The Perc – Electric Kindergarten Vol. 10: Chapters & Suites – Tribal Stomp 2025

Von Matthias Bosenick (01.04.2025)

Auf die mehrteiligen Stücke seiner diversen Bands und Projekte, also auf „Chapters & Suites“, konzentriert sich der vielseitige norddeutsche Indie-Künstler Tom Redecker alias The Perc im zehnten Teil seiner Archivreihe „Electric Kindergarten“. Aus fünf Alben zwischen 1989 und 2017 bedient er sich, vom Synthie-Projekt Taras Bulba, dem All-Star-Kraut-Ensemble The Electric Family, seiner Ur-Indie-Band The Perc Meets The Hidden Gentleman und einem freakrockigen Solo-Album. So divers ist der Mann, hier bekommt man einen eindrucksvollen Beleg dafür!

Die Reise beginnt 1993 mit „The Moonblood Suite“ von Taras Bulba, erschienen auf „Sketches Of Babel“. Dabei handelt es sich um das viel zu kurzlebige Synthie-Projekt von Tom Redecker und Volker Kahrs, Ex-Grobschnitt, ebenso Ex-The Electric Family. „Part One: The Time Has Come“ ist ein Synthie-Klassik-Intro, das den Weg ebnet für „Part Two: Pierres Sacradees“ mit einem Electro-Hip-Hop-Rhythmus, der, obschon im Sound der Zeit verhaftet, trotzdem nicht gestrig klingt. Die Passage ist chillig und erinnert an Enigma, insbesondere mit der orientalischen Anmutung. Der Gesang kommt von jemandem namens Lea Doit, die ansonsten nicht weiter in Erscheinung trat; möglicherweise handelt es sich um Schauspielerin Léa Saby. „Part Four: Dance Of The Fisherman’s Wife“ singt dann Redecker, und diese Sequenz hat trotz bombastischer Electro- und Sakral-Grundierung die größte The-Perc-Wiedererkennbarkeit.

Erstaunlich, wenn man anschließend „Sun Sketches“ von The Percs Solo-Album „Worldlooker“ aus dem Jahr 1995 dagegenhält. Dieses Indie-Freak-Rock-Album spielte er mit zahlreichen Gästen ein, darunter Kastrierte Philosophen und Langzeit-Buddy Harry Payuta. Für den genannten Song braucht er indes nur zwei Gäste, den Löwenanteil übernimmt der Chef, das Schlagzeug überlässt er Dieter Serfas von Amon Düül und Amon Düül II sowie Embryo, und diverse zusätzliche Saiteninstrumente spielt ein weiterer treuer Dauerbegleiter ein, nämlich Jochen Schoberth. Das Suitenartige ist hier nicht so leicht erkennbar, trotz der ausgewiesenen Strukturierung, hier geht alles fließend ineinander über wie bei einem gewöhnlichen ungewöhnlichen Song, mit einer hypnotischen Gniedelelegie am Ende.

Zweimal widmet sich Redecker nun The Electric Family, zunächst mit „Betancuria“ vom Album „Tender“ aus dem Jahr 1999. Diese Familie ist ein Neo-Krautrock-Projekt um Redecker, Payuta, Kahrs und Schoberth sowie – auf diesem Album – unter anderem noch Thorsten Glade, Tex Morton, Peter Apel, Franz Powalla (Lokomotive Kreuzberg), The Voodoo sowie Jazz-Sängerin Evelyn Gramel. Das Stück startet mit „The Conquest“ als Schunkler im Duettgesang, geht mit „Morro de la Cruz“ über in noisigen Feedback und dann bei gleichbleibendem Tempo in Trance und dann in beides kombiniert, wird beinahe zu Techno und kehrt mit „Loveflow“ wieder die Schunkel-Ballade mit Duettgesang zurück. Auf der Compilation „The Long March (… From Bremen To Betancuria)“ aus dem Jahr 2018 gibt’s diese sowie noch weitere Chapters & Suites von The Electric Family.

Diese jedoch nicht: „The Dreamboat“ erschien 2017 auf „Terra Circus“. Die Besetzung dieser Familie differiert, Payuta blieb, als weiterer Langzeit-Mitmusiker ist hier Rolf Kirschbaum mit dabei. Das Stück ist eine fesselnde Uptempo-Rocknummer mit Orgel und energetisch vorgebrachten Vocals, beinahe wie von Mark E. Smith. Die pure Energie strömt aus den Lautsprechern, alle verausgaben sich hörbar und ansteckend. Auch hier ist das Suitenartige uneindeutig, man kann das Herunterfahren der Energie bei beibehaltenem Tempo gegen kurz vor Schluss als Kapitelübergang zu „Back In The Yard“ auffassen, aber so sind es eben fast acht Minuten Dauerpower, die man nur zu gern durch sich hindurchrauschen lässt.

Zuletzt kehrt Redecker quasi zurück zu seinem Anfang und bringt den Hit „Rock The Widow“ unter, in der Version inklusive „That Glass Indian“ vom 1989er Album „Two Foozles At The Tea Party“ von The Perc Meets The Hidden Gentleman, seinem Duo mit Emilio Winschetti. Gast ist hier bereits Kirschbaum, nebenbei. Man hört synthetische Drums und eine Bontempi-Orgel, das Ding ist ein absolut einnehmender Hit mit einem Dialog-Teil vor dem Refrain, der seinerseits sowas von im Ohr bleibt. Alsbald driftet das Stück in eine Orgelsequenz mit trancig gniedelnder Gitarre und fortgesetzten Dialogen, das muss der „That Glass Indian“-Teil sein, und kehrt übergangslos zurück zum Hauptsong, als wäre nix. Amen!

Also: Downbeat-Electro, Freak-Indie, Klassik, Hardrock, Synthiepop – Redecker tobt sich in allen unmöglichen Genres aus und überzeugt in jedem. Keines dieser Stücke ist indes radiotauglich, allein der Länge wegen – obwohl „Rock The Widow“ seinerzeit sehr wohl im Radio lief, dann aber ohne Kapitel und Suiten. Verdient hätte es die lange Version aber kaum minder.