Bertrand dazu. 1989 verließen Laurent und Bertrand die Band wieder, Jo und Fred machten noch eine Weile zu zweit weiter mit wechselnden Gastmusikern, scheiterten mit dem Versuch aber. Die Band lag ab 1990 offiziell bei den Akten. Jo gründete ein Label, spielte in diversen anderen Bands und wurde kurioserweise Wrestler, Betrand spielte nur für sich noch Gitarre und Fred organisierte die Fantastique.Nights und promotete Bands.

Vor ungefähr fünf Jahren nahmen Fred, Jo und Bertrand den Faden wieder auf, offenbar ausgelöst von pandemischem Leerlauf, nun aber in Brüssel, und veröffentlichten 2021 das Debüt „Live Happily While Waiting For Death“ mit Material aus der Gründungszeit sowie 2023 den Nachfolger „Echoing Erverie“, und das sogar auf Alfa Matrix. Das dritte Album nun produzierte wie jenen Vorgänger Len Lemeire, eine Hälfte des Projektes Implant und mit Front-242-Sänger Jean-Luc de Meyer Teil von 32Crash. Kein Wunder also, dass Patrick Codenys vor zwei Jahren vom Song „Big Violent“ einen „Front 242 Cutter Mix“ anfertigte. Zur Besetzung indes lässt lassen sich lediglich Vornamen ermitteln: Bertrand (Gitarre), Frédéric (Gesang, zweiter Bass; mal als Fred Cotton, mal als Fred Gossypium zu finden), Joël (Bass) und Sandrine (Keyboards, Cello, klassisch ausgebildet und offenbar Neuzugang, Nachzüglerin für den vorhergehenden Neuzugang Sarah).